StudiVZ, Facebook, Myspace und Co.:
Der Niedergang der Netzwerke
16. Mai 2008 07:42
 |  Sozial oder unsozial? Startseite von StudiVZ | Screenshot: nz |
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Sie gelten vielen als Gelddruckmaschinen und machen oft doch nur Minus: Blogger
Don Alphonso über das Online-Wachstum und die wirtschaftlichen Grenzen der sogenannten sozialen Netzwerke.
Klickgiganten, Besuchermagnete, die zukünftigen Gelddruckmaschinen des Internets - es ist nur ein paar Monate her, da galten sogenannte soziale Netzwerke noch als die heißesten Geschäftsmodelle der digitalen Wirtschaft. Die Erfolge und Storys rund um Firmen wie Facebook, Stayfriends und Myspace riefen weltweit Kopisten und Nachahmer auf den Plan, und seitdem der Facebook-Klon StudiVZ für ca. 80 Millionen Euro an den Medienkonzern Holtzbrinck verkauft wurde, hat das Netzwerkfieber auch Deutschland erreicht.
Doch seit ein paar Wochen mehren sich die Anzeichen, dass diese Projekte nicht das halten, was ihre Businesspläne versprachen. Zwar planen Facebook, Myspace und Google ihre Netwerke einander zu öffnen und selbst StudiVZ macht seine Programmierschnittstellen erstmals externen Entwicklern zugänglich. Doch wie problematisch es sein kann, die Zukunft des eigenen Konzerns zu eng mit dem Kauf eines sozialen Netzwerkes zu verknüpfen, musste erst Mitte April der Medientycoon Rupert Murdoch mit Myspace und seiner Firma News Corp erleben.Murdoch hatte das inzwischen weltweit größte soziale Netzwerk Mitte 2005 für 580 Millionen US-Dollar (derzeit etwa 375 Millionen Euro) gekauft und bei News Corp eingegliedert. Eine geringe Summe angesichts der 900 Millionen, die Google etwas als ein Jahr später bezahlte, um Myspace exklusiv die Such- und Werbetechnik zu stellen. 230.000 Neuanmeldungen täglich, über 200 Millionen Mitglieder weltweit - Myspace lieferte großartige Zahlen, mit einer Ausnahme: bei den Einnahmen.
Als Mitte April Analysten über verfehlte Erwartungen von News Corp für Myspace spekulierten, brach der Kurs an der Börse ein. Mittlerweile hat News Corp Probleme bei der Vermarktung des angeblichen Zukunftsgeschäfts Myspace eingeräumt. In der Folge stürzte News Corp an der Börse ab und verlor rund zehn Prozent oder über vier Milliarden Dollar (knapp 2,6 Milliarden Euro) an Wert.
Facebook macht Verluste
Die Aktionäre dürfte es kaum beruhigen, dass es anderen nicht besser ergeht. Lange Zeit galt Facebook als gefährlichster Rivale von Myspace. Die Gründung des Studienabbrechers Marc Zuckerberg verfügt nach Eigenangabe über 70 Millionen Nutzer, die sich im Gegensatz zu den oft minderjährigen Mitgliedern von Myspace eher aus jungen Erwachsenen und damit einer lukrativeren Zielgruppe rekrutieren.
 |  Facebook auf Deutsch | Screenshot: nz |
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Microsoft ließ sich eine kleine Beteiligung an Facebook 240 Millionen Doller kosten, die die Firma theoretisch mit 15 Milliarden Dollar bewertete. Facebook führte neben Werbung das Projekt «Beacon» ein, durch das Mitglieder des Netzwerkes automatisch erfuhren, was ihre sozialen Kontakte im Internet kauften und nutzten. Beacon erwies sich als veritabler Rohrkrepierer: Statt mehr zu kaufen, liefen Nutzer und Datenschützer Sturm gegen diesen Versuch, soziale Bindungen ohne Rücksicht auf die Privatsphäre zu kommerzialisieren.Facebook knickte schnell ein, muss aber damit leben, dass als Folge des nachlässigen Umgangs mit privaten Informationen seit Anfang 2008 in Amerika striktere Regeln für ihre Verwertung gelten. Facebook macht immer noch Verluste im dreistelligen Millionenbereich, und hat nicht gerade sozial auf die Probleme reagiert: Alte Weggefährten von Zuckerberg haben die Firma verlassen und wurden durch erfahrene Manager ersetzt.
Der Erfolg von StudiVZ und SchülerVZ …
Auch an anderen Fronten bekommt Facebook inzwischen Gegenwind zu spüren: Egal, ob Klagen wegen Persönlichkeitsschutz oder fragwürdiger Werbebanner, ein jüngst gemessener, scharfer Rückgang bei der Aktivität der Nutzer oder auch die Expansion außerhalb des englischen Sprachraums; die Zeiten der leichten Siege und des ungebremsten Wachstums scheinen vorbei zu sein. Die deutsche Version kommt bislang gegen den Konkurrenten StudiVZ kaum voran, obwohl die Gebrüder Samwer, die schon in StudiVZ investiert hatten, heute an Facebook beteiligt sind.Die Berliner StudiVZ Ltd. hat es seit der Gründung vor nur zweieinhalb Jahren geschafft, zusammen mit der Tochter SchülerVZ die beiden größten deutschen Netzwerke zu entwickeln. Trotz einer Vielzahl von Skandalen und persönlichen Verfehlungen der Gründer wurden beide Communities zu einem für viele unverzichtbaren Teil des Onlinelebens.
Bis vor vier Monaten schien nichts das rasante Wachstum bremsen zu können, und mit dem im Februar dieses Jahres gestarteten MeinVZ als Netzwerk für alle peilte man 14 Millionen Mitglieder bis zum Jahresende an. Gleichzeitig wollte man bis dahin Gewinne schreiben.
… und seine Grenzen
Um dieses Ziel zu erreichen, führte StudiVZ neue Geschäftsbedingungen ein, die für einen Sturm der Entrüstung sorgten. Zusammen mit einigen eher unglücklichen Äußerungen des StudiVZ-Chefs zur Weitergabe von Informationen über Kiffer an die Polizei handelte sich die Firma massiven Ärger mit ihren Nutzern und viel schlechte Presse ein.
 |  Startseite von MeinVZ | Screenshot: nz |
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Das blieb nicht ohne Folgen: MeinVZ wird bislang kaum benutzt, und StudiVZ versucht mit Sonderaktionen weitgehend vergeblich, die älteren Nutzer zu einem Umzug nach MeinVZ zu überreden. Nur wenn dort genügend Mitglieder sind, die andere Personen zum Beitritt auffordern, könnte MeinVZ seine Wachstumsziele erfüllen.Von der Erwartung, mit StudiVZ noch dieses Jahr in die schwarzen Zahlen zu kommen, hat sich Holtzbrinck mittlerweile offiziell verabschiedet. Seit Februar stagnieren auch die Nutzerzahlen von StudiVZ und SchülerVZ auf hohem Niveau - ungewohnt für den Marktführer, der das Ende des Wachstums zuerst mit einer Softwareumstellung zu erklären versuchte. Es kann aber auch an der Vorsicht der Nutzer liegen: Eine Stichprobenauswertung des Verfassers ergab, dass rund ein Drittel von tausend Nutzern bei StudiVZ ihren Namen verbergen, verheimlichen oder fälschen.
Verborgene Nutzer
Das ist wenig überraschend nach diversen Datenschutzpannen bei StudiVZ und dessen Nutzung durch Uniangestellte, Ermittlungsbehörden, Firmen und Journalisten auf der Suche nach Fotos von Unfallopfern. Manche, die unvorsichtig waren, gelangten damit sogar zu unfreiwilliger Berühmtheit: Ein hochrangiger Vertreter der Jungen Union aus Hamburg bekam Probleme, weil er Mitglied bei VZ-Gruppen war, die mit rechtsradikalen Sprüchen auf sich aufmerksam machten.
Unterhalb der großen Netzwerke sieht es oft nicht besser aus. Zu viele Neugründungen schlagen sich um einen Werbemarkt, der mit den Nutzerzahlen nicht Schritt hält. Soziale Netzwerke warten mit miserablen Klickzahlen für klassiche Bannerwerbung auf, weil die Nutzer offensichtlich beim Kommunizieren mit anderen eher nicht in Kauflaune sind. Erst vor kurzem gestand sogar Google-Gründer Sergey Brin ein, dass auch seine Firma nicht den Königsweg zur Vermarktung von Netzwerken kenne.Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass die bekannten Communities ein in der Geschichte der Menschheit nicht seltener, vorübergehender und nicht refinanzierbarer Hype sind. Man muss dabei gar nicht erst den Transrapid bemühen: Schon Friendster, die Mutter aller Netzwerke, galt mal als das nächste große Ding, und scheiterte beim Versuch menschliche Bindungen zu vermarkten. Vielleicht, weil dieser Ansatz nichts mit «social» zu tun hat, sondern einfach nur asozial ist?