Sichtung aller deutschsprachigen Einträge :
Qualitätskontrolleur-Casting bei Wikipedia
07. Mai 2008 12:34
 |  Will enttarnen: Wikipedia | Foto: wikipedia.org |
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Das Online-Lexikon Wikipedia sorgte mehrfach für negative Schlagzeilen, weil Firmen ihre Einträge beschönigten. In Zukunft soll jeder einzelne Text überprüft werden – von den eigenen Usern.
Die freie Enzyklopädie Wikipedia will die Verlässlichkeit der Lexikon-Einträge erhöhen und führt in ihrer deutschsprachigen Ausgabe eine Qualitätskontrolle ein. Künftig sollen in der Standardansicht nur noch Inhalte dargestellt werden, die von erfahrenen Autoren gesichtet und geprüft wurden.
«Die Umsetzung des Konzepts der gesichteten und geprüften Versionen stellt einen bedeutenden Schritt für das Wikipedia-Projekt dar», erklärte am Dienstag Philipp Birken, Projektverantwortlicher und Vorstandsmitglied des Vereins Wikimedia Deutschland. In der Vergangenheit war die Website immer wieder Opfer von Vandalismus und mutwilliger Manipulation geworden.
Manipulationen bei Siemens, Medikamenten und Biodiesel
So schönten beispielsweise Siemens-Mitarbeiter einen Eintrag über den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld. Wie «Zeit Online» berichtete, entfernte ein Mitarbeiter des US-Ölkonzerns Chevron kurzerhand den kompletten Artikel über Biodiesel. Jemand beim Wahlmaschinen-Hersteller Diebold reinigte den eigenen Wikipedia-Artikel von jeglicher Kritik und Warnungen vor dem Medikament Quetiapine wurden von einem Rechner des Herstellers AstraZeneca aus gelöscht. Dass diese unerwünschten PR-Strategien überhaupt ans Licht kamen, ist dem US-Hacker Virgil Griffith zu verdanken. Er erfand 2007 den «Wikiscanner», eine Kontroll-Software, für die er eine Kopie der englischen Wikipedia-Datenbank mit einem Verzeichnis von Firmen-IP-Adressen kombinierte. Das Ergebnis ist eine Datenbank mit mehr als 30 Millionen Texten, die jeder Internet-Nutzer auf verdächtige Einflussnahme hin durchsuchen kann. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales freute sich über diese Möglichkeit.
Wikimedia sucht 10.000 «Mitarbeiter»
Mit dem neuen, von Wikipedia selbst generierten Prüfsystem, das bereits für vergangenen Herbst geplant war und am Dienstag zum ersten Mal getestet wurde, soll die Qualität der Einträge sichergestellt und verbessert werden. In einem ersten Schritt werden die Einträge zunächst «gesichtet» und als frei von Vandalismus gekennzeichnet. Später sollen die Texte dann auch auf ihre inhaltliche Richtigkeit hin geprüft werden. Einen bereits gesichteten Artikel erkennt man an einem Kästchen in der rechten oberen Ecke der Seite. Ungesichtete Versionen haben ein rotes Ausrufezeichen in den letzten Änderungen und der Beobachtungsliste. Eine «Stimmberechtigung» erhält jeder angemeldete Nutzer, der seit mindestens zwei Monaten aktiv mitarbeitet und in dieser Zeit mindestens 200 Korrekturen vorgenommen hat. Interessierte Teilnehmer können sich auf einer eigens dafür geschaffenen Wikipedia-Seite bewerben.
Seit rund fünf Jahren trägt die gemeinnützige Wikipedia Foundation in ihrem Online-Lexikon Einträge zusammen, die von Millionen Nutzern weltweit erstellt werden. Jeder Nutzer kann eigene Beträge vorschlagen oder hochladen und bestehende Einträge ändern oder ergänzen.
Das System der neuen Überprüfung stammt aus einem Gemeinschaftsprojekt von Wikimedia Deutschland, Wikimédia France und der Wikimedia Foundation in San Francisco. Allein für die deutschsprachige Ausgabe soll es mehr als 10.000 regelmäßige «Mitarbeiter» geben. Nach ersten Erfahrungen soll dann über eine Einführung in anderen Sprachausgaben entschieden werden. (nz/dpa)