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Kritik am Pflegesystem: 

«Nur eine Stunde frische Luft» für Alte

26. Apr 2008 11:56
Das Buch von Claus Fussek und Gottlob Schober
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Auch mit schlechter Pflege lässt sich gut verdienen: Mit dieser These hat Claus Fussek für Aufsehen gesorgt. Im Einsatz für mehr Transparenz sucht er Allianzen überall «dort, wo sich wer bewegt». Olaf Schlippe notierte, was Fussek umtreibt.

Claus Fussek ist aufgebracht, ja zornig. «Was wir in Pflegeheimen bei wehrlosen Menschen hinnehmen, teilweise nur eine Stunde frische Luft pro Woche, würden wir nie in Kindergärten oder Tierparks dulden», sagt der in München lebende Sozialpädagoge. Niemand sei für schlechte Pflege, für Bürokratie, mache gern in Windeln oder hänge der Minutenpflege an. Warum schaffen wir dann nicht dieses Thema? Die Antwort liefert er anlässlich der Vorstellung einer neuen TNS-Emnid-Studie zur Pflegesituation in Deutschland aus Sicht der Betroffenen gleich nach: Schlechte Pflege ist ein Geschäft. Gute wie schlechte Pflege werde gleich bezahlt.

Dieses Geschäft, schreibt er in seinem jüngsten Buch «Im Netz der Pflegemafia», gestatte ein Kartell aus Verbänden, Politik und Kassenfunktionären, die es bislang verstanden hätten, Transparenz weitgehend zu verhindern. Einzelne Heimleiter würden dies schon wollen, nur die Branche insgesamt nicht, befürchtet Fussek. Denn ein Verband habe gute und schlechte Einrichtungen, bekomme jedoch von beiden Geld. Der «Korpsgeist» verhindere dann eine ehrliche Differenzierung.

Pflege ist kein Produkt

Deshalb fordert er Öffentlichkeit, sagte Fussek jetzt in Berlin, deshalb sitze er mit dem Auftraggeber der Studie, den börsennotierten Marseille-Kliniken an einem Tisch – obwohl er den privaten und börsennotierten Anbietern sowie den Wohlfahrtsverbänden in seinem gemeinsam mit dem Journalisten Gottlob Schober verfassten Buch ihr Renditestreben vorwirft. Denn Krankheit und Pflege seien für ihn kein Produkt im markt- und börsenfähigen Sinn.

Die Marseille-Kliniken bemühen sich jedoch um Transparenz, legten im Februar 2008 als erster Konzern der Pflegebranche einen Qualitätsbericht ihrer Häuser vor und initiierten jetzt die Studie. Daher hat Fussek auch keine Angst, sich durch eine gemeinsame Veranstaltung wie die Studien-Präsentation in Berlin vor den Konzernkarren spannen zu lassen. «Überall, wo sich wer bewegt, da möchte ich sein», lautet sein Motto. Und in Transparenz sieht er den ersten Schritt auf dem Weg zur Beseitigung der Pflegemisere. Denn Mängel werde es immer geben. Ehrlichkeit, so glaubt er, ist ein Wettbewerbsvorteil. Einige Heime würden bereits mit ihren Mängeln werben.

Unterfinanzierung des Systems

Hauptursachen der Mängel in deutschen Pflegeheimen sind laut Studie fehlendes Pflegepersonal und die Unterfinanzierung des Pflegesystems. Damit sich daran etwas ändert, müssten die Einrichtungen häufiger und strenger überprüft, Regulierungen und Bürokratie abgebaut sowie ein Mindestlohn für die Pflegekräfte gezahlt werden. Deren Arbeit wiederum verbessere am ehesten eine gezielte Aus- und Weiterbildung, leistungsgebundene Bezahlung und regelmäßige Leistungstests. Die Studie offenbarte allerdings auch eine noch unzureichende Kenntnis der aktuell verabschiedeten Pflegereform.

 
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