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Hemmende Angst: 

Da glüht der Kopf tomatenrot

06. Apr 2008 11:21
Der tomatenrote Kopf wird zum psychischen Problem
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Ganz langsam schießt die Röte ins Gesicht. Fast jeder kennt diesen peinlichen Moment. Aber für manche Menschen wird das Erröten zum ernsthaften Problem. Sie ziehen sich zurück und scheuen jeglichen Kontakt.

Für Carsten fing das Spießrutenlaufen in der Pubertät an: Kam er in unangenehme Situationen, wurde er unsicher - und sein Gesicht wurde in Sekundenschnelle von einer tiefen Röte überzogen. Dass ihn Bekannte und Freunde darauf ansprachen, verstärkte die Peinlichkeit noch. Carsten zog sich zurück.

Innerhalb weniger Jahre wurde aus einem lustigen und lockeren Jungen ein verschlossener junger Mann. Der inzwischen 32-Jährige litt an Erythrophobie, der Angst vor dem Erröten. Die psychische Krankheit zählt zu den Sozialphobien. Schätzungen zufolge sind ein bis zwei Prozent der Deutschen davon betroffen. «Die Leute haben Angst davor, in Situationen zu kommen, in denen sie negativ bewertet werden könnten», sagt der Psychologe Alexander Gerlach von der Universität Münster.

Anders als die meisten Menschen akzeptieren Betroffene ihre vermeintliche Schwäche nicht oder haken sie ab. Sie sehen sie als Problem, meiden soziale Interaktionen, kündigen im schlimmsten Fall ihren Beruf und verlassen das Haus im Extremfall nur, wenn es absolut notwendig ist. Ähnlich wie bei Süchten kreisen die Gedanken nur noch um das Problem - das Rotwerden.

Gerlach berichtet etwa von einem Rechtsanwalt, der nicht mehr vor Gericht auftreten wollte, weil er seine Glaubwürdigkeit in Gefahr sah. «Die richtigen Probleme fangen dann an, wenn man eine Freundin finden will oder wenn man merkt, dass man nicht mehr an der Kasse im Supermarkt einkaufen kann, ohne rot zu werden», erzählt Carsten. Erythrophobiker bilden sich nicht nur ein, dass sie häufiger rot werden - sie werden bei Gelegenheiten, die andere als Kleinigkeiten abtun, wirklich rot.

Hellhäutige sind häufiger betroffen

Es gibt zwar körperliche Ursachen für vermehrtes Erröten, Hellhäutige sind zum Beispiel häufiger betroffen als dunklere Typen. Im Alter löst sich das Problem ziemlich von allein, weil sich die Blutgefäße nicht mehr so ausdehnen - die Verkalkung wird zum Vorteil. Erythrophobie hat in der Regel aber zudem psychische Ursachen. Auslöser kann eine unangenehme Erfahrung in der Kindheit sein: Ein Schüler wird an der Tafel vom Lehrer bloß gestellt, ein Kind muss vor versammelter Verwandtschaft ein Gedicht vortragen, obwohl es sich überfordert fühlt.

Carsten kann sich nicht an einen konkreten Beginn erinnern. Irgendwann merkte er, dass er es ohne Hilfe nicht mehr schaffte. Über den Vertrauenspsychologen an der Universität kam der Architekturstudent zu einem Therapeuten. Dem Psychologen Gerlach zufolge sind es meist Umbruchsituationen im Leben wie der Beginn eines Studiums oder eine neue Stelle, die die Probleme omnipräsent werden lassen.

In einer Therapie geht es darum, die Ängste der Patienten zu konkretisieren und zu überprüfen. «Wir erörtern, wie die Menschen über die Situation denken, ob die Vorstellungen und die Schlussfolgerungen daraus richtig sind», sagt Gerlach. «Letzten Endes kommt so heraus, welchen Wert die Person sich selbst zumisst.» Patienten üben schließlich, als gefährlich bewertete Situationen nicht mehr zu vermeiden, sondern ihre Ängste zu bewältigen. «Das führt in der Zukunft zu weniger Angst, und die Leute werden dann tatsächlich weniger rot.»

Ziel ist, mit dem Erröten kein Problem zu haben

Ziel sei jedoch nicht ein Leben völlig ohne Erröten, sondern mit dem Erröten kein Problem mehr zu haben. Bei Carsten indes fruchtete die Therapie nicht. Fachleute gab es damals kaum, der Student stand ziemlich alleine da - und suchte sich einen anderen Weg. Carsten gründete ein Internetforum. «Als ich mich mit anderen Betroffenen ausgetauscht habe, hat sich mein Blickwinkel geändert», sagt er. Die Resonanz auf das Forum sei nach wie vor groß. «Da sind die ganzen Bevölkerungsschichten dabei.» Er habe das Gefühl, dass es immer mehr werden.

Ob das aber mit der gestiegenen Belastung in Arbeit und Privatleben zusammenhängt, bewertet er zurückhaltend. Die Betroffenen wagten sich vielleicht eher aus ihrer Isolation als früher. Auch der Psychologe Gerlach will keinen direkten Zusammenhang knüpfen. «Wir haben keine Daten.» Viele seien wohl schon lange behandlungsbedürftig, hätten sich aber geschämt, ihre Probleme öffentlich zuzugeben.

Carsten hat dank seines Outings und der Selbsthilfe mehrere Partnerschaften hinter sich und steht im Berufsleben. Zwar spricht er immer noch gern von «man», wenn er sich selbst meint, distanziert sich, aber er spricht über seine Ängste und hat sie vor allem durch das Internet-Forum aus der Tabu-Ecke geholt. Ob er tatsächlich geheilt ist, stellt er gleichwohl infrage. «Das Ziel ist es, damit zurechtzukommen.» (Von Kristina Pezzei, AP)


 
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