Medizin 2.0: 

netzeitung.deComputer statt Couch: Psychotherapie im Netz

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Psychiater untersucht Trauma-Patienten: Szene aus dem Computerspiel "Overclocked" (Foto: dtp<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Psychiater untersucht Trauma-Patienten: Szene aus dem Computerspiel "Overclocked"
Foto: dtp
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Egal ob Depressionen, Traumabehandlung oder Burn-out-Symptome - immer öfter suchen sich Patienten ihren Psychiater im Internet. Erfolge lassen sich durchaus vorweisen, doch Kritik bleibt nicht aus.

Bart Schrieken ist klinischer Psychologe in Amsterdam. Er hat schon zahlreiche Patienten erfolgreich behandelt, doch viele von ihnen hat er nie gesehen. Schrieken ist Mitbegründer von «Interapy», einer virtuellen Praxis zur Behandlung psychischer Erkrankungen mit den Möglichkeiten des Internets. Eine persönliche Begegnung zwischen Patient und Therapeut gibt es dabei nicht. Ein Unding für Traditionalisten, doch in den Niederlanden zahlen sogar die Krankenkassen für die Psychobehandlung am Computer.

Vor zehn Jahren begannen Schrieken und sein Professor Alfred Lange mit der Entwicklung dieser Therapieform. Auch damals schon ließ sich seelischer Rat zum Beispiel per E-Mail besorgen. Doch derart anonyme Methoden wollten die Gründer von «Interapy» nicht: «Wir haben von Anfang an gesagt, wenn man das gut machen will, muss man genau wissen, wer auf der anderen Seite sitzt», sagt Schrieken in seinem Büro direkt neben der Universität von Amsterdam. Vor Beginn einer Internet-Therapie muss der Patient deshalb einen ausführlichen Fragebogen beantworten, es folgt ein detailliertes Telefongespräch.

Erst dann wird entschieden, ob der Betroffene sich für diese Behandlung eignet. «Wir bieten kein Allheilmittel», betont Schrieken. «Wir bieten Behandlung für eine Gruppe von Patienten, die nicht psychotisch sind, nicht selbstmordgefährdet. Diese kann man nicht an den Computer setzen, die müssen wirklich jemanden sehen.» Falls ein Patient nicht von «Interapy» angenommen werden kann, so wird ihm das erklärt und ihm geraten, gemeinsam mit seinem Hausarzt - der ihn in aller Regel auch überwiesen hat - nach einer anderen Therapieform zu suchen.

Etwa 17 Prozent aller Anträge werden abgewiesen, sagt Schrieken. Nimmt «Interapy» den Patienten an, so wird ein mit Passwort gesicherter Bereich auf der Website der Praxis für ihn geöffnet - das virtuelle Sprechzimmer. Hier stellt der Therapeut Aufgaben, die schriftlich zu erfüllen sind - zweimal in der Woche soll der Betroffene jeweils etwa eine Stunde daran arbeiten.

Trauma-Behandlung
«Wenn man weiß, was die entscheidenden Bestandteile einer Therapie sind, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, sie zu gestalten», erläutert Schrieken. So sei es zum Beispiel unabdingbar für traumatisierte Patienten, zu dem Ereignis zurückzukehren, das das Trauma ausgelöst hat. «Man kann mit dem Patienten an den Ort des Geschehens gehen, man kann sich mit ihm im Gespräch dorthin zurückversetzen, man kann ihn darüber schreiben lassen.»

Diese Methode wendet «Interapy» an. Bei der Traumabehandlung ist der Erfolg besonders gut, nur fünf Prozent der Patienten brechen die auf sechs Wochen angelegte Therapie vorzeitig ab. Von den depressiven Patienten steigt ein Fünftel vorzeitig aus. Im Vergleich zu anderen Methoden ist das laut Schrieken ein gutes Ergebnis.

Schneller Erfolg
Schrieken hat mit demselben Therapieplan Traumapatienten sowohl übers Internet als auch im persönlichen Gespräch behandelt und festgestellt: «Bei 'Interapy' kommen sie oft schneller auf den Kern ihrer Probleme als im Gespräch.» Das Ergebnis beider Therapien sei etwa gleich, aber im Internet stelle sich der Erfolg schneller ein. Die Schwelle, die vor der Therapie überwunden werden muss, sei geringer als bei der Behandlung von Angesicht zu Angesicht. «Das ganze soziale Ritual, um Vertrauen aufzubauen, entfällt.»

«Interapy» will sein Behandlungsangebot ausweiten. Trauma, Depression, Burn-out am Arbeitsplatz, Trauer, Schockerlebnisse stehen bereits auf dem Programm. Derzeit erproben die Therapeuten eine Behandlung von Bulimie-Patienten. «Eine ganz schwierige Gruppe, aber es wird gehen», sagt Schrieken.

In Kürze soll die Behandlung von jugendlichen Opfern sexueller Gewalt in eine Probephase gehen. Schrieken lobt die offene Haltung der Niederlande gegenüber der Internet-Medizin. Allerdings werde es immer wichtiger werden, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Internet ist kein Ersatz
Bei einer Psychotherapie können Patienten sich zunehmend auch mit Hilfe des Internets behandeln lassen. Komplette Therapien über das Netz werden die herkömmlichen Methoden aber in der Mehrzahl der Fälle nicht ersetzen, sagt Prof. Peter Falkai, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin.

In der modernen Psychotherapie spielten das Internet und weitere Möglichkeiten der Telekommunikation wie etwa SMS-Nachrichten eine zunehmende Rolle, sagt Falkai. Der Direktor der Psychiatrischen Uni-Klinik Göttingen und viele seiner Kollegen nutzen das Netz in erster Linie, um Textaufgaben, die sie den Patienten in einer Sitzung gestellt haben, per Mail zu empfangen. «Nehmen Sie als Beispiel einen Menschen mit gestörtem Verhältnis zu seiner Mutter.» Dieser bekommt die Aufgabe, dem Therapeuten darüber in einer E-Mail zu berichten.

Übertragung und Gegenübertragung
«Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es Menschen gibt, die von einer rein netzbasierten Therapie profitieren würden», sagte Prof. Falkai. Das seien beispielsweise Patienten mit nicht allzu stark ausgeprägten Depressionen. Dennoch sei und bleibe das Internet hier letztlich eine Ergänzung.

Schließlich gehe bei der Psychotherapie um mehr als den Austausch von Gedanken zwischen Patient und Therapeut, der tatsächlich auf rein elektronischem Weg zu erledigen wäre: «Ein ganz wichtiger Bestandteil ist die Übertragung und die Gegenübertragung», erläutert Falkai.

Mit «Übertragung» ist das gemeint, was der Patient empfindet, wenn er dem Therapeuten gegenübersitzt - und mit «Gegenübertragung» das, was dieser ausstrahlt. «Es ist wichtig, dass man einen Menschen erlebt, dass man ihm die Hand geben kann.» Das gelte nicht nur für die Therapie selbst, sondern auch für den vorausgehenden «diagnostischen Prozess». (Florian Oertel/Thomas P. Spieker/dpa)