Online-Beichtstuhl für Ärztepfusch
Das älteste System dieser Art ist in Frankfurt angesiedelt: www.jeder-fehler-zaehlt.de. Das «Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen» gibt es bereits seit Herbst 2004. Die Nutzerzahlen halten sich noch in Grenzen, wachsen aber beständig, wie Projektleiterin Barbara Hoffmann berichtet. Für einen Workshop an diesem Mittwoch in Frankfurt, bei dem verschiedene internetbasierte Fehlerberichtssysteme verglichen werden sollten, zog sie eine erste Bilanz: 300 Fehlermeldungen wurden bislang eingestellt, 1000 Kommentare dazu abgegeben, 6000 Ärzte und Sprechstundenhilfen sehen sich die Berichte jeden Monat an.
«Die meisten Fehler entstehen nicht durch Unwissenheit», sagt Hoffmann, «sondern durch mangelhafte Organisation. Dabei sind Fehler in der Kommunikation sehr häufig.» Zum Beispiel ruft der Arzt seiner Sprechstundenhilfe eine Abkürzung zu, die diese falsch deutet. «HWI kann ebenso Harnwegsinfekt bedeuten wie Hinterwandinfarkt des Herzens.» Weitere häufige Fehlerquellen: Jemand verklickt sich beim Verordnen eines Medikaments in der Computer-Liste oder Rezepte werden verwechselt. Das Portal «Jeder Fehler zählt» soll helfen, gemeinsam zu erkennen: «Wo liegen die Risiko-Bereiche? Wie kommen die Fehler zustande? Wie kann man sie vermeiden?», erklärt Hoffmann. Auf www.jeder-fehler-zaehlt.de machen sich die Praxen gegenseitig Vorschläge wie zum Beispiel, alle Abkürzungen zu verbannen.
Die bisher rund 100 Berichte, die seit Frühjahr 2005 bei CIRS eingingen, seien «zu wenig», sagt die ärztliche Referentin. Einer der Gründe dafür ist, dass es viele parallele Systeme gibt: Manche Kliniken haben hausinterne Berichtssysteme, es gibt Fehlermeldungs- Seiten für Notärzte («CIRS-Notfallmedizin»), Anästhesisten (Patienten-Sicherheits-Optimierungs-System «PaSOS») oder Altenpfleger («Aus kritischen Ereignissen lernen»). Alle diese Systeme arbeiten mit Hilfe des Internets und sind völlig anonym, weder der Berichtende noch Klinik oder Praxis oder gar der geschädigte Patient sind anhand der Daten zurückzuverfolgen.
«Wir sind eben dazu erzogen worden, unter der Null-Fehler-Annahme zu arbeiten», gibt der Frankfurter Prof. Schrappe zu. Aber das ändere sich, wenn auch nur langsam. Wenn er heute öffentlich sage: «Fehler gehören im Gesundheitswesen zum Alltag» empfänden die meisten Kollegen das als Befreiung. «Die Kritikfähigkeit wächst», glaubt auch Ärztin Hoffmann, das sehe man allein daran, dass es solche Portale gebe. «Vor zehn, zwanzig Jahren haben Mediziner über ihre Fehler ausschließlich hinter verschlossenen Türen gesprochen.» (Sandra Trauner, dpa)

