Dem Herbst-Jammer keine Chance geben
22.09.2007
Herausgeber: netzeitung.de
«Die richtige Herbst-Winter-Depression ist eher selten und sucht lediglich ein Prozent der Bevölkerung heim», sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie der Universität Leipzig und Sprecher des Kompetenznetzwerkes Depression und Suizidalität, Ulrich Hegerl. Dagegen erkrankt jeder zehnte Deutsche ein- oder mehrmals in seinem Leben an einer schweren Depression.
Der Patient mit der so genannten Saisonal Abhängigen Depression (SAD) leidet unter vermehrtem Schlafbedürfnis. Viele Betroffene vergleichen ihren Zustand nach Angaben von Experten mit einer Art unerquicklichem Winterschlaf. Hinzu kommt wachsender Appetit auf kohlenhydrathaltige Lebensmittel wie Süßigkeiten und Nudeln.
Auslöser der Herbstdepression könnte nach den Worten des Leipziger Professors die reduzierte Sonneneinstrahlung sein, denn das Sonnenlicht beeinflusst über die Netzhaut des Auges bestimmte Botenstoffe im Gehirn. «Licht wirkt auch auf die Produktion des körpereigenen Hormons Melatonin, das unter anderem den Schlaf- und Wachrhythmus des Körpers beeinflusst», sagt Hegerl. Während der dunklen Jahreszeit wird vermehrt Melatonin ausgeschüttet, was dazu führen könnte, dass sich manche Menschen zunehmend schlapp und schläfrig fühlen. «Eindeutig belegt und verstanden ist das bisher jedoch nicht», räumt Hegerl ein.
Dabei ist SAD erstaunlich gut zu behandeln. Die Ärzte verordnen den Patienten Spaziergänge bei Tageslicht. «Selbst an einem trüben Novembertag bekommt der Patient draußen tagsüber ausreichend Lux ab», sagt Hegerl. Möglich ist auch eine gezielte Lichttherapie mit rund 10.000 Lux. Sich vor eine Schreibtischlampe zu setzen, nutzt allerdings nichts. Die Lichtleistung ist viel zu niedrig.
Bis zu 15 Prozent der Patienten mit schweren Depressionen nehmen sich selbst das Leben. Die Hälfte der Betroffenen versucht mindestens ein Mal im Leben einen Suizid. Medizinisch belegt ist auch, dass viele Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Diabetes von einer unbehandelten Depression negativ beeinflusst werden.
Depressive Störungen nehmen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO zu. Sie werden immer häufiger der Grund für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Der Jenaer Psychologe Ulrich Stagnier prognostiziert, dass Depressionen im Jahr 2030 mehr negative Folgen und Kosten für die Gesellschaft verursachen werde als Tumorerkrankungen. (Grit König, AP)

