netzeitung.deDem Herbst-Jammer keine Chance geben

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Hilft bei trüber Stimmung: Bewegung im Freien (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hilft bei trüber Stimmung: Bewegung im Freien
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Herbst versetzt viele Menschen in trübe Stimmung. Die gute Nachricht dabei: Die so genannte Saisonal Abhängige Depression ist gut zu behandeln.

Aus heiterem Himmel kommt die Trauer. Nichts macht mehr Freude, nichts hat einen Sinn. Am häufigsten wird im trüben Spätherbst und Winter über schlechte Stimmung und mangelnden Antrieb geklagt. Bereits Hippokrates hat das Phänomen im antiken Griechenland beobachtet. Doch meist handelt es sich nach Ansicht der Medizin um vorübergehende Verstimmungen.

«Die richtige Herbst-Winter-Depression ist eher selten und sucht lediglich ein Prozent der Bevölkerung heim», sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie der Universität Leipzig und Sprecher des Kompetenznetzwerkes Depression und Suizidalität, Ulrich Hegerl. Dagegen erkrankt jeder zehnte Deutsche ein- oder mehrmals in seinem Leben an einer schweren Depression.

Vermehrtes Schlafbedürfnis
Die Unterschiede der Herbstdepression zur jahreszeitlich unabhängigen Depression sind eindeutig. Die Leiden reichen nach Angaben von Experten nicht an die Qual einer schweren Depression heran. Die Beschwerden beginnen regelmäßig im Oktober/November und klingen im Frühling wieder ab.

Der Patient mit der so genannten Saisonal Abhängigen Depression (SAD) leidet unter vermehrtem Schlafbedürfnis. Viele Betroffene vergleichen ihren Zustand nach Angaben von Experten mit einer Art unerquicklichem Winterschlaf. Hinzu kommt wachsender Appetit auf kohlenhydrathaltige Lebensmittel wie Süßigkeiten und Nudeln.

Mehr Licht
Alle anderen Formen der Depression gehen dagegen mit Appetitmangel und Gewichtsverlust einher. Vor allem aber leiden die Betroffenen unter verminderter Aktivität, ausgelöst durch ständige Müdigkeit, sowie Niedergeschlagenheit und Missmut. Auch im Umgang mit den Mitmenschen häufen sich Probleme, die im Frühling und Sommer keine Rolle spielen - gegenüber dem Partner, der Familie, den Nachbarn und den Kollegen ist man reizbar, mürrisch bis aggressiv.

Auslöser der Herbstdepression könnte nach den Worten des Leipziger Professors die reduzierte Sonneneinstrahlung sein, denn das Sonnenlicht beeinflusst über die Netzhaut des Auges bestimmte Botenstoffe im Gehirn. «Licht wirkt auch auf die Produktion des körpereigenen Hormons Melatonin, das unter anderem den Schlaf- und Wachrhythmus des Körpers beeinflusst», sagt Hegerl. Während der dunklen Jahreszeit wird vermehrt Melatonin ausgeschüttet, was dazu führen könnte, dass sich manche Menschen zunehmend schlapp und schläfrig fühlen. «Eindeutig belegt und verstanden ist das bisher jedoch nicht», räumt Hegerl ein.

Gut zu behandeln
Zu den neurobiologischen Faktoren kommen aber noch genetische und soziale Komponenten hinzu. Die Mehrheit der Betroffenen erhält nach Angaben des Kompetenznetzwerkes Depression, Suizidalität nicht die notwendige medizinische Behandlung. Zum einen gehen Depressive nicht zum Arzt, weil sie selbst antriebslos sind, sich eigenes Versagen vorwerfen und oft auch körperliche Beschwerden die dahinter steckende Depression überlagern. Zum anderen sind viele Hausärzte bei der Diagnose einer Depression überfordert.

Dabei ist SAD erstaunlich gut zu behandeln. Die Ärzte verordnen den Patienten Spaziergänge bei Tageslicht. «Selbst an einem trüben Novembertag bekommt der Patient draußen tagsüber ausreichend Lux ab», sagt Hegerl. Möglich ist auch eine gezielte Lichttherapie mit rund 10.000 Lux. Sich vor eine Schreibtischlampe zu setzen, nutzt allerdings nichts. Die Lichtleistung ist viel zu niedrig.

Depressive Störungen nehmen zu
Reicht die Lichttherapie allein nicht aus, wird die Depression mit Medikamenten und Psychotherapie behandelt. Depressionen bereiten den Betroffenen einen hohen Leidensdruck wie kaum eine andere Erkrankung. Sie zielen ins Zentrum von Wohlbefinden und Lebensqualität.

Bis zu 15 Prozent der Patienten mit schweren Depressionen nehmen sich selbst das Leben. Die Hälfte der Betroffenen versucht mindestens ein Mal im Leben einen Suizid. Medizinisch belegt ist auch, dass viele Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Diabetes von einer unbehandelten Depression negativ beeinflusst werden.

Depressive Störungen nehmen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO zu. Sie werden immer häufiger der Grund für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Der Jenaer Psychologe Ulrich Stagnier prognostiziert, dass Depressionen im Jahr 2030 mehr negative Folgen und Kosten für die Gesellschaft verursachen werde als Tumorerkrankungen. (Grit König, AP)