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In Berlin öffnet erstes Altenheim für Türken

13. Dez 2006 14:21
Gebetsraum im 'Haus zum Wohlfühlen'
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«Die Menschen blühen auf, wenn sie verstanden werden», sagt ein Pfleger im neuen «Türkischen Haus des Wohlfühlens». Alle Mitarbeiter können dort deshalb fließend Türkisch.

Von Anne-Kathrin Runte

Orientalische Ornamente auf hellgelben Wänden empfangen, in den Fluren Fotos türkischer Landschaften und Bauwerke: Das bundesweit erste Alten- und Pflegeheim für türkischstämmige Senioren heißt «Türk Huzur Evi», das «Türkische Haus zum Wohlfühlen.

Auf den Zwei-Bett-Zimmern gibt es Hand- und Fußwaschbecken für die Reinigung vor dem Gebet, zu dem sich die Bewohner in einem nach Mekka ausgerichteten Raum versammeln können. Am Freitag wird das Seniorenheim im Berliner Stadtteil Kreuzberg eröffnet. Das für über fünf Millionen Euro renovierte frühere Arbeiterwohnheim unterscheidet sich jedoch nicht nur in der Einrichtung von anderen Pflegezentren. Das türkischstämmige Personal ist besonders auf die Bedürfnisse der ersten türkischen Gastarbeitergeneration eingestellt.

155 Plätze

Männer und Frauen werden von Pflegern gleichen Geschlechts versorgt, Schweinefleisch ist bei den Mahlzeiten tabu. Und auch bei den Heimkosten orientiert sich das Haus mit 155 Plätzen an den Möglichkeiten türkischer Ruheständler, die oft nur über eine geringe Rente verfügen. «Kultursensible Pflege» nennt der Generalsekretär der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Celal Altun, das Konzept des Hauses.

Weil viele türkische Senioren kaum Deutsch sprechen, müsse dabei vor allem die sprachliche Verständigung sicher gestellt sein. In dem von der privaten Marseille-Kliniken AG betriebenen Heim sprechen deshalb alle Mitarbeiter, von der Leitung bis zur Küchenhilfe, fließend türkisch. Ahmet Coskun vom Pflegeteam ist ein Kind der ersten Gastarbeitergeneration. Er sieht in der Einrichtung die Möglichkeit, «etwas zurückzugeben». Die Pfleger seien mit der Mentalität der Bewohner vertraut und könnten sie viel persönlicher betreuen als in anderen Heimen in Deutschland. «Die Menschen blühen auf, wenn sie merken, dass sie mit ihrem Hintergrund verstanden werden», sagt er.

Berührungsängste abbauen

Das Zentrum soll Berührungsängste türkischer Senioren gegenüber einem Leben im Heim abbauen helfen, betont der Gemeindevorsitzende Altun. Auch Einrichtungen, die sich interkulturell öffnen, seien bisher nicht in der Lage, den besonderen Wünschen der ehemaligen Gastarbeiter gerecht zu werden. Nur allzu oft gebe es weiterhin Verständigungsprobleme. Ein alltäglich deutsches Frühstück, zu wenig Platz für den Familienbesuch oder gemeinsame Duschen bereiteten vielen Türken große Schwierigkeiten.

Kavlak Erol hat sich wie viele andere das Pflegeheim bereits vor der Eröffnung angeschaut. Er wollte sich davon überzeugen, «ob sich alte Menschen hier wohl fühlen können oder nur aufbewahrt werden». Sein erster Eindruck ist positiv. Für die türkische Gesellschaft sei es ein neues Phänomen, dass ältere Menschen nicht ausschließlich in der Großfamilie versorgt würden. «Aber wenn Pflege notwendig ist, den alten Menschen hier geholfen wird und sie sich in der Gemeinschaft wohl fühlen, warum nicht?»

Emanzipierte Frauen

Für Ayse Aytan ist ein türkisches Pflegeheim «bestimmt seit zehn Jahren überfällig». Junge Frauen, die sich traditionell um die Schwiegereltern gekümmert hätten, seien heute emanzipierter und mit ihrer Karriere und den eigenen Kindern ausgelastet. Auch lebten junge türkische Paare inzwischen meist in der eigenen Wohnung und nicht mehr bei der älteren Generation, sagt die Türkin, die selbst im Rollstuhl sitzt, bei einer Besichtigung des Gebäudes.

Die Philosophie des Hauses, das sich ausschließlich auf die Betreuung türkischer Senioren einstellt, findet Aytan richtig. Die Generation ihrer Eltern habe «viel gemacht für Deutschland» und hart gearbeitet, ohne jedoch in der Gesellschaft richtig Anschluss zu finden. Es sei angemessen, sie in einem gewohnten Umfeld zu versorgen. Ein multikulturelles Konzept, so Aytan, würde die Senioren überfordern.

Vorwurf der Abschottung

Den Vorwurf, ein spezielles Heim für Türken fördere die Abschottung, weist Gemeindevorsitzender Altun zurück. «Warum soll man mit einem pflegebedürftigen Menschen noch über Integration reden müssen?», fragt er. «Hier geht es doch vor allem darum, dass sich die Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt wohl und geborgen fühlen.» Für die Zukunft allerdings kann sich Altun eine Gemeinschaft von deutschen und türkischen Senioren durchaus vorstellen.

«In 20 Jahren würde ich das Konzept dieses Hauses kritisieren», sagt auch Ayse Aytan. «Bis dahin haben nämlich die jungen Menschen von heute genug Zeit, sich an ein Zusammenleben verschiedener Kulturen zu gewöhnen.» Dazu beitragen soll auch das geplante Begegnungszentrum im Untergeschoss. Zu Seminaren, Vorträgen oder Festen »kann ganz Berlin kommen«, sagt Altun und fügt hinzu. «Wir wollen ein offenes Haus sein.» (epd)

 
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