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Klimawandel schlägt sich auf Gesundheit nieder

10. Nov 2006 14:52
Elb-Hochwasser in Sachsen-Anhalt im August 2002
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Der Klimawandel hat auch spürbare Auswirkungen auf die Gesundheit - vor allem von Älteren und Kindern. So ist die von Zecken übertragene Erkrankung FSME inzwischen schon nach Nordschweden vorgedrungen.

Von Walter Willems

Schmelzende Gletscher, extreme Hitzewellen, ungewöhnlich heftige Stürme: «Wir stecken mittendrin im Klimawandel», konstatiert der Meteorologe Gerd Jendritzky von der Universität Freiburg, der sich seit Jahren mit dem Einfluss der Klimaveränderung auf die Gesundheit des Menschen befasst. Nach seiner Auffassung werden die Veränderungen noch deutlicher ausfallen als bislang angenommen.

Das Szenario des Klimaforschers für Deutschland: Die Temperaturen werden im Jahresmittel bis 2050 vermutlich um zwei bis drei Grad steigen. Dagegen werden die Niederschläge im Sommer deutlich zurückgehen: Vor allem der Nordosten und der Südwesten werden künftig verstärkt unter Trockenheit leiden.

Normalfall «Jahrhundertsommer»?

Wie gravierend diese Veränderungen sind, veranschaulicht Jendritzky an einem Beispiel. Extreme Hitzeperioden wie der «Jahrhundertsommer» 2003 kamen dem Experten zufolge früher nur ein Mal in 400 bis 500 Jahren vor. «In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts werden solche Sommer der Normalfall sein», prognostiziert der Meteorologe. «Das zeigt, wie dramatisch der Wandel verläuft.»

Gerade diese Hitzewelle führte den Menschen in Europa die Folgen des Klimawandels für die Gesundheit bislang am deutlichsten vor Augen. Im Sommer 2003 starben in Westeuropa 55.000 Menschen an den Folgen der Hitze, 35.000 davon allein im August. Die Zahl der Toten gibt allerdings nur sehr bedingt Aufschluss über die gesundheitlichen Folgen von Klimaphänomenen.

Gefährliche Zecken überleben

So kostete das Elb-Hochwasser im Sommer 2002 in Ostdeutschland zwar mehr als 20 Menschen das Leben. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt blieben aber die Traumatisierungen derjenigen Opfer, die knapp dem Tod entronnen oder deren Existenzgrundlage zerstört worden waren. «Viele Menschen sind ihr Leben lang gezeichnet», sagt Jendritzky.

Ebenfalls weniger stark fallen die indirekten Folgen der Erderwärmung auf, etwa die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Die medizinische Referentin des Europäischen WHO-Zentrums für Umwelt und Gesundheit, Bettina Menne, verweist auf Borreliose und Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME). Diese durch Zecken übertragenen Erkrankungen sind der Ärztin zufolge inzwischen in Regionen vorgedrungen, in denen sie vorher kaum bekannt waren, etwa im Norden von Schweden oder in Höhenlagen Tschechiens. Und da die Zecken milde Winter in größeren Populationen überstehen, wächst auch der Anteil der Tiere, die die Krankheitserreger auf den Menschen übertragen können.

Pollen fliegen länger

Eine weitere Folge des wärmeren Klimas wird vor allem Allergikern treffen: die Ausdehnung der Pollensaison. Manche Pollen fliegen früher als bislang umher, andere Pflanzen schicken ihre Allergene noch spät im Oktober auf die Reise. Insgesamt stieg die Dauer des Pollenflugs in Europa während der vergangenen 30 Jahre laut Menne um durchschnittlich zehn bis elf Tage. Zusätzlich treten neue Pflanzen mit stark allergenen Pollen auf, insbesondere die aus Nordamerika stammende Ambrosia, die sich inzwischen auch in Deutschland ausbreitet.

Leidtragende des Klimawandels sind vor allem jene Menschen, die sich nur schlecht an die Veränderungen anpassen können: Alte, Kranke und Kinder. So führt etwa Hitze bei älteren Menschen leicht zu Herz-Kreislauf-Beschwerden, bei Kindern steigt das Risiko eines Hitzschlags oder Sonnenstichs.

Städte durchlüften

Inzwischen wurden in Deutschland Vorkehrungen getroffen, die Bevölkerung vor dem Einfluss von Temperaturextremen zu schützen. So haben Medizin- Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) mit den Bundesländern einen Hitzewarndienst vereinbart, damit Gesundheitsbehörden, Medien, Krankenhäuser, Altenheime und Pflegedienste Risikogruppen rechtzeitig über drohende Hitzewellen informieren und Verhaltentipps geben – etwa bei Hitze darauf zu achten, dem Körper ausreichend Flüssigkeit und Mineralstoffe zuzuführen.

Auch Städteplaner und Architekten sollten sich laut Jendritzky auf die neuen Umweltbedingungen einstellen: Städte heizten sich wesentlich stärker auf als ländliche Gebiete und kühlten weniger ab. So sei es etwa zur Durchlüftung sinnvoll, die Bebauungsdichte zu verringern und durch Grünflächen aufzulockern.

Folgen in Entwicklungsländern stärker

Während sich die wohlhabenden europäischen Länder mit ihren intakten Gesundheitssystemen gegen die Folgen des Klimawandels wappnen, haben Entwicklungsländer nur wenig Spielraum, um auf die Veränderungen zu reagieren. Wo Wasser jetzt schon knapp ist, haben Hitzewellen katastrophale Folgen.

Missernten als Folge von Dürren oder Überschwemmungen treffen jene Menschen besonders hart, die schon mangelernährt sind. Ist zudem die medizinische Versorgung schlecht, sind die Menschen Infektionskrankheiten wie Cholera oder Malaria weitgehend schutzlos ausgeliefert. Trotz der UN-Klimaschutzkonferenz in Nairobi hegt Jendritzky keine große Hoffnung, dass der Klimawandel noch gestoppt werden kann: «Selbst wenn das Kyoto-Protokoll sofort umgesetzt würde, wäre das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.» (AP)

 
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