15.09.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Hort der Keime: Duschkopf
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Biofilme» nennt man nicht nur Lehrmaterial, sondern auch Ansammlungen von Bakterien. Letztere fühlen sich in Duschköpfen wohl und können Krankheiten verursachen. «Richtiges» Duschen kann die Infektionsgefahr verringern.
Bakterien lieben Duschköpfe. In der warmen, dunklen und feuchten Umgebung im Inneren der Duschen können sich sogenannte Biofilme bilden, in denen sich Bakterien konzentrieren. Die Konzentrationen der Mikroorganismen in Duschköpfen übertraf die im Leitungswasser um mehr als das Hundertfache, berichten Wissenschaftler online vorab in den «Proceedings» der amerikanischen Akademie der Wissenschaften (PNAS) vom Montag.
Norman Pace und seine Mitarbeiter von der Universität Colorado in Boulder (USA) hatten 45 Duschköpfe in verschiedenen US-amerikanischen Städten untersucht. Insgesamt entdeckten sie weit über ein Dutzend diverse Keime in verschiedenen Zusammensetzungen, wobei die meisten Kolonien von sogenannten Mykobakterien dominiert wurden.
30 Prozent enthielten deutliche Mengen des Erregers Mycobacterium avium, der vor allem bei Menschen mit schwachem Immunsystem zu Lungenerkrankungen führen kann, erläuterte Pace. Er warnte davor, das erste Wasser aus der Dusche direkt ins Gesicht zu spritzen. Gerade mit dem ersten Strahl gehen die Keime fein zerstäubt als Nieselregen über dem Duschenden nieder und können eingeatmet werden. «Man bekommt wahrscheinlich eine besonders große Ladung Mycobacterium avium ab, die nicht allzu gesund sein dürfte.»
«Opportunistische Bakterienarten»Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen legte das Team keine Kulturen an, sondern untersuchte die Menge und Art der Bakterien in den Biofilmen direkt mit Hilfe von Gensequenzen und verglich die Zusammensetzung der Bakterien-Gemeinschaften mit der im Wasser der jeweiligen Orte. Dabei stellte es fest, dass in den Duschköpfen eine reiche Gemeinschaft «opportunistischer Bakterienarten» nistet. Das sind Bakterien, die bereits erkrankte Menschen befallen.
Gefährdet sind auch Menschen mit geschwächtem Immunsystem wie Schwangere, Senioren und Kranke. Symptome einer Infektion mit dem Keim sind Müdigkeit, trockener Husten, Kurzatmigkeit und Unwohlsein. Studien zufolge verursachen Mykobakterien heutzutage in Industrieländern mehr Probleme als noch vor einigen Jahrzehnten. Dies könnte auch daran liegen, dass die Dusche die Badewanne zur Körperpflege weitgehend verdrängt hat.
Resistenz durch DesinfektionVon einer Desinfizierung der Duschköpfe raten die Forscher allerdings ab. Sie hatten in der Studie einen Duschkopf, der stark mit dem Keim
Mycobacterium gordonae belastet war, mit Chlor gereinigt. Bei einer zweiten Prüfung einige Monate später enthielt er dann die dreifache Menge des Keims. Offenbar hatte die Intensivbehandlung die Bakterien widerstandsfähiger gemacht.
Die fein zerstäubten Wassertropfen aus Duschköpfen könnten leicht Keime in die Lungen empfindlicher Menschen übertragen. Es ist aber noch unbekannt, wie groß das Infektionsrisiko durch das an den Bakterienkulturen vorbeiströmende Wasser sei. Dies müsse dringend untersucht werden, schreiben die Forscher.
Ist Duschen nun gefährlich? «Sicherlich nicht, wenn Ihr Immunsystem nicht auf irgendeine Art und Weise geschwächt ist», sagte Pace. «Aber es ist wie bei allen Dingen - es beinhaltet ein Risiko.» Da Plastik-Duschköpfe offensichtlich mit mehr Bakterien besiedelt seien, seien solche aus Metall wahrscheinlich eine gute Alternative.
Atmen und Trinken einstellen?Ganz entgehen kann man den Bakterien auch in anderen Umgebungen kaum. Ein Kubikmeter Innenraumluft enthält Pace zufolge etwa eine Million Bakterien, ein Kubikmeter Leitungswasser sogar zehn Millionen. (dpa/AP/nz)
Fachartikelnummer: DOI 10.1073/pnas.0908446106