30.06.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Kein Beinbruch fürs System ist dieser junge Patient: Die Probleme liegen anderswo
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wenig Effizienz, falsche Anreize, ineffektive Konkurrenz - ein Sachverständigenrat gibt dem deutschen Gesundheitswesen schlechte Noten. Die Vorschläge zur Abhilfe kommen einer kleinen Revolution gleich.
Die Szenarien sind düster. Immer mehr Ältere und mehr Menschen mit mehreren Krankheiten gleichzeitig setzen Gesundheitswesen und Pflege unter Druck. Ärzten warnen vehement vor Einschnitten für Kassenpatienten. Ein neues Gutachten setzt nun Vorschläge für eine umfassende Therapie dagegen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen plädiert für eine komplette Neuordnung bei Ärzten, Kliniken und Apothekern. «Für alle ist Sprengstoff drin», sagt Ratsmitglied Gerd Glaeske.
Die Zahl der Mediziner steigt seit Jahren im Jahr 2008 um 1,9 Prozent. Rund 154.000 Ärzte arbeiten in Krankenhäusern, 138.000 ambulant. Trotzdem sehen die von der Bundesregierung eingesetzten Gutachter die «Primärversorgung» in Gefahr, also den Zugang der Menschen zum Hausarzt um die Ecke. Es hapert folglich bei der Planung und Verteilung. «Der Beruf ist nicht attraktiv genug», sagt der Sachverständige Ferdinand M. Gerlach.
Sorglose Behandlung mit CocktailsDabei ist vor allem die konstante Begleitung der immer zahlreicheren Senioren mit mehr als zwei chronischen Krankheiten verstärkt nötig. Die Zahl allein der Pflegebedürftigen dürfte von 2,1 Millionen auf bis zu 4,4 Millionen im Jahr 2050 steigen. Schon heute werden viele über 65-Jährige laut Gutachten zu sorglos mit wenig abgestimmten Medikamenten-Cocktails behandelt Nebenwirkungen inklusive.
Wenig Effizienz, falsche Anreize, ineffektive Konkurrenz die Forscher finden deutliche Worte für das heutige Nebeneinander von Medizinern, Kliniken und Apothekern in Deutschland. So kommt es, dass sich ein Patient durchschnittlich 18 Mal im Jahr zu einem Arzt begibt, die Sprechstunden aber um ein Drittel kürzer sind als in anderen EU-Ländern. «Sechs bis sieben Patientenkontakte sind für vergleichbare Länder typisch», sagt Glaeske.
Bezahlung per Pauschale im VorausDie vorherrschende Medizin im Minutentakt hat ihre Hauptursache trotz Ärzte-Honorarreform nach Überzeugung der Forscher immer noch in den Bezahlungsregeln. Praxisärzte verdienen immer noch, wenn Patienten krank sind und häufig einbestellt werden, wie Gerlach diagnostiziert. Der Sachverständigenrat schlägt die Bezahlung per Pauschale im Voraus vor. Erwünschter Effekt: Je gesünder die Patienten sind, je seltener sie zum Arzt gehen, desto mehr haben am Ende alle Beteiligten davon.
Solche Pauschalen könnte die Krankenversicherung nach Ansicht der Forscher nicht nur für einzelne Ärzte zahlen. Es könnten auch Apotheker einbezogen werden, die sich dann mehr anstrengen müssten, den Versicherten passgenaue Mittel zu geben. «In diesem System sind die Partner daran interessiert, dass die Leute wenig kommen», sagt Glaeske. Er ist davon überzeugt: Patienten könnten profitieren zum Beispiel die 300.000 Menschen, die heute jährlich wegen unerwünschter Wirkungen von Therapien ins Krankenhaus kommen.
Bezahlung der Fachärzte vereinheitlichenEine kleine Revolution haben sich die Experten auch für Fachärzte und Kliniken ausgedacht. Anstatt unter völlig unterschiedlichen Bedingungen auf dieselben Leiden von immer mehr chronisch Kranken angesetzt zu sein, sollten Bezahlung sowie Genehmigung neuer Behandlungen vereinheitlicht werden. Glaeske meint: «Viele Fachärzte müssten sich bei einer Umsetzung der Vorschläge warm anziehen.»
Die schier unendliche Geschichte der Gesundheitsreformen in Deutschland lehrt, dass sich die Standesvertreter dagegen stemmen, wenn sie ihre Position bedroht wähnen. Der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Eberhard Wille, gibt sich dennoch unverdrossen: «Wenn wir nicht versuchen, solche Dinge in Angriff zu nehmen, werden wir die Probleme nie lösen.» Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) unterstützt die Vorstöße gegen Beharrungskräfte des Gesundheitswesens. Sie warnt aber vor zu großen Hoffnungen: «Resistent ist es schon.» (Basil Wegener, dpa)