06.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Kann gegen Frust helfen: Viagra
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Keinen hoch bekommen, Schlappschwanz, tote Hose. Das ist die sprachliche Veranschaulichung männlichen sexuellen Versagens. Regine Sylvester über zehn Jahre Viagra.
Wir sind so frei. Wir können über alles reden, ohne Scham. «Na ja», sagt Ulrich Thiel, Urologe am Polikum in Berlin-Charlottenburg, «bei Erektionsstörungen erlebe ich das ganz anders.» Vor ihm stehen verdruckste Männer, «oft von ihrer Ehefrau hergeschickt». Es falle immer noch schwer, über die eigene Impotenz zu sprechen. Medien, Werbung und auch Männer im privaten Gespräch schwelgen in sexuellem Imponiergehabe. «Der Einzelne, der da nicht mithalten kann, traut sich nicht aus dem Dickicht. Ich sage meinen Patienten: Nirgendwo wird so viel gelogen wie bei den Themen Sex und Erektion.»
1998 brachte der Pfizer-Konzern Viagra auf den amerikanischen Markt, am 15. September wurde das Mittel in der Europäischen Union zugelassen. Viagra war eine Sensation in der Männer-Heilkunde: Erektile Dysfunktionen - Erektionsstörungen - konnten ab jetzt oral behandelt werden, eine angenehmere Methode, als den Penis in Vakuumpumpen zu stecken oder Schwellkörperinjektionen vorzunehmen. Das kann man sich auch als Frau vorstellen.
Andere PotenzmittelInzwischen gibt es noch andere Potenzmittel wie Cialis und Levitra - sie wirken länger - aber Viagra war das erste und wurde zur Metapher für alle. Es wurde zum Milliardengeschäft, auf das Trittbrettfahrer aufspringen. Im Internet sind Viagra-Angebote «The King of Spam». Eine Marke gilt als etabliert, wenn Witze über sie kursieren. Viagra hat es geschafft. Ein Beispiel: «Was ist Tierquälerei? Wenn man einer Schlange Viagra gibt.»
Bis zu acht Millionen Männer in Deutschland sollen Erektionsstörungen haben. Eine Million Männer nehmen nach Angaben von Pfizer Viagra ein. Es ist schwer, einen von denen persönlich kennen zu lernen. Ebenso schwer ist es, einem Mann zu begegnen, der einen Mann kennt, der Viagra nimmt. Wir reden über ein großes männliches Geheimnis. Über ihre Urangst.
Bedingung für den BeischlafWas zu verstehen ist. Das erigierte Glied ist die Bedingung für den Beischlaf und der sichtbare Beweis männlicher Lust - ein Beweis, den eine Frau nicht erbringen muss. Keinen hoch bekommen, Schlappschwanz, tote Hose. Das ist die sprachliche Veranschaulichung männlichen sexuellen Versagens. Ein Mann, der nicht kann, gilt als lächerlich, er hält also besser den Mund.
Ein Mann, der gerne können möchte und Viagra nimmt, macht das auch lieber im Stillen: Seit seiner Einführung wird das Medikament von Häme und Unterstellungen begleitet: «Stiermäßig vier Stunden hintereinander», «Dauererigierte Sexprotze», «Jedes Würstchen ein Tarzan» - das stand in der Zeit, im Spiegel und in der Bildzeitung. Die Texte haben Journalistinnen geschrieben. Keine hat solche Frauen gefragt, die ihre Männer zum Urologen schicken, weil sie selber mehr Sexualität wünschen.
Es kann zur Sucht werdenDennoch: Das Mittel ist nicht unproblematisch. Es kann zur Sucht werden. Es kann auch die Gewohnheiten eines Paares so verändern, dass Frauen unter Druck geraten, weil ihre Männer öfter und länger Sex wollen - auch um die teure Pille nicht zu vergeuden. Man muss sie ja selbst bezahlen. Die männliche Potenz nimmt mit dem Alter ab. Diese Tatsache, zur Krankheit umgedeutet, macht wiederum den Männern Druck. Keine schlechte Partnerbeziehung kann durch Viagra zu einer guten werden. Ärzte empfehlen, dass immer beide Partner zur Beratung kommen, denn die Therapie erfordert auch einen informierten und sexuell aktiven Partner. Thiels ältester Patient war knapp achtzig und wurde von der Ehefrau begleitet.
Viagra wirkt nicht stimulierend. Das Mittel verstärkt die Durchblutung des Penis und verlängert seine natürliche Erektion, aber nur, wenn vorher die Lust auf jemanden da ist. «Und Lust kommt über das Hirn durch Reize - durch Augen, durch die Nase, durch Berühren», sagt der Urologe Thiel. «Ein Mann hat mir erzählt, dass er sich Viagra eingepfiffen und sich dann alleine auf die Couch gesetzt hat, um zu gucken, was passiert. Nichts ist passiert. Der Anreiz zum Sex muss entstehen wie immer.»
Viagra als Potenzmittel entstand aus reinem Zufall. Der Wirkstoff war mit mäßigem Erfolg gegen Bluthochdruck getestet worden. Mediziner beobachteten, dass nach der Testreihe einige Patienten das Präparat nicht zurückgaben. Sie hatten den anderen Effekt bemerkt.
Weitere Nebenwirkungen werden genutzt: Die israelische Luftwaffe gibt Piloten Viagra, um ihre Höhenverträglichkeit zu steigern. Das Ergebnis einer internationalen Studie kann man auch im zivilen Alltag verwenden: Mit ein bisschen Viagra in der Vase bleiben Schnittblumen eine Woche länger stehen.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der «Berliner Zeitung».