Folgen unterschätzt:
Bewusstseinstrübung nach Operationen
29. Sep 2008 15:18
 |  Operationsfolgen werden häufig unterschätzt | Foto: dpa |
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Demenzerkrankungen und ein erhöhtes Sterberisiko können die Folge von postoperativen Bewusstsstörungen sein. Ein neuer Schnelltest zur Diagnose soll Abhilfe schaffen.
Nach Operationen kommt es bei fünf bis 15 Prozent der Patienten zu einer Bewusstseinstrübung, dem sogenannten postoperativen Delir. Bei Operationen am offenen Herzen oder nach orthopädischen Eingriffen sind sogar rund die Hälfte der Patienten davon betroffen.
Fachleute forderten deshalb anlässlich eines Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) in Berlin eine erhöhte Aufmerksamkeit bei der Diagnosestellung. Ein neuer Schnelltest könnte die Störung schneller und besser als bisher erkennen.
Vor allem ältere Patienten leiden unter postoperativem Delir. Nach Expertenmeinung wurde die Bedeutung des Delirs für die Erholung der Patienten bisher deutlich unterschätzt. Eine unbehandelte Bewusstseinstrübung erhöht nicht nur die Komplikationsrate, sondern kann auch als Spätfolge eine demenzartige Störung (Gedächtnisverlust und/oder Orientierungslosigkeit) auslösen.
Postoperatives Delir als ernstes Warnsignal
«In Kliniken wurde das Delir bisher, wenn es als solches erkannt wurde, lediglich als temporäre Störung ohne gravierende Spätfolgen wahrgenommen.
Neuere Studien zeigen jedoch, dass ein postoperatives Delir ein ernstes Warnsignal ist», berichtet Professorin Claudia Spies, Tagungspräsidentin des HAI 2008 und Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Charité Berlin. «Die Patienten haben häufiger einen komplizierten Verlauf, die Liegezeiten auf der Intensivstation und in der Klinik sind länger. Viele bleiben auch nach der Entlassung gebrechlich und haben ein erhöhtes Sterberisiko», sagt die Expertin.
Ihr Kollege Finn Radtke hat deshalb in einer Studie untersucht, wie das postoperative Delir möglichst schnell und zuverlässig diagnostiziert werden kann. Als am besten geeignet erwies sich die von einem kanadischen Experten entwickelte «Nursing Delirium Screening Scale» (Nu-Desc), mit der das Pflegepersonal innerhalb von einer Minute den psychiatrischen Zustand der Patienten abschätzen kann. «Der Nu-Desc erkennt auch die sogenannten hypoaktiven Formen des Delirs, bei denen die Aufmerksamkeit der Patienten vermindert und Geist und Bewegungen verlangsamt sind», erläutert Radtke. Seine Studie zeigt, dass 24 Prozent aller Patienten im Aufwachraum ein mehr oder weniger schweres Delir haben.
Kognitive Dysfunktionen
Noch häufiger sind leichte Gedächtnisstörungen, postoperative kognitive Dysfunktionen (POCD) genannt, die mit speziellen Tests aufgedeckt werden können. Eine von den Berliner Forschern auf der diesjährigen Tagung der American Thoracic Society in Toronto vorgestellte Studie ergab, dass fast jeder zweite Patient nach einer Operation Zeichen einer POCD aufweist.
Bemerkenswert ist laut Spies, dass alle Patienten vor der Operation mental gesund waren. Die meisten erholten sich später wieder von ihren Störungen. Wenn die POCD jedoch längere Zeit andauert, zeigt sie wie das postoperative Delir ein erhöhtes Sterberisiko an.
Die Ursachen von POCD und postoperativem Delir sind nicht geklärt. Die Forscher vermuten aber, dass sie zum einen eine Folge einer Vorerkrankung und des biologischen Alters der Patienten ist. Zum anderen könnte auch der Operationsstress im Zusammenhang mit bestimmten Medikamenten bewirken, dass die Störungen nach der Operation vorübergehend oder auch dauerhaft verstärkt werden.
Zeit, Ort und Angehörige werden nicht erkannt
Ein Delir kann sich innerhalb weniger Stunden, als direkt nach den Erwachen aus der Narkose, aber noch Tage danach entwicklen. Experten unterscheiden drei Unterarten eines postoperativen Delirs. Die bekannteste Form ist die hyperaktive, kennzeichnend für sie ist eine motorische Unruhe und gesteigerte Reaktionen auf Umweltreize.
Einige Patienten kennen nach einer Operation vorübergehend weder Zeit noch Ort noch Angehörige.Weniger bekannt und deshalb häufig unerkannt ist die hypoaktive Form des Delirs. Bei ihr leiden die Betroffenen unter scheinbarer Bewegungsarmut, einer stark reduzierten Kontaktaufnahme mit der Außenwelt, Halluzinationen und Desorientierung. Die Symptome eines hypoaktiven Delirs werden erst durch Befragen deutlich, da es kaum vegetative Anzeichen dafür gibt. Die dritte Form ist ein Mischtyp und vereinigt die Symptome beider Ausprägungsformen. (nz/DGAI)