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Tagesthema Homöopathie: 

Wie Potenzen funktionieren

02. Jul 2008 17:50
Nicht immer die Chemiekeule: Homöopathie arbeitet mit Naturstoffen.
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Ähnlichkeitsregel, Potenzen, und Placebo-Effekt: Hinter dem Begriff «Homöopathie» steckt mehr als nur Bachblüten und Anthroposophen-Denken. Maike Schultz über die Geschichte der alternativen Heilmethode.

Neben der Akupunktur ist die Homöopathie die bekannteste und beliebteste alternative Heilmethode in Europa. Ihr historischer Ursprung wird auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert: Als Begründer und Wortschöpfer gilt der deutsche Arzt und Chemiker Samuel Hahnemann.

Ausgangspunkt für seine Forschung war die Arzneimittellehre von William Cullen, die ihn zu einem gewagten Experiment inspirierte. Der schottische Wissenschaftler hatte die Wirkung der Chinarinde gegen Malaria auf die Stärkung des Verdauungstrakts zurückgeführt. Um die Theorie zu überprüfen, schluckte Hahnemann selbst Chinarinden-Pulver und beobachtete daraufhin Malaria-Symptome bei sich.

Forschung im Selbstversuch

In den Folgejahren testete der Arzt etwa 100 weitere Substanzen an seiner Familie, Mitarbeitern und sich selbst. Seine Erkenntnisse hielt er in einem Aufsatz fest: «Man ahme die Natur nach, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andere hinzukommende heilt, und wende in der zu heilenden Krankheit dasjenige Heilmittel an, welches eine andere, möglichst ähnliche, künstliche Krankheit zu erregen imstande ist, und jene wird geheilt werden.»

Der Text erschien 1796 im «Journal der practischen Arzneykunde» an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität. Hahnemanns Thesen lassen sich in einem Kernsatz zusammenfassen: «Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden» (Latein: «Similia similibus curentur»).

Wenn das System abstürzt

Auch der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff Homöopathie bedeutet «ähnliches Leiden». Dabei richten sich Ähnlichkeitsregel und die entsprechende Arzneimittelwahl immer nach den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen des jeweiligen Patienten.

Über 200 Jahre nach Samuel Hahnemanns Entdeckung wird die klassische Homöopathie weiterhin in seinem Sinne gelehrt und praktiziert. Auch Promis vertrauen auf die «sanfte» Heilmethode: Laut «Spiegel» kurieren 92 Prozent aller Bundesligaärzte die Spieler mit homöopathischen Mitteln.

Anders als die so genannte Schulmedizin behandelt Homöopathie nicht Krankheiten, sondern den Menschen in seiner physischen und seelischen Gesamtheit. Sie betrachtet den gesunden Körper als ein System im Gleichgewicht. Im erkrankten Körper ist diese Balance gestört.

Brennesseln gegen Verbrennungen

Als Reiz- und Regulationstherapie gibt Homöopathie ihm die Möglichkeit, das Gleichgewicht aus eigener Kraft wieder herzustellen. Mit Hilfe von Wirkstoffen aus der Natur regt sie die körpereigenen Abwehrkräfte an und fördert die Anpassungsfähigkeiten des Organismus – durch Medikamente, die am gesunden Menschen zu ähnlichen Symptomen führen, wie sie für eine bestimmte Erkrankung charakteristisch sind. So wird zum Beispiel gegen Verbrennungen, Nesselsucht und Insektenstiche ein aus Brennnesseln gewonnenes Mittel eingesetzt.

Ein Homöopathikum gilt als umso wirkungsvoller, je stärker es verdünnt wird. Dabei handelt es sich um einen aufwendigen Verdünnungsprozess, der in Stufen vollzogen wird. Sie werden «Potenzen» genannt. Die Potenzierung geht von der «Urtinktur» aus der Frischpflanze aus. Sie wird stufenweise mit den neutralen Substanzen Alkohol oder Milchzucker verdünnt und zwischen jedem Verdünnungsschritt geschüttelt.

Heilpraktiker schwören auf Ähnlichkeitsregel

Nur so werde die Arzneikraft in vollem Maße erschlossen, meint der Mülheimer Heilpraktiker Thomas Mickler. «Aber nur wenn die bestehenden Symptome der Krankheit den Symptomen wirklich ähnlich sind, die diese Arznei bei einem Gesunden hervorruft, kann man eine heilende Wirkung erwarten.»

Bei chronischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Neurodermitis gilt Homöopathie inzwischen als bewährte Behandlungsmethode. Dennoch ist sie wissenschaftlich umstritten: Bei manchen Präparaten ist die Verdünnung so stark, dass sich darin kein Wirkstoff-Molekül mehr nachweisen lässt.

Streit um die Wirksamkeit

Ein Forscherteam der Universität Bern hat vor drei Jahren in einer Studie homöopathische Wirkstoffe mit entsprechenden Placebos verglichen. Ihr zufolge gab es keine Beweise, dass Homöopathie besser wirkt als die wirkstofffreien Scheinmedikamente. Das ist aber noch kein Versagen der Heilungsmethode, denn auch Scheinmedikamente könnten die Ausschüttung von körpereigenen Schmerzmitteln anregen im Gehirn anregen und somit eine «Hilfe zur Selbsthilfe» fördern.

Eine dänische Studie ergab 2001, dass Placebos nur bei subjektiven Beschwerden wie Schmerz einen Effekt hätten. Hier würde die Gabe einer «Zuckerpille» die Symptome besser lindern als gar keine Pille. Jos Kleijnen von der Universität York untersucht den Placebo-Effekt seit fast zwanzig Jahren und warnte vor einer Überinterpretation der dänischen Analyse: «Man kann daraus nicht folgern, dass die Psyche ohne Wirkung auf den Effekt von Therapien ist», sagt er.

Kleijnen sprach von einem «Kontext-Effekt»: «Damit meine ich die Situation und die Atmosphäre, die ein Arzt durch die Art und Weise schafft, wie er mit seinem Patienten umgeht: Nimmt er sich Zeit? Geht er auf ihn ein? Wie gut erklärt er die Krankheit?» Die Atmosphäre, die ein Arzt erzeugt, bestimme Erwartungen und Umgang des Patienten mit seiner Krankheit vermutlich stärker, als es die Hoffnung auf die Wirkung einer Therapie tue.

 
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