Tagesthema Homöopathie: 

netzeitung.deDie Sehnsucht nach Alternativen

 Herausgeber: netzeitung.de

Globuli statt Spritzen: Immer mehr Deutsche setzen auf Homöopathie. (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Globuli statt Spritzen: Immer mehr Deutsche setzen auf Homöopathie.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Immer mehr Deutsche setzen auf die sanften Heilmethoden der Homöopathie. Die wachsende Nachfrage spiegelt sich in der Wirtschaft, bei Ärzten und Krankenkassen wieder. Maike Schultz kennt wissenswerte Zahlen und Fakten.

Es gibt eine Menge Kritiker von Homöopathie. Gerade erst bot ausgerechnet der Alternativmedizin-Professor Edzard Ernst 10.000 Pfund für denjenigen, der einen wissenschaftlichen Nachweis über die Wirksamkeit homöopathischer Behandlungen liefert.

Die Forderung, die Homöopathie müsse ihre Wirksamkeit wissenschaftlich nachweisen, ist nicht leicht zu erfüllen: Sie soll zeigen, dass ihre Medikamente in einer Art und Weise wirken, die Placebos, also Scheinmedikamenten, überlegen ist. Dabei gibt es jede Menge Studien, die für die alternative Heilmethode sprechen.
Je älter und erfahrener, desto interessierter
2006 gab der süddeutsche Pharma-Konzern Heel bei der Gesellschaft für Konsumforschung eine Studie über Wissen und Meinung zu Homöopathie in Auftrag. Die Befragung ergab eine steigende Akzeptanz: Für rund 75 Prozent aller Deutschen ist Homöopathie ein fester Begriff, das sind zehn Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Die Therapieform gilt für die meisten Befragten als wirksam, sanft und sicher. Bei homöopathischen Arzneimitteln denken sie an natürliche Inhaltsstoffe und das Fehlen von Nebenwirkungen. Wie die Erhebung zeigte, vertraut bereits jeder fünfte auf Homöopathie. Nahezu die Hälfte der Befragten sieht sie außerdem als wissenschaftlich belegt an.

Zwei Drittel fordern Zusatzqualifikation vom Arzt
Bei der Studie kam außerdem heraus, dass das Interesse an Homöopathie mit den Lebensjahren zunimmt. In der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen gaben 53 Prozent der Befragten an, dass sie schon einmal etwas über Homöopathie gelesen oder gehört hätten, bei den ab 40-Jährigen waren es 82 Prozent.

Die wachsende Nachfrage belegt auch die diesjährige Umfrage des Burscheider Instituts für Empirische Gesundheitsökonomie: Demnach wünschen sich knapp zwei Drittel der Bundesbürger alternative Heilverfahren von ihrem Arzt. Chronisch kranke Patienten und Frauen legen mit jeweils 69 Prozent deutlich mehr Wert auf ein Homöopathie-Angebot als Männer mit nur 54 Prozent.

Günstig und Nebenwirkungsarm
Wie eine Statistik des europäischen Herstellerverbands homöopathischer Medikamente, Echamp, zeigt, verfügt in Deutschland etwa jeder 40. Arzt über die Zusatzbezeichnung «Homöopathie». Dagegen haben beispielsweise in Schweden von fast 30.000 Ärzten nur zehn eine homöopathische Zusatzausbildung. Insgesamt gibt es in Europa rund 56.000 Mediziner mit dieser Qualifikation.

Eine homöopathische Praxis verursacht nur die Hälfte der Kosten einer durchschnittlichen Grundversorgungspraxis. Außerdem müssen homöopathisch behandelte Patienten seltener stationär behandelt werden, nehmen weniger teure Spezialbehandlungen in Anspruch und leiden weniger an Nebenwirkungen von Arzneimitteln als konventionell behandelte Patienten.

Zu diesen Ergebnissen kam die Langzeitstudie «Programm zur Evaluation in der Komplementärmedizin (PEK)», die Ende 1998 vom Schweizer Gesundheitsministerium beauftragt wurde. «Vergleicht man die Kosten pro Patient, sparen wir gegenüber der Schulmedizin rund 60 Millionen Franken (ca. 38 Millionen Euro) ein», sagte ein Mitglied der PEK-Expertenkommission.

Homöopathie für Kassenpatienten
Einer Umfrage für das M+M Versichertenbarometer 2007 zufolge erwarten in Deutschland 80 Prozent der Versicherten von ihrer Krankenkasse, dass sie die Kosten für alternative Heilmethoden erstattet. Seit Februar 2006 übernehmen mehr als 30 gesetzliche Krankenkassen die Behandlungskosten der ärztlichen Homöopathie.

Die Deutsche BKK schloss 2005 als erste Krankenkasse einen Vertrag «Homöopathie» mit dem Deutschen Apothekerverband und dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte ab. Seitdem steigt die Zahl der Kassen, die sich an den Verträgen beteiligen. Zuletzt kam an diesem Montag die Techniker Krankenkasse in Nordrhein-Westfalen hinzu.

Für die Kassenmitglieder bedeutet das die Kostenübernahme der homöopathischen Leistungen bei einem Vertragsarzt mit der Zusatzbezeichnung «Homöopathie». Die verordneten Arzneimittel müssen die Patienten weiterhin selbst bezahlen, mit Ausnahme von Kindern bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr.

Deutschland und Frankreich sind die wichtigsten Märkte
In der EU-weiten Produktion homöopathischer Medikamente, die von kleinen und mittleren Betrieben dominiert wird, arbeiten etwa 8.200 Menschen. Wie der Herstellerverband Echamp mitteilte, lag ihr Erlös 2005 bei insgesamt 930 Millionen Euro.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Branche steigt kontinuierlich: Nach Angaben des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte legte die Branche zwischen 1995 und 2005 europaweit um 60 Prozent zu. Allein in Deutschland stieg der Absatz in dieser Zeit um 80 Prozent, in Frankreich waren es sogar 300 Prozent.

Ein Prozent des Pharma-Markts
Nach Endverkaufspreisen bezifferte Echamp den Arznei-Umsatz in Deutschland mit 268 Millionen von insgesamt 1,7 Milliarden Euro in ganz Europa. Die homöopathischen Präparate machen demnach etwa ein Prozent des Pharma-Markts aus, bei den rezeptfreien Medikamenten sind es sogar sieben Prozent.

Das Marktführende Unternehmen hierzulande ist die Deutsche Homöopathie-Union (DHU). Der Konzern mit über 400 Mitarbeitern hat sich aus der 1961 gegründeten Firma Schwabe entwickelt. Von Karlsruhe aus liefert die DHU homöopathische Arzneimittel in alle Welt.

Für ihr Angebot von über 400.000 Zubereitungen verarbeiten sie etwa 1.600 pflanzliche, tierische und mineralische Ausgangsstoffe in verschiedenen Potenzen, Darreichungsformen und Packungsgrößen. (nz)