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Tagesthema Homöopathie: 

«Sie nehmen Tabletten und gehen zur Akupunktur»

02. Jul 2008 08:52
Claudia Witt ist Professorin an der Charite
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Professorin Witt erforscht, ob Schulmedizin oder alternative Heilverfahren besser helfen. Antje Hoppe über angezogene Probanden in der Sauna und weiße Flecken, die die Deutschen nicht interessieren.

Seit kurzem hat Claudia Witt an der Berliner Charité Deutschlands erste Stiftungsprofessur zur Erforschung von Komplementärmedizin inne. Komplementärmedizin – auf diesen Begriff legt sie Wert. Darunter subsumiert die 39-jährige Berliner die gängigen alternativen Heilverfahren wie traditionelle chinesische Medizin oder Homöopathie, sieht diese aber nicht in Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur Schulmedizin. «Und das ist auch die Realität bei den meisten Patienten», betont die Professorin. «Sie entscheiden sich nicht für das eine oder das andere, sondern sie nehmen Schmerztabletten und gehen außerdem zur Akupunktur.»

Sechs Studien laufen aktuell unter Claudia Witts Regie, unter anderem will sie herausfinden, ob sich Halswirbelschmerzen besser mit der üblichen Physiotherapie oder mit Qigong behandeln lassen. Qigong ist eine chinesische Bewegungstherapie ähnlich wie Tai Chi.

Eine andere Studie der Medizinprofessorin findet an einem ungewöhnlichen Ort statt: In einer Sauna. «Die Teilnehmer sitzen dort, natürlich angezogen, und atmen zwei Minuten lang Luft über eine Atemmaske», erklärt Witt. Bei der einen Gruppe hat die Luft lediglich Zimmertemperatur, bei den anderen ist sie 90 Grad heiß. Geklärt werden soll, ob die Erwärmung des Nasen-Rachen-Raumes gegen erste Erkältungssymptome hilft. Aber Witt will nicht nur erforschen, wie Homöopathie und Co im Vergleich zur Schulmedizin oder zu Placebos abschneiden. Sie will auch wissen, bei welchen Patiententypen die alternativen Methoden am besten wirken.

Erste Erkenntnisse gibt es bereits: «Bei jüngeren Patienten, Personen mit einer hohen Erwartungshaltung sowie Frauen wirken komplementärmedizinische Therapien besser», sagt Witt. Sie will noch mehr herausbekommen: Spielt beispielsweise die Schulbildung oder das persönliche Verständnis von Krankheit und Gesundheit eine Rolle dabei, ob die Therapie gut anschlägt oder nicht?

Es gibt noch viele weitere Fragen, die in der Alternativmedizin nicht geklärt sind. Mit ihrem siebenköpfigen Team und den 15 Doktoranden wird Claudia Witt nur einige einzelne Puzzleteile untersuchen können. Vieles bleibt im Dunklen, weil in Deutschland nur wenige wissenschaftliche Arbeitsgruppen auf diesem Gebiet arbeiten. Die Berliner Professorin macht dafür nicht zuletzt eine einseitige Wissenschaftsförderung verantwortlich. «Es gibt hierzulande keine öffentlichen Forschungsgelder, wie beispielsweise in den USA, wo die Regierung jährlich 100 Millionen Dollar ausgibt, um diesen Zweig der Medizin genauer untersuchen zu lassen», sagt Witt, es unterstützten auch Länder wie England, Kanada und Australien die Erforschung von Alternativmedizin. Länder übrigens, in denen sich die Bevölkerung mit Therapien jenseits der Schulmedizin zum Teil seltener behandeln lassen als in Deutschland.

Ohne öffentliche Unterstützung läuft in der «alternativen Forschung» nur sehr wenig, denn im Unterschied zum Arzneimittelsektor gibt es bei Heilmethoden wie Akupunktur keine potente Industrie, die Studien sponsert. Es ist nur schwer vorstellbar, dass die Hersteller von Akupunkturnadeln eine groß angelegte Untersuchung finanzieren würden.

Weiße Flecken

Den Bundesbürgern sind derweil die weißen Flecken der Wissenschaft herzlich egal. Längst hat sich die Alternativmedizin in der Patientenversorgung fest etabliert. Immer mehr Kassen zahlen homöopathische Behandlungen im Rahmen von Verträgen zur integrierten Versorgung. Es gibt schätzungsweise bis zu 40.000 Ärzte, die ihren Patienten Akupunktur anbieten. Mittlerweile bekommt man die Nadelstiche sogar auf Kassenrezept – zumindest bei chronischen Rückenschmerzen und Kniearthrose.

'Gute Forschung stellt sich in Frage'
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Claudia Witt ist an letzterem nicht ganz unbeteiligt. Sie leitete vor vier Jahren einer der Studien, welche die medizinischen Argumente dafür lieferten, Akupunktur in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen.

«Nicht gerade Mainstream»

Seit zehn Jahren ist es Witts Metier, die Komplementärmedizin zu erforschen. Ein kleines, aber spannendes Gebiet, das «nicht gerade zum Mainstream gehört», wie sie selbst sagt. Wer sich dort beweisen will, muss einen langen Atem haben. Den hat die stellvertretende Leiterin des Charité-Instituts Sozialmedizin bereits bewiesen. Mit der Stiftungsprofessur ist sie eine weitere Karrierestufe nach oben gelangt.

Für die umtriebige Wissenschaftlerin, die auch einen Master of Business Administration in der Tasche, kein Grund, sich auszuruhen. «Gute Forschung stellt sich immer selbst in Frage», sagt sie.

 
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