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Tagesthema Homöopathie: 

Tausende von Pfund für eine Gegen-Studie

02. Jul 2008 11:11
Edzard Ernst: Arzt und ehemaliger Homöopath
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Einst war Edzard Ernst ein Fan der Homöopathie, nun ist er einer ihrer schärftsten Kritiker. «Irgendwann muss man sich einfach die Daten rational anschauen», sagt er im Interview mit der Netzeitung.

Netzeitung: Herr Ernst, Sie haben 10.000 Pfund demjenigen gestiftet, der einen wissenschaftlichen Nachweis über die Wirksamkeit der Homöopathie liefert. Geld aus Ihrer Privatschatulle?

Edzard Ernst: Das Geld ist von mir und von Simon Singh, einem Physiker und Journalisten. Wir beide haben ein Buch über alternative Heilmethoden mit dem Titel «Trick or Treat – Alternative Medicine on Trail» herausgegeben, und das ist letztlich auch der Auslöser für diesen Wettbewerb. Das Buch überprüft nach den Regeln der evidenzbasierten Medizin eine große Reihe von alternativen Heilmethoden, unter anderem eben die Homöopathie. Während viele Verfahren dabei einigermaßen positiv abschneiden, kommen wir bei der Homöopathie zu einem eindeutig negativen Ergebnis. Das hat einige Homöopathen etwas irritiert, und es kamen alle möglichen Anschuldigungen, sachlicher und persönlicher Art. Irgendwann hatten wir genug und riefen den Wettbewerb aus.

Das heißt, wenn jemand belegen kann, dass die Homöopathie tatsächlich wirkt, und dass unser Buch die Daten zur Homöopathie falsch darstellt, sind wir bereit, aus unserem privaten Vermögen diese 10.000 Pfund zu zahlen. Wir wollen die Publikation eines so genannten Cocrane Reviews (Wird in einem Kasten erklärt), der deutlich oder eindeutig positiv für ein homöopathisches Mittel ausfällt. Dabei ist es egal, um welche Krankheit es geht. Cocrane ist international als objektiv anerkannt und nicht voreingenommen gegenüber homöopathischen Studien. Uns war es wichtig, dass weder Homöopathen noch wir selbst als Schiedsrichter fungieren.

Netzeitung: Haben Sie sachliche Rückmeldungen bekommen?

Ernst: Nein, noch nicht. Wobei einige Zeitungen den Wettbewerb falsch reportiert und unsere Wettbewerbsbedingungen nicht klar wiedergegeben haben. In einigen Zeitungen war die Rede von irgendeiner positiven Homöopathiestudie. Sicher gibt es bereits positive Studien in diesem Bereich, aber wir sind nun einmal Anhänger der Prinzipien evidenzbasierten Medizin, und da kann man sich nicht die Rosinen rauspicken, sondern muss die Totalität der Gesamtevidenz betrachten. Darum geht es uns.

Netzeitung: Es geht also um die tatsächlichen Effekte - Placebowirkung und die heilungsunterstützende Wirkung eines Therapeuten außen vor gelassen...

Ernst: Wir bezweifeln nicht, dass es eine Placebowirkung gibt, die gerade auch bei der Homöopathie zum Tragen kommt. Auch die Arzt-Patienten-Beziehung spielt eine Rolle. Wir zielen aber speziell auf das homöopathische Mittel ab.

Netzeitung: Die Diskussion um die Homöopathie wird von beiden Seiten sehr verbissen geführt. Warum ist das so?

Ernst: Ich bin selber Homöopath gewesen, habe im Münchener Krankenhaus für Naturheilweisen gelernt und habe Homöopathie dann als Arzt auch gelegentlich eingesetzt. Als Wissenschaftler beleuchte ich sie nun seit ein paar Jahren kritisch, und die Evidenzlage ist über die Jahre hinweg immer eindeutiger gegen die Homöopathie ausgefallen. Insofern sind meine Äußerungen auch immer negativer geworden. Ich hatte eine Ahnung, was mit der Publikation des Buches auf uns zukommen würde, aber mit welcher Vehemenz das ausgedrückt wurde, und wie oft das unter die Gürtellinie ging, war mir neu.

Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, warum das so ist. Die Homöopathen fühlen sich in die Ecke gedrängt. Die Kritik an dieser Behandlungsform ist so alt wie die Homöopathie selbst. Dass aber jemand, der aus den Kreisen der Homöopathie kommt, so wie ich, zum Kritiker wird, ist den Anhängern natürlich besonders lästig, weil sie eigentlich nun nicht mehr sagen können, der Kerl wisse nicht, wovon er redet, sei inkompetent und korrupt. Getan haben sie es aber trotzdem.

Netzeitung: Die wissenschaftlichen Zweifel an der Homöopathie sind eigentlich seit Jahren bekannt und auch immer wieder Thema in den Medien. Warum ist diese Behandlungsmethode dennoch so beliebt?

Ernst: Von Seiten derjenigen, die diese Sachen verkaufen, wird mit einer bewundernswerten Dreistigkeit behauptet, dass da Wirkungen sind, und dass biologische Plausiblität so unwahrscheinlich nicht sei. Das ist eine systematische Missinformation der Bevölkerung und der Patienten.

Im Unterschied dazu setzen Hausärzte zum Beispiel einzelne homöopathische Mittel intelligenter als man meint: In einigen Fällen weiß der Arzt nämlich schlicht nicht, was er tun soll: Es steht vielleicht keine Diagnose fest, zumindest keine behandelbare Diagnose, der Patient will aber mit einem Rezept nach Hause gehen. Da schreibt man eben nicht «Placebo» sondern Arnika D30 oder sonst irgendwas drauf. In Deutschland wird Homöopathie von sehr vielen niedergelassenen Ärzten eingesetzt – schätzungsweise 70 Prozent der Hausärzte machen das.

Netzeitung: Grobe Schätzungen besagen, dass der menschliche Organismus mit etwa drei Viertel aller Krankheiten selbst klar kommt, ohne dass irgendetwas eingenommen werden muss. Nur hat uns die so genannte Schulmedizin jahrelang eingeredet, dass Tabletten oder ein paar Tropfen helfen sollen. Letzten Endes reden wir also über die Auswirkungen einer Vertrauenskrise, in die sich die «klassische» Medizin selbst hineinmanövriert hat. Wo sehen Sie Auswege aus diesem Dilemma?

Ernst: Ich habe das auch immer so gesehen. Die Popularität der Komplementärmedizin ist ein Ausdruck der Kritik an der so genannten Schulmedizin, die gut daran täte, sich selbst zu hinterfragen. Leider passiert das nicht. Wenn ich eine andere universitäre Aufgabe hätte, wäre ich mit Sicherheit ein lautstarker Kritiker der konventionellen Medizin. Mir wird vorgeworfen, dass wir das in unserem Buch nicht kritisieren. Aber wenn ich ein Buch über Alternativmedizin schreibe, ist das nun mal nicht das erste Thema auf meiner Rangliste.

Netzeitung: An der Berliner Charité gibt es seit Mai eine Stiftungsprofessur zur Komplementärmedizin. Die Professorin, Frau Claudia Witt, sagt sinngemäß, die klassischen Bewertungskriterien, also der Wirksamkeitsnachweis, so wie Sie ihn einfordern, reicht für alternative Methoden nicht aus. Sie plädiert für eine Anpassung der Kriterien. Ist das ein Weg?

Ernst: Natürlich muss die randomisierte klinische Studie an die Bedürfnisse der Therapieform angepasst werden. Da gibt es sehr wohl Spielraum. Speziell für die Homöopathie könnte man es so machen, dass alle Bedürfnisse nach Individualisierung und Wechsel des Therapiekonzepts innerhalb einer Studie berücksichtigt werden. Das wurde auch schon gemacht.

Wenn aber diese Studien ebenfalls negativ ausfallen, gehen Leute wie Frau Witt einen Schritt weiter und sagen, man müsse prinzipiell eine andere Wissenschaft gestalten, Outcomestudies (Wird im Kasten erklärt) zum Beispiel. Das halte ich schlicht gesagt für Schmarrn und sogar für eine gefährliche Strategie. In der Medizin kann es nur einen Standard geben und Wissenschaft kann es nur eine geben. Es gibt keine alternative Wissenschaft, so sehr, wie sich manche Anhänger der Komplementärmedizin das auch wünschen. Damit macht man sich nur lächerlich.

Netzeitung: Frau Witt beklagt, dass hierzulande die Förderung der Forschung zu einseitig in Richtung klassischer Medizin gehe. Für «alternative Forschung» sei kaum Geld da. Sie erforschen in Großbritannien Komplimentärmedizin – wie ist Ihre Sicht auf die Dinge?

Edzard Ernst: Die Mittelknappheit beklage ich auch – aber ansonsten bin ich nicht mit Frau Witt auf einer Linie. Ich denke nicht, dass man das Rad neu erfinden muss, um Komplementärmedizin zu erforschen. Die Methoden sind uns ja nicht ex cathedra oder vom lieben Gott gegeben worden. Methoden wie Randomisierung, Verblindung etc. haben ja alle einen Sinn: Sie verfolgen die Minimierung von systematischen Fehlern in diesen Studien. Es gibt dutzende von Quellen für systematische Fehler – und die können nun mal mit den bisherigen Methoden am besten minimiert werden.

Netzeitung: Wir haben jetzt über den akademischen Diskurs gesprochen, in dem es essenziell ist, die rationale Klinge zu führen. Wie wir aber in der Redaktion festgestellt haben, spaltet das Pro und Kontra Homöopathie ganze Familien und Haushalte. Wissenschaftliche Rationalität hat in diesem emotionalen Kontext wenig Raum. Was würden Sie denn jemandem privat sagen, der zu einem Homöopathen geht?

Edzard Ernst: Ich habe dafür viel Verständnis. Ich arbeite in der Szene, habe Freunde, die Homöopathen sind. Aber irgendwann muss man sich einfach die Daten rational anschauen. Wenn man dann dennoch emotional überzeugt ist, sollte man die vereinigte Kirche des Samuel Hahnemann gründen. Dann hat das mit Wissenschaft nichts mehr zu tun. Das ist dann Glaube und Religion. Dagegen habe ich nichts einzuwenden.

Netzeitung: Gibt es alternative Heilmethoden, die Sie trotz dürftiger Beweislage für erfolgversprechend halten?

Edzard Ernst: Bei ganz vielen Methoden ist die Beweislage dürftig. Selbst bei denen, die heute in der Komplementärmedizin gefeiert werden. Zum Beispiel sind Akupunktur bei gewissen Indikationen oder spezielle pflanzliche Mittel von relativ dünner Datenlage untermauert. Wenn diese dünne Datenlage eher positiv ausfällt ist, dann sollte man das auch sagen. Wenn die Methode dazu noch biologisch plausibel erscheint, ist nicht viel einzuwenden.

Nehmen wir das Beispiel Massage bei Rückenschmerzen. Es gibt dazu lediglich eine Handvoll Studien – die meisten zeigen positive Ergebnisse, sind aber auch ziemlich schlecht gemacht. Dennoch meine ich, gegen Massage bei Rückenschmerzen ist nichts einzuwenden, denn es erscheint auch biologisch plausibel. Bei der Homöopathie dagegen: 200 kontrollierte klinische Studien, bei denen unterm Strich nichts rauskommt und dazu noch eklatante biologische Unplausibilität…

Netzeitung: Was halten Sie vom Argument der Jahrhunderte alten Tradition?

Edzard Ernst: Es gibt da ja sehr prominente Beispiele in der Geschichte. Nehmen Sie den Aderlass. Den gab es in nahezu allen medizinischen Kulturen, und der hat sicherlich Millionen Menschen das Leben gekostet und wurde dennoch lange praktiziert. Als dann mit den ersten klinischen Studien in der Geschichte der Medizin wahrscheinlich gemacht wurde, dass der Aderlass nicht hilft, hat man schon damals die Sinnhaftigkeit der klinischen Studie angezweifelt, aber nicht den Aderlass selbst. Dafür gibt es hunderte von ähnlichen Beispielen.

Ein Jahrhunderte langer Einsatz einer Therapie legt vielleicht einen Hinweis der Wirksamkeit nahe, der überprüft werden muss. Es muss also zunächst eine Hypothese auf Grundlage der Tradition formuliert werden, bei der die Tradition selbst aber nicht als Beweis angeführt werden kann. Die Sicherheit und Effektivität einer Therapie ist zu wichtig, um sie Mutmaßungen zu überlassen.

Mit Edzard Ernst sprach Daniel Kählert

 
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