20.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Ein gutes Gespräch kann niemand ersetzen.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der kalifornische Internetkonzern hat einen weiteren Dienst gestartet, den hierzulande (zum Glück) noch kein Mensch braucht. In den USA könnte Google Health dagegen gut ankommen.
In einer Zeit, in der in Deutschland erbittert über die Einführung der elektronischen Gesundsheitskarte und die Chancen und Risiken des «gläsernen Patienten» gestritten wird, erscheint es recht sonderbar, dass der kalifornische Internetdienstleister Google einen neuen Dienst anbietet, mit dem - kostenlos, versteht sich - die eigene Krankenakte auf einem Google-Server gespeichert und verwaltet werden kann.
Der zu Beginn der Woche vorgestellte
Betatest des Angebotes kombiniert eine Archiv-Funktion für Krankenakten mit Such- und Informationsdiensten des Konzerns. So bietet Google beispielsweise bei der Diagnose «Übergewicht» in einer Spalte die dazugehörigen Nachrichten aus Google News oder Foreneinträge zum Thema. Es gibt Serviceinformationen zu Medikamenten und Nebenwirkungen wie auf anderen Gesundheitsportalen auch. Dank der firmeneigenen Suchtechnologie werden zudem die in der Akte hinterlegten Medikamente auf mögliche Wechselwirkungen untersucht. Bei der Aktenverwaltung arbeitet Google mit einigen US-Krankenhäusern und Apothekenketten zusammen. Benutzer können ihre Akten von den behandelten Ärzten und Krankenhäusern hochladen lassen. Es kann zudem nach Ärzten gesucht und Termine vereinbart werden.
Das Angebot ist dabei nicht nur für die Benutzer kostenlos, auch die vernetzten medizinischen Einrichtungen müssen nichts dafür zahlen, an Google Health zu partizipieren. Doch wie verdient Google dann an diesem Service? Das Unternehmen selbst
beantwortet die Frage wie folgt: «Wie andere unserer Produkte ist Google Health kostenfrei für jeden, der es nutzt. Google Health ist werbefrei. Unser Hauptanliegen ist es, dem Nutzer eine gute Erfahrung zu bieten und seine Bedürfnisse zu treffen.»Userbindung ist das vordergründige Motiv: Der Benutzer soll möglichst alle Belange, die einer Speicherung oder digitalen Verwaltung bedürfen, an Google übertragen. Aus dem großen Berg der gesammelten Daten lässt sich dann freilich schon Geld machen, wie ein Blick in die
Nutzerbedingungen des Services vermuten lässt:
«[...] Google benutzt gesammelte Daten, um Trendstatistiken zu veröffentlichen und Zusammenhänge herzustellen. [...]»Mal abgesehen von dem
latenten Unwohlsein, Informationen über die eigene Krankengeschichte auf einem nicht zu kontrollierenden Server einer privaten Firma zu lagern, bleibt die Frage, wer braucht Google Health? In Deutschland, bis auf ein paar
Cyberchonder oder Digitaljunkies, die auch ihr
Erbgut bei 23andme googeln lassen würden, sicherlich niemand, denn der Service ist auf den US-Markt zugeschnitten, und Medizinportale gibt es auch hierzulande genug.
Gesundheitssystem in den USAIn den USA macht das Angebot schon mehr Sinn: In einem Land mit einem rudimentärem Krankenversicherungssystem und 47 Millionen Einwohnern ohne Versicherungsschutz ist eine Eigenverwaltung der Gesundheit gefragt. In vielen anderen Ländern sieht die Lage noch schlechter aus. Sorgen um die Privatsphäre erscheinen da eher als Luxusgedanken, und möglicherweise sind auf die eigene Krankengeschichte zugeschnittene Werbemails als Alltagserleichterung gar willkommen. «Leben Sie wir kümmern uns um die Details», warb mal eine damals noch deutsche Bank um Kunden.
Dass die private Gesundheitsverwaltung ein riesiger weltweiter Markt ist, zeigt auch das Interesse des zweiten Internet- und Softwaregiganten, Microsoft: Die Konkurrenten aus Seattle haben mit Health Vault einen
ähnlichen Dienst in der Betaphase. Sicherlich könnte es aus unternehmerischer Sicht auch Sinn machen, sich mit einem auf dem US-Markt erfolgreich getestetem Produkt auch dem deutschen Gesundheitswesen anzudienen. Wenn der Streit um Gesundheitsreform und -karte noch lange dauert, stehen die Chancen dafür nicht allzu schlecht. Wozu überhaupt eine teure Gesundheitskarte einführen, wenn Google unsere Krankengeschichten kostenlos verwertet? (nz)