«Der Nobelpreis ist eine Erfindung der Schweden, um ihr Land bekannter zu machen», hat Max Delbrück einmal gesagt. Dem Bekanntheitsgrad des deutschen Wissenschaftlers selbst hat der Nobelpreis für Physiologie und Medizin allerdings auch nicht geschadet.
Als Delbrück die Auszeichnung 1969 in Stockholm erhält, liegen seine ersten bahnbrechenden Einsichten bereits über drei Jahrzehnte zurück:
1935 legt er mit zwei Kollegen die Grundlagen für die molekulare Genetik. In der heute zu den Klassikern der Biologie gerechneten Arbeit «Über die Natur der Genmutation und der Genstruktur» schlägt Delbrück vor, dass «Gene» als Atomverband aufzufassen seien. Damit ist das erste Gen-Modell geboren – 18 Jahre bevor James Watson und Francis Crick die DNA-Doppelhelix entdecken.
Das Rätsel des Lebens
Delbrück mit Kollege Luria, Aufnahme Anfang der 40-er Jahre
Foto: asmusa.org
Max Delbrück wird 1906 in Berlin geboren. Er studiert Physik und promoviert. Sein Fach allerdings langweilt ihn bald: Die großen Ideen und Entdeckungen sind spätestens seit Mitte der zwanziger Jahre vergeben. Ein Vortrag von Niels Bohr über «Licht und Leben» weckt sein Interesse an der Biologie und an dem ungelösten Rätsel des Lebens. Fortan verknüpft Delbrück die bis dahin getrennten Wissenschaften Physik und Biologie: Er wendet physikalische Modelle und Methoden auf lebendige Organismen an. Seine Veröffentlichung über das Wachstum von Bakteriophagen (1939) macht die Molekularbiologie zu einer exakten Wissenschaft.
Nur wenige Jahre später schafft Delbrück zusammen mit Biophysiker Salvador Luria den endgültigen Durchbruch in der Bakteriengenetik: Die beiden jungen Wissenschaftler zeigen, wie man mit Bakterien Genetik treiben kann. In ihrer berühmten «Fluktuationsanalyse» beweisen sie, dass sich bakterielle Gene durch Mutationen ändern können, und dadurch die Zelle vor Virenbefall schützen. Ab 1945 gibt Delbrück bei New York Einführungskurse in das neue Gebiet. Seine sogenannte «Phagen-Gruppe» bringt die Molekularbiologie ins Laufen.
Delbrücks Einfluss auf die Wissenschaft ist in der Fachwelt unbestritten: Viele Forschungsinstitute tragen Delbrücks Namen, etwa das 1992 gegründete Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch. Zusammen mit anderen Forschungseinrichtungen verleiht das MDC jedes Jahr die Max-Delbrück-Medaille an herausragende Wissenschaftler. Max Delbrück zählt zu jenen deutschen Wissenschaftlern, die zu Zeiten des Nationalsozialismus in die USA auswandern und – nicht zuletzt aufgrund besserer Forschungsmöglichkeiten – auch nach dem Krieg nicht zurückkehren.
Delbrück als Nobelpreisträger
Er bleibt jedoch mit Europa emotional verbunden. Und so setzt er seine Idee, den Wiederaufbau der deutschen Wissenschaft zu unterstützen, in die Tat um: Er hilft bei der Errichtung des Kölner Instituts für Genetik und leitet es von 1961 bis 1963. Außerdem setzt er sich aktiv für die Einrichtung der biologischen Fakultät an der Universität Konstanz ein.
Delbrück schaffte die Basis der modernen Molekularbiologie. Von seiner Arbeit werden noch Generationen von Biologen profitieren. Das «Rätsel des Lebens», die molekulare Basis der Vererbung, konnte Delbrück nicht selbst lösen. Er musste diesen Triumph seinem Zögling James D. Watson überlassen.