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Menschen-Klonen scheitert offenbar schon am ersten Schritt
11. Apr 2003 07:58

Ein korrekter Spindelapparat (rot) mit gut angeordneten Chromosomen (blau) ist die Voraussetzung für neues Leben.
Foto: Science
Technisch scheint es derzeit unmöglich zu sein, Menschen und ihre engen Verwandten zu klonen. Schon die ersten Zellteilungen schlagen fehl. Doch das ist erst die halbe Geschichte.

Sie heißen Antinori, Zavos, Boisselier, Rael. Sie wollen Menschen erfolgreich geklont haben, präsentieren teilweise sogar Fotos von Säuglingen. Was sie bisher noch nicht präsentiert haben, sind Beweise. Die Welt wird im Unklaren gelassen, ob es bereits menschliche Klone gibt oder nicht.

Dolly-Technik reicht nicht

Mehr in der Netzeitung: Klonen
Jetzt legt der renommierte Biomediziner Gerald Schatten aus Pittsburgh neue Hinweise vor, dass das Klonen eines gesunden Primaten derzeit praktisch unmöglich sein dürfte. Bei dieser Tiergruppe («Herrentiere»), zu denen biologisch auch der Mensch gehört, gehen schon die ersten selbstständigen Schritte einer durch die Dolly-Technik erzeugten Zelle schief, schreibt der Forscher und seine Arbeitsgruppe in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «Science». Zwar teilt sich die Zelle und wird zu etwas, was «äußerlich wunderbar, wie ein früher Embryo aussieht», so Schatten zur Netzeitung, innen drin allerdings ist nichts normal.

Die Chromosomen, die bei einer Zellteilung gleichmäßig auf die Tochterzellen verteilt werden müssten, finden sich in den Tochterzellen in unterschiedlicher Anzahl. Das kommt einem Todesurteil gleich, oder bedeutet im besten Fall eine schwere körperliche und geistige Behinderung eines so entstandenen Individuums. Bekanntestes Beispiel für eine solche Ungleichverteilung von Chromosomen ist die Trisomie 21. Bei dieser auch als Down-Syndrom bekannten Krankheit hat jede Zelle dreimal das Chromosom 21. Viele normale Befruchtungen führen zu anderen solchen Unregelmäßigkeiten. Die meisten so entstehenden Embryonen nisten sich entweder gar nicht in der Gebärmutter ein oder werden in meist unbemerkten Aborten abgestoßen.

Ungleiche Verteilung

Schatten und seine Mitarbeiter erzeugten mit der Dolly-Methode, bei der einer Eizelle ihr Kern entnommen und durch den Kern einer Körperzelle ersetzt wird, 724 Rhesusaffen-Embryos. Dreiunddreißig davon entwickelten sich so, dass sie einem weiblichen Tier in die Gebärmutter eingepflanzt werden konnten. Schwanger wurde kein einziges.

Calvin Simerley, der die Arbeiten leitete, erklärt das Versagen der Technik so: «Wenn Zellen sich teilen, gibt es ein paar grundlegende Dinge, die eigentlich passieren müssen. Und sie sind einfach nicht passiert.» Eines dieser grundlegenden Dinge ist die Ausbildung des so genannten «Spindel-Apparates» vor der eigentlichen Zellteilung. Der Name ist von dessen Aussehen unter dem Mikroskop abgeleitet. Lange Proteinketten bilden eine spindelartige Struktur, an der bei der Zellteilung die einzelnen Tochter-Chromosomen geordnet in Richtung des jeweiligen Endes der Tochterzellen wandern können.

Damit das auch wirklich geordnet und im richtigen Zahlenverhältnis von jeweils 1:1 geschieht, braucht die Zelle einige Hilfsproteine. Bei den Rhesusaffen-Zellen fehlten diese fast vollständig. Sie waren bei der Entfernung des Zellkernes der Eizelle mit abgesaugt worden. Unter dem Mikroskop zeigten sich chaotische Strukturen des Spindelapparates und eine ebenso chaotische Wanderung der Chromosomen: «Die wanderten in alle Himmelsrichtungen», sagt Schatten - kein guter erster Schritt ins Leben.

Auch menschliche Klone, die so erzeugt wurden, dürften sich ähnlich unvorteilhaft entwickeln. Zumindest, sagt Schatten, sind die Verhältnisse in einer unbefruchteten menschlichen Eizelle mit denen bei Rhesusaffen praktisch identisch.

Neue Klon-Methode

Chaos-Spindelapparat in einer Rhesusaffen-Klonzelle.
Foto: Science
«Es scheint fast, als ob die Natur nicht wollte, dass wir uns selber klonen. Die Natur scheint das Klonen zu erschweren, als wollte sie uns sagen, dass sexuelle Fortpflanzung einfach der bessere Weg ist», schreibt der Theologie-Professor Ronald Cole-Turner in einem begleitenden Kommentar in «Science».

Etwas prosaischer äußert sich der Klon-Pionier Rudolf Jaenisch vom Whitehead-Institute in Cambridge bei Boston.
Mehr in der Netzeitung: Interview
«Die Ergebnisse von Schatten zeigen nur, dass zu den ohnehin schon eigentlich unüberwindbaren biologischen Problemen, die es generell beim Klonen, also auch bei Mäusen, Schafen oder Kühen gibt, bei Primaten noch weitere technische Probleme dazukommen», so Jaenisch zur Netzeitung. Bei der Entnahme des Zellkerns aus der Eizelle «entfernt man offenbar auch für die Zellteilungen wichtige Faktoren.» Das sei allerdings ein Problem, «das man technisch in den Griff bekommen kann.»

In der Tat scheint die Pittsburgher Arbeitsgruppe auf dem Weg dahin zu sein. Mit einer neuen Klontechnik hat das Team bereits tatsächlich Zellen mit korrektem Spindelapparat gewonnen. Bei dem Verfahren, sagt Schatten, befruchtet ein Spermium ganz normal ein Ei. Dazu kommt jedoch der Kern einer Körperzelle, der zusätzlich injiziert wird. Daraufhin bildet sich der Spindel-Apparat aus. Erst dann, in der so genannten Interphase der Zellteilung, wird die DNA von Spermium und Ei abgesaugt. Was bleibt, und sich nach Schattens Angaben auch korrekt auf die Tochterzellen verteilen kann, sind die Chromosomen des injizierten Körperkerns.

Reprogrammierung

Mehr im Internet: Video
Viel gravierender als die also offensichtlich lösbaren technischen Probleme sind für Jaenisch nach wie vor die Unregelmäßigkeiten bei der so genannten «Reprogrammierung». Hier ist nicht der ursprüngliche Inhalt der Eizelle, sondern der neue, von einer Körperzelle stammende Zellkern das Problem. Er muss sich innerhalb von Stunden von einem Körper-Zellkern zu einem Embryonen-Zellkern zurückentwickeln, also «reprogrammieren». Der Prozess dauert bei Eiern und Spermien Monate. Für Jaenisch ist es deshalb kein Wunder, dass er bei Zellkernen, die sich Hals über Kopf in einer Eizelle wiederfinden, eigentlich nie richtig abläuft.

Bisher hat noch jeder eingehend untersuchte Klon, selbst wenn er es bis zur Geburt und darüber hinaus geschafft hat, genetische Unregelmäßigkeiten gezeigt, die auf die ungenaue Reprogrammierung zurückzuführen sein müssen. Seit der Geburt von Klonschaf Dolly ist kein Klon-Experte diesem grundsätzlichen biologischen Problem auch nur ansatzweise Herr geworden. «Was wir seit sechs Jahren machen», sagt Jaenisch, und bezieht dabei die eigenen Arbeiten ausdrücklich mit ein, «ist eigentlich nur eines: Wir haben die Produktion abnormaler Klone effizienter gemacht.» Für Jaenisch sind diese grundsätzlichen Probleme der Hauptgrund, warum das Klonen von Menschen verboten werden muss. Schatten vertritt die gleiche Meinung. «Alles, was Rudi sagt, ist richtig. Unsere Ergebnisse sind nur ein weiterer Sargnagel für die zweifelhaften Hoffnungen auf das reproduktive Klonen.»

«Das Monster von Fortpflanzungs-Klonen»

Rudolf Jaenisch.
Foto: NZ
Bleibt die Frage nach dem so genannten therapeutischen Klonen. «Das ist die gute Nachricht», sagt Schatten: «Wenn es nur um Zellen geht, können wir mit unserer neuen Technik, selbst wenn nur ein oder zwei Prozent der Embryonen die korrekten Chromosomenzahlen haben sollten, diese auswählen. Das ist sogar sehr einfach, weil sie die einzigen sein werden, die in der Petrischale in mehreren Schichten wachsen können.» Diese Zellen wiederum könnte man dann, so glaubt auch Jaenisch, genau auf andere Defekte untersuchen. Für mögliche Therapien, wie sie für Krankheiten wie Parkinson, Multiple Sklerose und Alzheimer von Stammzellforschern seit langem in Aussicht gestellt werden, könnte man dann die geeigneten Zellen herausfiltern.

Auch Reverend Cole Turner stößt in seinem Kommentar in «Science» in dasselbe Horn. Es sei Zeit, das «Monster vom Fortpflanzungs-Klonen aus der Debatte zu verbannen, damit medizinische Forschung an embryonalen Stammzellen mit starker Unterstützung weitergehen kann.»
Wild verteilte Kinesin-Moleküle (grün) an der verkrüppelten Spindel einer durch nulearen Transfer hergestellten Rhesusaffen-Klonzelle.
Foto: Science



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