31.01.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Die Chromosomenenden (gelb) stehen im Verdacht, den Alterungsprozess zu beeinflussen.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Über den Zusammenhang zwischen dem Alterungsprozess und der Länge der Schutzkappen an den Enden der Chromosomen wird schon lange spekuliert. Forscher haben diese Telomere bei alten Menschen vermessen.
Je kürzer die Schutzkappen an den Chromosomenenden, die Telomere, umso näher liegt der Tod einer Zelle. Diese alte Erkenntnis aus Zellkultur- und Tierexperimenten ist schnell zu der Theorie ausgebaut worden, dass in den Telomere auch für den Menschen die Uhr des Lebens tickt. Klare Beweise gab es dafür jedoch bisher nicht. Jetzt haben Forscher die Telomere von Patienten mit einem Alter von über 60 Jahren gemessen und scheinen die Theorie zu bestätigen.
Dreifach höheres Herzinfarkt-RisikoWenn sich eine Zelle teilt, dann muss sich auch die DNA der Chromosomen verdoppeln. Dabei gehen jedoch an den Chromosomenenden einige DNA-Bausteine verloren, so dass die Gefahr des Genverlusts besteht. Deshalb schützen höhere Organismen ihre Chromosomenenden mit Schutzkappen, Telomeren, die aus einer Abfolge von 3000 bis 20.000 DNA-Bausteinen ohne genetische Information bestehen. Molekularbiologen vermuten seit langem einen engen Zusammenhang zwischen dem Zustand der Telomere und dem Altern der Zellen oder auch der Entstehung von Krebs. Beispielsweise hat das Klonschaf «Dolly» verkürzte Telomere. Durch das Klonen des Tiers aus der Zelle eines ausgewachsenen Schafs war die «Telomer-Uhr» nicht neu aufgezogen worden. «Dolly» ist molekularbiologisch also älter als das Geburtsdatum vermuten lässt. Ob Klontiere wie Dolly deshalb auch früher sterben, muss sich jedoch erst zeigen.
Richard Cawthon von der University of Utah und seine Kollegen wollten überprüfen, ob sich auch beim Menschen im Zuge des Alterungsprozesses die Telomere verkürzen. 150 Patienten, die älter als 60 Jahre waren, wurden untersucht. Cawtons Ergebnis: Wenn die Telomere verkürzt sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit drei Mal höher, dass der Patient an einem Herzinfarkt und sogar acht Mal so hoch, dass er an einer Infektionskrankheit stirbt.
«Heiße Luft»«Es hat eine Menge heiße Luft und Vermutungen auf der Basis von Tierexperimenten gegeben. Das ist jetzt wirklich zum ersten Mal durch Fakten ersetzt worden», sagte Elizabeth Blackburn von der
University of California in San Francisco dem Wissenschaftsmagazin «New Scientist». Die Entdeckerin des «Telomerase»-Enzyms, das die Schutzkappen immer wieder erneuert, warnt jedoch, die Ergebnisse als Beweis für einen direkten Zusammenhang zwischen der Telomer-Verkürzung und frühzeitigem Ableben zu werten.
Unbestreitbar jedoch ist die Telomerase-Aktivität bei älteren Menschen reduziert. Dadurch droht nicht nur die zelluläre Uhr abzulaufen, defekte Telomere können durch das Verkleben der Chromosomenenden oder Verlust von Genen auch Krebs auslösen oder Infektionen begünstigen. Denn Immunzellen müssen intakte Telomere haben, um sich im Fall einer Infektion schnell teilen zu können. Solch verzögerte Replikation könnte der Grund sein für den Einfluss der Telomere auf die Infektionsrate der untersuchten Patienten, schreibt Cawthon in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «The Lancet».
Auch zuviel Telomerase kann schadenDer Forscher gibt aber zu, dass die Telomerverkürzung auch lediglich ein Symptom und nicht Ursache der altersbedingten Erkrankungen sein könnte, so dass auch ein frühzeitigerer Tod nicht auf die fehlenden Schutzkappen zurück zu führen sein muss. Das Telomere möglicherweise nichts mit dem Alterungsprozess zu tun haben müssen, legen Untersuchungen bei Spulwürmern und Fruchtfliegen nahe, die, lange bevor die Telomere schrumpfen, alt zu werden beginnen.
Deshalb könnte auch die Idee, dem Altern durch die Gabe von Telomerase zur Auffrischung der Telomere entgegenzuwirken, kontraproduktiv sein. Denn auch ein Zuviel an Telomerase kann Krebs auslösen: Eben weil sich Zellen weiter teilen können, die besser abgestorben wären.