27.08.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Auch die nächsten lebenden Verwandten des Menschen, die Schimpansen, haben das Gen.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Affen haben ein Gen, das dem Menschen fehlt. Sein Verschwinden aus dem Human-Genom könnte mit der Evolution des menschlichen Gehirns zusammen hängen.
Die meisten Säugetiere haben es, auch Affen haben es, Menschen aber nicht: Ein Gen, dessen Protein-Produkt im Körper die Konzentration eines Stoffes namens Neu5Gc reguliert. Die genaue Funktion dieser Verbindung ist nicht bekannt, doch ihr Fehlen könnte eine Rolle bei der Evolution des Gehirns gespielt haben.
Auch Neanderthalern fehlt das GenEin internationales Forscherteam hat jetzt herausgefunden, dass die Veränderung in dem Gen vor knapp drei Millionen Jahren aufgetreten ist. «Diese Mutation fand kurz nach unserem letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Bonobos und den Schimpansen und vor der Entstehung der modernen Menschen statt», schreiben die Forscher in der Online-Ausgabe der «Proceedings of the National Academy of Sciences». Die Veränderung erfolgte demnach zu einer Zeit, als unsere Vorfahren schon den aufrechten Gang entwickelt hatten, ihr Gehirn aber noch so groß wie das der Schimpansen war.
Diese Einschätzung resultiert aus molekularbiologische Untersuchungen und Studien fossiler Knochen von Neandertalern. Auch diesen Vertretern von Homo neanderthalensis, die vor etwa 500.000 Jahren lebten, fehlt das Neu5Gc-Gen. An den Untersuchungen war unter anderem Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig beteiligt, der vor einigen Jahren als Erster die DNA von Neandertalern analysierte.
Wenig Sialinsäure im SchimpansengehirnNeu5Gc ist eine sogenannte
Sialinsäure, eine Art Zucker, die sich bei den meisten Säugetierarten nicht aber beim Menschen auf der Oberfläche der Zellen befindet. Die Wissenschaftler nehmen an, dass das Fehlen dieser Verbindung eine Rolle bei der Infektion durch Viren oder Bakterien sowie bei der Interaktion von Krebszellen spielt.
Eine Besonderheit bei den Schimpansen lässt die Wissenschaftler darüber hinaus vermuten, dass das Fehlen der Sialinsäure auch für die Evolution des Gehirns von Bedeutung war: Zwar befindet sich Neu5Gc beim Schimpansen auf den Zellen der meisten Organe, im Schimpansen-Gehirn ist die Menge der Sialinsäure jedoch stark reduziert.
Kleiner Unterschied, große Wirkung«Wir haben anscheinend einen der genetischen Unterschiede zwischen Mensch und Schimpanse gefunden, die einen bedeutenden Effekt haben», sagte der Leiter der Untersuchung, Ajit Varki von der
University of California in San Diego, gegenüber dem Online-Dienst der CNN.
Die Wege von Mensch und Schimpanse haben sich vor sechs bis sieben Millionen Jahren getrennt. Doch stimmen sie in mehr als 98 Prozent ihres Erbguts überein. Offensichtlich sind nur wenige Gene für den großen Unterschied für Sprache, Kultur und Bewusstsein des Menschen verantwortlich.
Vor wenigen Wochen hatte ein Team um Svante Pääbo schon ein ähnlich bedeutendes Gen näher charakterisiert. Die Wissenschaftler hatten zeigen können, dass ein Gen, das vermutlich für die Entwicklung der menschlichen Sprachfähigkeit verantwortlich ist, sich nur geringfügig von seinem Pendant beim Schimpansen unterscheidet.