23.07.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Leseschwäche mangels Rhythmusgefühl
Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, die so genannte Dyslexie, könnten auf einem Mangel an Rhythmusgefühl beruhen, berichten britische Forscher.
Die Dyslexie ist eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die im Durchschnitt eines von zwanzig Kindern betrifft. Die Störung tritt unabhängig von der Intelligenz der Kinder auf, über ihre Ursachen ist bislang wenig bekannt. Zwei britische Forscher haben jetzt die These belegt, dass die Dyslexie mit Problemen bei der Verarbeitung von Gehörtem zusammenhängt.
Pu auf der RutscheDie Mediziner vom
University College in London untersuchten eine Gruppe von 100 Kindern. Bei 24 der Kinder war zuvor eine Dyslexie festgestellt worden. Die Forscher spielten den jungen Probanden zwei verschiedene Aufnahmen vor, eine davon mit Rhythmus, die andere ohne. Die Kinder sollten sich zur Aufnahme ohne erkennbaren Rhythmus die Kinderbuchfigur Pu den Bären vorstellen, der eine Rutsche hinunterrutscht. Bei der Aufnahme mit Rhythmus sollten die Kinder dagegen an Pus Freunde, den Tiger «Tieger» und den Esel «I-Ah» denken, die gemeinsam schaukeln.
Anschließend wurden den Kindern weitere Aufnahmen vorgespielt, die mehr oder weniger deutliche rhythmische Elemente enthielten. Die Kinder sollten dabei entscheiden, ob sie Tieger und I-Ah hörten oder Pu auf der Rutsche.
«Fit» oder «Fett»Die Untersuchung habe klar gezeigt, dass die dyslektischen Kinder Probleme mit der Erkennung der rhythmischen Muster haben, berichten die Mediziner in der aktuellen Ausgabe der «Proceedings of the National Academy of Sciences». Die Kinder, die besonders gute Leser waren, schnitten dagegen auch beim «Tieger-Pu-Test» besonders gut ab.
In früheren Untersuchen ist bereits gezeigt worden, dass dyslektische Kinder auch Schwierigkeiten haben, festzustellen, welche Wörter sich reimen und welche nicht. Dazu müssen die Kinder innerhalb der Worte das Einsetzen von Vokallauten erkennen, um so etwa zwischen «fit» und «fett» unterscheiden zu können. Beim Sprechen wird das Einsetzen eines Vokallautes durch den Sprachrhythmus signalisiert, doch eben diesen könnten dyslektische Kinder nicht richtig erkennen.
Je besser die Kinder rhythmische Muster erkennen könnten, um so besser sei auch ihre Fähigkeit zum Lesen und schreiben, sagen die Forscher. Der Test mit Tieger, I-Ah und Pu soll nun mit Kindern zehn weiterer Muttersprachen durchgeführt werden. Mithilfe der Ergebnisse könnte die Diagnose von Dyslexie zukünftig bedeutend vereinfacht werden, so die Forscher.