Erstes «Sprach-Gen» entdeckt
04.10.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Das komplexe Phänomen «menschliche Sprache» hat jenen, die nach seinen genetischen Grundlagen suchen, bisher wenig über sich verraten. Das ändert sich mit einer neuen wissenschaftlichen Veröffentlichung.
Sprache gehört zu den komplexesten Verhaltensäußerungen überhaupt. Sie ist eine der wenigen Eigenschaften, in denen sich Menschen deutlich von Tieren unterscheiden. Aus Zwillingsstudien weiß man schon seit langem, dass Sprache wichtige genetische Komponenten hat. Neurobiologen sind sich sicher, dass eine Vielzahl von Genen bei der Entwicklung der Sprachfähigkeit eine Rolle spielt. Das macht die Suche nach einzelnen Komponenten dieses Systems nicht gerade leicht. Jetzt haben es Wissenschaftler aus Großbritannien erstmals geschafft, eines der beteiligten Gene zu finden.
Jagt auf FOXP2Ein Team um Anthony Monaco vom
Wellcome Trust Center für Humangenetik an der Uni Oxford hat diesen ersten genetischen Sprach-Baustein identifiziert. Es untersuchte eine Familie, in der ein bestimmtes Problem beim Gebrauch von Lippen, Zunge und dem Sprechen und Verstehen von Wörtern und Satzstruktur weiter vererbt wurde. Drei Generationen dieser Familie wurden unter die genetische Lupe genommen.
Bei den kranken Familiemitgliedern fand sich durchweg eine Mutation des Genes FOXP2. Durch diese «Punktmutation», die kleinste mögliche Art einer genetischen Veränderung, wird in dem FOXP2-Protein nur ein einziger Aminosäure-Baustein ausgetauscht. Das reicht offenbar aus, um die Sprachkrankheit auszulösen. Das FOXP2-Protein ist ein sogenannter Transkriptions-Faktor. Die Mitglieder dieser Gruppe von Molekülen beeinflussen die Transkription, also das Ablesen anderer Gene. Sie entscheiden letztendlich darüber, ob, wann und wie stark dieses Gen in ein Protein übersetzt wird. FOXP2 hat also offenbar Einfluss auf das Ablesen anderer Gene, die für die Sprachentwicklung wichtig sind.
Unterschied zwischen Menschen und MenschenaffenDie Entdeckung untermauern die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift «Nature» noch mit Daten eines anderen Menschen mit dem selben Sprachproblem. Dieser gehörte nicht mit der untersuchten Familie. Doch auch hier fanden die Oxforder Forscher eine, an einer anderen Stelle des Gens lokalisierte, Mutation in FOXP2.
Es ist bereits bekannt, dass das identifizierte Gen im menschlichen Gehirn aktiv ist. Ein vergleich der Gen-Aktivität zwischen Menschen und nahe verwandten Menschenaffen könnte helfen zu erklären, warum Menschen sprechen können, Schimpansen, Bonobos und Gorillas dagegen nicht.