Babys können auch mit den Händen «lallen»
06.09.2001
Herausgeber: netzeitung.de
Darüber, wie Babys Sprache erlernen, wird seit Jahrzehnten debattiert. Ist ein angeborenes Feingefühl für Sprachrhythmus der Schlüssel dafür? Eine neue Studie unterstützt diese Hypothese. Von Maren Wernecke
Wenn ein Baby zu lallen beginnt, ist es gerade dabei, die rhythmischen Muster seiner Sprache zu erkennen und zu erlernen. Doch was passiert, wenn die Eltern nur in Zeichensprache mit dem Kind sprechen? Dann «lallt» das Baby eben mit den Händen. Dies zeigt eine Studie in der jüngsten Ausgabe von «Nature». Offenbar besitzen Babys von Geburt an eine so ausgeprägte Sensibilität für sprachliche Rhythmen, für die es keiner Worte bedarf.
Grundlagen des LallensWelche biologischen Grundlagen das Lallen hat, ist bisher umstritten. Manche Wissenschaftler behaupten, es handle sich hierbei um eine rein motorische Aktivität, die durch das Öffnen und Schließen des Kiefers zustande komme. Andere vertreten die These, Lallen sei eine sprachliche Aktivität: Sie zeige, dass Babys die spezifischen menschlichen Sprachrhythmen erkennen und benutzen könnten. Die neue Studie unterstützt die zweite These und bietet zugleich Anhaltspunkte dafür, wie wichtig rhythmische Muster für den Spracherwerb sind.
Mit den Händen lallenFür die Untersuchung haben die Wissenschaftlerin Laura Ann Petitto (Dartmouth College, USA) und ihre Kollegen die Handbewegungen sechs hörender Babys dreidimensional aufgezeichnet. Die Hälfte der Babys hatten taube Eltern, die mit ihnen nur in Zeichensprache kommunizierten. Die Eltern der anderen Babys konnten normal hören und sprechen. Wie sich herausstellte, machten die Kinder der tauben Eltern nicht nur schnelle Handbewegungen, sondern auch (in einem bestimmten Rhythmus) ungewöhnliche, langsamere und zwar dort vor dem Körper, wo ihre Eltern mit den Händen sprechen. «Sie haben gelallt», sagt Petitto, «aber mit den Händen.»
Kinderlieder und SprachverhaltenSprachwissenschaftler stellen sich nun die Frage, ob der Rhythmus der menschlichen Sprache tatsächlich so aussschlaggebend ist? Wenn ja, könnten beispielsweise Kinderlieder oder das Sprachverhalten der Eltern eine größere Rolle bei der Gehirnentwicklung eines Babys spielen als bisher erwartet. Sie bieten dem Kind ein wichtiges Mittel, um die Grammatik und Struktur seiner Muttersprache zu erlernen.
Dass ein gesundes Baby nur wenige Monate nach der Geburt zu lallen beginnt, ist für Eltern stets ein Grund zur Verzückung für Wissenschaftler ist es eine Herausforderung.