Ohnesorg: Für Kultur muss nicht immer der Staat zahlen
Auch 2005 werden wieder internationale Klavier-Größen wie Martha Argerich, Maurizio Pollini, Alfred Brendel, Pierre-Laurent Aimard und die Labèque-Schwestern dabei sein.
Netzeitung: Wie hat sich das Klavier-Festival Ruhr in den vergangenen Jahren entwickelt?
Franz Xaver Ohnesorg: Gott sei Dank ging die Entwicklung immer weiter nach oben. Wir haben unser Publikum verdoppelt und das Sponsorenaufkommen verfünffacht. Das hängt damit zusammen, dass das Festival im Laufe der Jahre immer attraktiver wurde.
Netzeitung: Wie haben Sie das erreicht?
Franz Xaver Ohnesorg: Durch eine ganz konsequente Programmpolitik, die darauf setzt, dass die Koriphäen der Klavierwelt regelmäßig ins Ruhrgebiet kommen. Außerdem geben ein Viertel bis ein Drittel der rund 70 Pianisten, die ich ich jedes Jahr einladen kann, bei uns ihr Debüt. Damit betreiben wir eine systematische Nachwuchspflege.
Netzeitung: War das bereits von Anfang so?
Franz Xaver Ohnesorg: Das Festival startete vor 17 Jahren in Bochum. Dank des Engagements unseres Trägers, dem Initiativkreis Ruhrgebiet, sind viele Orte dazugekommen. In dem Initiativkreis hatten sich einst auf Bitten von Alfred Herrhausen und Rudolf von Benningsen-Foerder große Industrieunternehmen zusammengeschlossen, um den strukturellen Wandel in der Region zu begleiten.
Netzeitung: Hat der Initiativkreis ein musikalisches Pendant zur Kunstförderung geschaffen?
Franz Xaver Ohnesorg: Mehr als das, denn unser Träger engagiert sich auch stark in der regionalen Bildungsarbeit. Das kulturelle Flaggschiff des Initiativkreises ist aber natürlich das Klavier-Festival Ruhr. In den vergangenen zehn Jahren hatten wir 325.000 Besucher und alles war privat finanziert. Das zeigt, dass man das Publikum, wenn man es fordert, auch gewinnen kann.
Netzeitung: ...mit erstaunlichem Erfolg.
Franz Xaver Ohnesorg: Wir haben immer mehr Besucher aus dem Ausland, vor allem aus Belgien und den Niederlanden. Denn bei unserem Festival treten hochkarätige Pianisten auf wie Daniel Barenboim, Alfred Brendel, Maurizio Pollini, Martha Argerich und jetzt auch Lang Lang. Es gibt kaum eine dichtere Klavierlandschaft. In zehn Jahren habe ich 654 Konzerte gestaltet.
Netzeitung: Wie hoch ist der Anteil junger Besucher?
Franz Xaver Ohnesorg: Wir haben ein erfreulich junges Publikum, um das ich mich in den nächsten Jahren verstärkt kümmern will. Der Anteil ist so hoch, weil bei uns viel zeitgenössische Musik auf dem Programm steht. Unter unseren Besuchern sind auch die Studenten der Essener Folkwang-Schule, die wir auch mit miteinbeziehen. Wir haben eine eigene Plattform für die Musikhochschulen aus NRW, vor allem die aus Essen, Münster und Köln. Bei einer Nacht der Industriekultur bieten wir den jeweils besten Schülern der Meisterklassen ein Forum, auf dem sie sich vorstellen können.
Netzeitung: Vom Staat kommt ja immer weniger Geld...
Franz Xaver Ohnesorg: Kulturfinanzierung muss auch nicht immer nur Aufgabe des Staates sein, wenngleich sich das Land NRW mit der Ruhrtriennale eine sehr ehrgeizige Aufgabe gestellt hat.
Netzeitung: Beeinflussen sich die Ruhrtriennale und Ihr Festival gegenseitig?
Franz Xaver Ohnesorg: Unter Gerard Mortier gab es zeitliche Überschneidungen, die es nun unter dem neuen Intendanten Jürgen Flimm nicht mehr geben wird. Die Triennale schließt künftig genau an das Klavier-Festival an. Ich kann Flimm nur die Daumen drücken, dass er es schafft, mit relativ kurzer Vorlaufzeit ein erfolgreiches Festival auf die Beine zu stellen. Von 2002 bis 2004, zu Mortiers Zeiten, hatte die Triennale nach eigenen Angaben etwa 120.000 Besucher. Und wir haben 117.000 geschafft. Das ärgert ihn wohl ein bisschen, aber das macht nichts.
Netzeitung: Teils haben Sie sogar die gleichen Spielstätten...
Franz Xaver Ohnesorg: Unter Flimm wird sich die gemeinsame Nutzung der Spielstätten noch verbessern, wir können jetzt beispielsweise auch in den Landschaftspark Duisburg-Nord hinein. Das ist ein freundschaftliches Miteinander, ein edler Wettstreit sozusagen. Die Vielfalt der unterschiedlichen Konzertsäle ist eine unserer Stärken. Wir treten ebenso in Wasserschlössern wie in Industrieanlagen auf. Natürlich profitieren wir auch enorm von den großartigen neuen Konzertsälen, vor allem in Essen und Dortmund. Das hat eine Magnetwirkung auf andere Veranstaltungen im wahrsten Sinne des Wortes setzen wir Synergieeffekte frei.
Netzeitung: Was ist Ihre Lieblingsspielstätte?
Franz Xaver Ohnesorg: Mir sind immer die Orte am liebsten, die wir uns neu erobern. In diesem Jahr sind wir zum ersten Mal in der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen. Insgesamt nutzen wir 30 Spielstätten in 16 Orten. Erstmals sind wir auch in Köln, unter anderem in der Philharmonie, in die Daniel Barenboim nach sieben Jahren als Pianist zurückkehrt.
Netzeitung: Wobei die Kölner sicherlich nicht gern dem Ruhrgebiet zugeschlagen werden...
Franz Xaver Ohnesorg: Deshalb trägt das Festival die Unterzeile «Die Pianisten der Welt zu Gast an Rhein und Ruhr» (lacht). Wir haben ein unglaublich mobiles Publikum, das von Stadt zu Stadt reist. Die Region ist verkehrstechnisch sehr gut angebunden. Wenn man bedenkt, dass hier 6,5 Millionen Menschen leben, ist das durchaus mit New Yorker Verhältnissen zu vergleichen.
Netzeitung: In den vergangenen Jahren gab es bei dem Festival drei Länderschwerpunkte USA, Russland, Österreich. Was planen Sie für die Zukunft?
Franz Xaver Ohnesorg: Zu Beginn des dreijährigen Mozartzyklus, der 2006 endet, haben wir uns bewusst auf Österreich konzentriert. Dabei haben wir einige Auftragswerke an junge österreichische Komponisten wie Olga Neuwirth, Beat Furrer und Johannes Maria Staud vergeben. Diese Werke haben wir dann uraufgeführt. Staud ist allerdings erst in diesem Jahr dabei, weil er im letzten Jahr nicht fertig geworden ist (lacht). Dafür haben wir jetzt ein Stück von ihm, das mit einem anderen korrespondiert, das ein paar Wochen vorher Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern aufführen wird.
Netzeitung: In diesem Jahr heißt der Schwerpunkt «Transkriptionen und Paraphrasen».
Franz Xaver Ohnesorg Das ist ein ganz tolles pianistisches Thema, das große Leidenschaften bei den Hörern wie auch bei den Künstlern weckt. Es ist eine große Herausforderung, da viele Werke gespielt werden, die man sonst fast nie hört - wie etwa die «Rigoletto-Paraphrasen» von Franz Liszt.
Netzeitung: Pierre Boulez widmen Sie einen Schwerpunkt zu seinem 80. Geburtstag. Wie bewerten Sie seine Stellung in der zeitgenössischen Musik?
Franz Xaver Ohnesorg: Ich halte Boulez für einen der wichtigsten Schöpfer und Interpreten der klassischen Musik in diesen Jahrzehnten. Er hat unter anderem eminent wichtige Klavierwerke geschrieben, die auch heute noch für eine jüngere Generation eine große Herausforderung sind. Viele Komponisten sind durch Boulez ermuntert worden, sich komplexer Klavierliteratur anzunehmen. Auf diese Weise ist auch sehr viel neue Literatur entstanden. So sind die Uraufführungen etwa von Marco Stroppa und York Höller in diesem Jahr eine unmittelbare Folge der Pionierarbeit, die Pierre Boulez geleistet hat. Wir tragen auch das in die nächste Generation hinein.
Mit Franz Xaver Ohnesorg sprach Corina Kolbe

