netzeitung.de«Komplexe Gefühle» und kein Schlussstrich

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Schreckliche Angstanfälle in den Archiven (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Schreckliche Angstanfälle in den Archiven
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Saul Friedländer erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Auszeichnung ehrt seine Arbeit über den Holocaust. Er habe «den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet», so die Jury.

Als Saul Friedländer in den sechziger Jahren als junger Wissenschaftler nach Deutschland kam, um in Archiven zu arbeiten, plagten ihn oft «schreckliche Angstanfälle». Das Deutschland von heute sei ein liberales und demokratisches Land, das ihm keine Probleme mehr bereite, sagt der 75-jährige israelische Historiker, der heute in den USA lebt. Friedländer, einer der international bedeutendsten Holocaustforscher, nimmt am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.

Lebensgeschichte und wissenschaftliches Werk Friedländers sind nicht voneinander zu trennen. Er verlor seine Eltern in Auschwitz und überlebte den Krieg unter falschem Namen in einem katholischen Internat in Frankreich. Das ist einer der Gründe, warum er den Stimmen der Opfer in seiner monumentalen, zweibändigen Geschichte des Holocaust, «Das Dritte Reich und die Juden», besonderes Gewicht einräumt. Er zitiert aus Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen, um die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden von 1933 bis 1945 darzustellen.

«Man sieht darin Details, die nur die Opfer beschreiben konnten. Das sind unglaublich prägnante Dokumente», sagt Friedländer. In seiner Darstellung des Holocaust unterscheidet er sich von anderen Historikern, die die politischen Maßnahmen der NS-Täter, die deutsche Verfolgungs- und Todesmaschinerie in den Vordergrund rücken. «Saul Friedländer hat den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt», heißt es in der Begründung der Friedenspreis-Jury.

Einziges Kind gerettet
Der einer deutschsprachigen jüdischen Familie entstammende Friedländer wurde am 11. Oktober 1932 in Prag geboren. «Wir waren typische Vertreter des assimilierten jüdischen Bürgertums Mitteleuropas», schreibt der Historiker in seinem Buch «Wenn die Erinnerung kommt». Seine Eltern Jan und Elli Friedländer flüchteten nach dem Einmarsch deutscher Truppen im März 1939 mit ihrem sechsjährigen Sohn aus Prag nach Frankreich. 1942 wurden sie nach einem gescheiterten Fluchtversuch in die Schweiz aus Vichy-Frankreich deportiert - vermutlich ins Konzentrationslager Auschwitz.

Zuvor war es dem Ehepaar gelungen, den Sohn in einem katholischen Internat unterzubringen. Um ihr einziges Kind zu retten, stimmten die Eltern der Erziehung ihres Sohnes im katholischen Glauben und seiner Taufe zu. Nach dem Krieg erzählt ein Jesuitenpater dem zum Vollwaisen gewordenen Jugendlichen zum ersten Mal von Auschwitz, von den Gaskammern und Verbrennungsöfen, von Millionen ermordeter Juden.

Von Pavel zu Shaul zu Saul
Unter dem Eindruck des Holocaust wandte sich Friedländer dem Judentum zu. 1948 verließ der 15-Jährige Frankreich und wanderte in den neu gegründeten Staat Israel aus. «Ich war ein überzeugter Zionist in dieser Zeit», erinnert sich Friedländer. Der Jugendliche lernt Hebräisch und ändert seinen Vornamen Pavel in Shaul, später in Saul. Nach dem Studium der Politikwissenschaft in Tel Aviv und Paris beginnt er seine akademische Laufbahn in Genf, wo er 1967 Professor wird. Später übernimmt er Professuren in Tel Aviv und Los Angeles.

Der Mann mit dem dichten weißen Haar und dem gütigen Gesicht, der fließend Deutsch spricht, verfolgt die Debatten in Deutschland über die NS-Vergangenheit von seinem Wohnsitz Los Angeles aus aufmerksam. Ein Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist nach Überzeugung Friedländers nicht möglich, auch wenn es alle 20, 30 Jahre «wellenartige Versuche» gebe, die Diskussion zu beenden.

Den Friedenspreis nimmt Friedländer mit «sehr komplexen Gefühlen» entgegen: Auf der einen Seite sei der Preis eine «große Ehre» für ihn, sagte er bei einem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse am Freitag. Auf der anderen Seite steht das große Thema, das ihn seit fast fünf Jahrzehnten wissenschaftlich beschäftigt und das ihm die Auszeichnung eintrug: «Das Thema hat mit der Vernichtung meiner ganzen Familie zu tun.» (Jürgen Prause, epd)