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Porcel: «Absurd? Haarsträubend? Realität!»

12. Okt 2007 11:52
Balthasar Porcel
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Wenn er gefragt wird, wo er wohne, sagt der katalanische Schriftsteller Porcel: «In meiner Sprache!» Netzeitung.de erzählt er von Verwurzlung, Weltoffenheit und den Deutschen auf Mallorca.

Der Schriftsteller Baltasar Porcel beschwört in seiner Literatur die uralte, mythische Welt seiner Heimat, des mallorquinischen Andratx und dessen reicher Sprache herauf, die, wie er sagt, das Haus des Seins sei. Dieses Jahr ist sein Roman «Verstorbene unter blühenden Mandelbäumen» (Valentia Verlag) übersetzt worden, nachdem bereits vor einigen Jahren «Galopp in die Finsternis» (Elfenbein Verlag) in deutscher Sprache erschien.

Der 70 Jahre alte Porcel wird in Frankfurt die Abschlussrede des Ehrengastauftritts der katalanischen Kultur halten und den Staffelstab an die Türkei übergeben.

Netzeitung.de: Wie werden Sie an die Rede herangehen? Was möchten Sie mitteilen?

Baltasar Porcel: Ich glaube, ich werde über die literarische Schöpfung sprechen. Die Schöpfung, das sind der Schriftsteller und die Literatur. Unter dem Gesichtspunkt des Bücherverkaufs interessiert mich die Messe kaum. Mich interessiert die Literatur: die deutsche, die katalanische, die spanische, die universelle, die von gestern und die von heute. Wegen ihrer schöpferischen Kraft. Und ich bin sehr an den intelligenten und den lustvollen Lesern interessiert. Den Lesern, wie ich mein ganzes Leben lang einer gewesen bin, den zügellosen Lesern. Mich interessieren die Kritik, die Universität. Ja, ich glaube, ich werde über die Schöpfung sprechen. Was bei meinen Büchern wichtig ist, ist das schöpferische Vermögen, und das ist bei anderen Büchern nicht anders.

Netzeitung.de: Als Sie mit dem Ehrenpreis der katalanischen Geisteswissenschaften ausgezeichnet wurden, sagten Sie: «Ich bin mein Werk.»

Porcel: Mein Werk ist die Folge meines Lebens. Und das haben die Deutschen am besten erklärt. Herder war Schüler von Kant, und in einem bestimmten Moment sagte er, es sei nicht so sehr die Intelligenz, die transzendent sei, als vielmehr die Existenz einer Seele des Volkes. Die Sensibilität, die Intuition, die Umgebung, die Klänge der Natur. Und dies manifestiert sich in der Literatur. Und ein anderer Deutscher, Heidegger, sagte, die Sprache sei das Haus des Seins und in ihrer Behausung wohne der Mensch. Nun gut, ich bin diese mit dem Kosmos, mit der Welt verbundene Person durch die Welt, die ich erlebt habe, in diesem Fall vor allem den Mittelmeerraum, in dem es die Sonne, das Wasser, die Tiere, die historischen Gene gibt. Entbunden durch die Erfahrung, die Intelligenz, die Kultur und die Kenntnis der weiten Welt. Das ist die Schöpfung. Auf diese Weise erschafft man die Welt neu und findet neue Dimensionen und neue Gefühle. Mittels einer Sprache, eines Instruments, in dem man wohnt, in dem man ist. Man fragt mich: Wo wohnen Sie? In Barcelona. Was heißt in Barcelona? Ich wohne in meiner Sprache! Ich könnte in Frankfurt wohnen und würde doch derselbe Schriftsteller bleiben.

Netzeitung.de: Sie könnten in Frankfurt oder an vielen anderen Orten wohnen, geprägt worden sind Sie jedoch vom Umstand in Andratx auf Mallorca geboren und aufgewachsen zu sein.

Porcel: Alles, was man ist, wird man, wie bereits gesagt, durch seine Umgebung. Wenn man klein ist, formt man sich, ganz natürlich, an einem Ort: historische Gene, persönliche Gene, familiäre Gene. Man bedient sich gewissermaßen dieser Lebenskraft. Und das hat nichts mit Lokalismus zu tun. Denn es ist der Ort, der, wenn wir es so nennen wollen, die Verbundenheit mit der Welt, mit dem Universum, mit dem Kosmos repräsentiert. Und die Verbindungsleitung zwischen dieser instinktiven Welt und der Kommunikation ist die Sprache.

Netzeitung.de: Lassen Sie uns von Ihrer Kindheit sprechen und davon, wie Sie Ihren Kosmos und Ihre Sprache, das Haus Ihres Seins, gestaltet haben.

Porcel: Ich lebte auf der Mittelmeerinsel Mallorca. Ich lebte in einem vom Rest der Insel isolierten Dorf, zwischen dem Meer und dem Gebirge, einem armen, nicht kulturisierten Dorf, das im Laufe der Geschichte zahlreiche Piratenangriffe hatte abwehren müssen. Es war eine sehr intensive Welt, in der alte Sprachelemente und eigene dialektale Verzerrungen erhalten geblieben waren. Ich lebte innerhalb dieser Welt, in Häusern, auf dem Land, in einer Familie, und wir alle konnten uns dort frei bewegen. Das hat mich stark geprägt. Und ich las.

Es ist klar, die Lektüre öffnete mir die Welt. Ich lebte in einer armen, verschlossenen, aber sehr intensiven Welt. Und als ich mich aus den Fenstern der Lektüre lehnte, blieb ich derselbe, aber nun in der großen, weiten Welt. Sofort fand ich mich in der russischen Romandichtung des 19. Jahrhunderts wieder, in der amerikanischen Romandichtung des 20. Jahrhunderts, in der italienischen, der deutschen, der französischen Romandichtung, in den griechischen Klassikern und später in der chinesischen Poesie. Gerade, weil ich eine so fest verwurzelte Person bin, bin ich auch eine weltoffene Person.

Netzeitung.de: Aber als Kind und als Jugendlicher formten Sie sich in einer schwierigen und komplizierten Zeit, vor allem was die Sprache, das Haus des Seins, angeht. Denn während des Franquismus hatten Sie zwar eine uralte familiäre Sprache, aber auch eine andere, aufgezwungene.

Porcel: Was soll ich dazu sagen? Zu sagen, es habe keine Bedeutung, würde nicht der Wahrheit entsprechen. Der Franquismus war eine riesige Eselei, eine kriminelle Eselei. Aber ich bin wichtiger als Franco, ich bin wichtiger als der Franquismus. Das ist bewiesen und steht unwiderlegbar fest. Also ja, es gab dieses Problem. Aber die Sprache, die wir sprachen, in der wir dachten, war ein katalanischer Dialekt. Spanisch wurde in der Schule unterrichtet, aber selbst die Lehrer sprachen Mallorquinisch. Und das Spanische war eine Sprache kultureller Kommunikation. Das Spanische war eine Auflage, aber es wäre ja wohl noch schöner, wenn man geärgert wird und sich darüber hinaus durch den, der einen ärgert, besiegt erklärt. Nein.

Ich sprach weiter Mallorquinisch, ich schrieb in Katalanisch, und das Spanische diente mir als Kommunikationsmittel und hat mir schließlich dazu gedient, mir als Journalist den Lebensunterhalt zu verdienen. Letzendlich hat mir persönlich das Spanische nicht geschadet. Franco hat mir natürlich geschadet. Aber die dem Spanischen eigene Kraft wirkt auch ohne Franco. Gegenwärtig kann man in Barcelona perfekt leben, ohne Katalanisch zu sprechen oder zu verstehen, aber nicht, ohne Spanisch zu sprechen und zu verstehen. So ist das. Das ist absurd? Das ist haarsträubend? Es ist die Realität.

Netzeitung.de: Macht Ihnen das Sorgen?

Porcel: Ja, sicher ist das besorgniserregend. Eine zu überwindende, keine lähmende Besorgnis. Aber besorgniserregend ist es. Und es geschieht, weil das Spanische eine mächtige und das Katalanische eine kleinere Sprache ist. Das Gleiche passiert den Schweden, den Niederländern. Die kleinen Sprachen haben solche Probleme. Und was soll man machen? Man muss kämpfen, um diese Probleme zu lösen. Ich will aber sagen, dass die Schuld nicht an sich beim Spanischen liegt. Das Spanische ist eine starke Sprache. Es ist ein komplexes Thema.

Netzeitung.de: Glauben Sie, dass Europa auf dem Weg zu einer kulturellen Pluralität jenseits der Staaten ist?

Porcel: Ich glaube nicht. Ich halte das für den Trost der Kleinen, den Trost der Schwachen. Die großen politischen und kulturellen Einheiten werden nicht zerbrechen, sondern weiter bestehen. Einige werden mehr an Kraft gewinnen, andere weniger, aber sie werden bestehen bleiben. Deshalb müssen sich die Kleinen anstrengen, um in der Mitte der Großen ebenfalls zu wachsen. Schauen Sie: Die politische Unabhängigkeit der Kleinen, von der so viel geredet wird, bedeutet keine größere kulturelle Kraft. Denn die kulturelle Kraft der Großen existiert weiter. Hier ist somit große Tatkraft gefragt.

In der Welt des Katalanismus dachte man, nach Francos Tod, wenn wir erstmal in Europa wären, hätten wir bereits gewonnen. Aber dem ist nicht so gewesen. Man muss in der Freiheit kämpfen, und das Kämpfen in der Freiheit ist sehr, sehr hart. Man muss aber in den Wettbewerb treten und muss darüber hinaus gewinnen. Und um zu gewinnen, muss man intelligent sein, man darf weder einfältig noch leichtgläubig sein. Frankreich, Deutschland, England werden nicht zerbrechen. Warum sollten sie auch? Wer sollte sie zerbrechen?

Netzeitung.de: Glauben Sie an eine mediterrane Kultur?

Porcel: Natürlich. Man darf Einheit nicht mit Einheitlichkeit verwechseln. Der Mittelmeerraum ist ein klares europäisches Beispiel dafür, dass Einheit nicht gleich Einheitlichkeit ist. Im Mittelmeerraum gibt es eine Kultur, die sich aus einer Reihe von Kulturen, einer Reihe von Sprachen, von Landschaften, von Ethnien usw. zusammensetzt, und eine Zivilisation, die aus all dem entstanden ist. Zum Beispiel: Was will alle Welt heute? Den Wohlfahrtsstaat, die Menschenrechte, die politische Demokratie. All dies ist eine mediterrane Erfindung, eine griechische Erfindung. Im politischen Sinne wurde es von Perikles erfunden und im konzeptuellen, philosophischen Sinn von Protagoras, als er sagte, der Mensch sei das Maß aller Dinge.

Nun, das ist die mediterrane Kultur. Das heißt, die sinnliche Kultur, die Kultur des Lichts. Man braucht sich nur die mediterrane Malerei anzuschauen: Van Goghs Malerei war dunkel und düster, bevor er in den Mittelmeerraum, in die Provence kam und sie sich in ein Fest des Lichts und der Farbe verwandelte. Gleiches geschah bei Paul Klee, als er nach Tunesien, und bei Matisse, als er nach Marokko ging.

Netzeitung.de: Es scheint, als habe es früher mehr Bindungen und ein größeres Bewusstsein für die Zugehörigkeit zu einer mediterranen Kultur gegeben.

Porcel: Weil die Leute nur an politische Bindungen denken. Ich habe an der Politik, wenn sie funktioniert, absolut nichts auszusetzen. Es ist wie mit der Postzustellung: Die Postzustellung muss funktionieren. Die Politik allerdings für die Basis der Zivilisation zu halten, nein! Die Politik ist im besten Fall eine gute Verwaltung und im schlechtesten Fall interessiertes Geschwätz. In Katalonien gründete ich zusammen mit Präsident Pujol das Institut für mediterrane Studien, und wir betrieben mediterrane Politik. Dies wurde jedoch vernachlässigt und ging verloren. Und Spanien hat sich nie auf eine mediterrane Politik eingelassen. Die mediterrane Realität jedoch existiert weiter.

Cervantes ist ein mediterraner Schriftsteller. Wenn man eines seiner Bücher liest, den Don Quijote, dann steckt es voller Mediterranität. Lorca ist ein mediterraner Dichter. Aber wenn die Politik nicht funktioniert, was soll man da machen? Das Beste, was die Politik zu bieten hat, sind die Wahlen, denn da kann man die Politiker austauschen. Wie bei einer Ehescheidung.

Netzeitung.de: Wie schätzen Sie die aktuelle katalanische Literatur ein? Und die deutsche?

Porcel: Schauen Sie, ich kenne keine der beiden besonders gut. Wenn Sie mich trotzdem um meine Meinung fragen, würde ich Ihnen sagen, dass ich von beiden einen guten Eindruck habe. Es gibt interessante Autoren, es gibt ein lebendiges Kulturleben, es werden ehrgeizige Werke angeboten ... Mein Eindruck von beiden Literaturen ist gut.

Netzeitung.de: Einige Ihrer Werke sind ins Deutsche übersetzt worden. Gerade ist Verstorbene unter blühenden Mandelbäumen erschienen, und bereits vor einigen Jahren wurde Galopp in die Finsternis übersetzt.

Porcel: Es sind zwei Bücher, in denen ich meine mallorquinische Ursprungswelt mythologisiere. Bei Galopp in die Finsternis handelt es sich um eine weltliche, tragische Mythologisierung. Verstorbene unter blühenden Mandelbäumen ist ein poetisches Buch, in dem ich die Landschaft, das Tal, in dem mein Dorf liegt, nehme und die Toten in dieser Landschaft umherwandeln lasse, sie evoziere. Ich mag die russische Literatur des 19. Jahrhunderts sehr gerne. Also wenn dieses Buch so gut sein sollte wie Gogols Die toten Seelen, dann wäre ich äußerst zufrieden. Ein wundervolles Buch.

Und jetzt erwähne ich Gogol, um zu erläutern, was für mich Literatur ist. Wie viele Exemplare von Die toten Seelen wird man bei der Frankfurter Buchmesse verkaufen? Das würde ich gerne wissen. Für mich ist es das bedeutendste Buch, das je veröffentlicht worden ist. Das ist für mich Literatur. Die Literatur ist ein seltsam lebendiges und mächtiges und bezauberndes Phänomen.

Netzeitung.de: Wie, glauben Sie, werden die beiden Romane beim deutschen Publikum ankommen?

Porcel: Ich weiß es nicht genau. Früher wusste ich so etwas, denn in den 1950ern hatte ich gute deutsche Leser. Es gab einige Deutsche, vor allem aus dem Süden, die in mein Dorf kamen; wir waren gute Freunde, und sie waren gute Leser. Ich habe aber mit Deutschland wenig zu tun gehabt. Wenn Sie Frankreich, Italien, die Vereinigten Staaten sagen würden, da weiß ich mehr darüber, wie meine Bücher gesehen werden, dort habe ich Preise erhalten, es wurde viel über mich geschrieben. In Deutschland weiß ich es nicht. Ich hoffe, sie werden meine Bücher lesen, als läsen sie Gogol.

Netzeitung.de: Könnte die Tatsache, dass Mallorca für die Deutschen so attraktiv ist, kurz- oder langfristig einen Vorteil für die balearischen Autoren bedeuten?

Porcel: Ich nehme an, wenn sie auf Deutsch schreiben, ja. Wenn Mallorca ein weiteres deutsches Bundesland wird, dann ja. Andernfalls aber nicht. Die Deutschen haben sich nie dafür interessiert, etwas von Mallorca zu lernen. Die Deutschen sind da, kaufen sich ein Haus oder machen Urlaub. Sie bleiben zu Hause und kümmern sich nicht um die Einheimischen.

Netzeitung.de: Kritisieren Sie diesen Umstand?

Porcel: Kritisieren? Nein. Wir sind es gewesen, die die Hotels gebaut und die Grundstücke verkauft haben. Nein, es ist einfach eine Tatsache. Wenn Mallorca allerdings das Glück hätte, ein deutsches Bundesland zu sein, könnte es gut laufen. Momentan verkaufen wir ihnen alles, aber ohne irgendeinen Vorteil. Ich möchte mich an dieser Stelle dafür aussprechen, ein Referendum zu dieser Frage zu veranstalten. Ich finde, im Moment wäre alles einfacher, wenn wir Deutsche werden würden. Viele Dinge wären bereits erledigt, wir hätten viele Vorteile. In Deutschland geht es den Leuten besser als hier. Hier haben wir Sonne, haben das Meer, Gärten mit hervorragenden Produkten. Das ist ein Vorteil, und wenn wir darüber hinaus einem Staat angehörten, der sehr gut funktioniert …, was will man mehr?

Netzeitung.de: Das vergangene Jahr ist sehr intensiv und wichtig gewesen. Ihnen sind viele Dinge passiert.

Porcel: Und sie passieren mir weiter. Jetzt wird an der Universität Mallorca eine drei- oder viertägige Tagung zu meinem Werk stattfinden. Ich bin mit der Goldmedaille der Insel Mallorca ausgezeichnet worden. Es sind Bücher veröffentlicht worden. In Barcelona habe ich den Ehrenpreis der katalanischen Geisteswissenschaften erhalten, man hat Bücher über mich geschrieben, und ich habe einen verteufelten Krebs gehabt, den ich unbeschadet überstanden habe. Jetzt müsste ich nur noch Deutscher sein.

Netzeitung.de: Wie erleben Sie all das?

Porcel: Sehr intensiv natürlich. Einen Krebs zu überwinden, ist ziemlich wichtig, denn er ist eine verheerende Angelegenheit. Aber es gibt hier gute Ärzte, und die Wissenschaft ist ein großartiger Fortschritt. Die Wissenschaft und die Ärzte, das ist das Vaterland, nicht eine Flagge.

Netzeitung.de: Und die Literatur?

Porcel: Die Literatur ist der Himmel. In dieser Zeit habe ich einen Roman geschrieben. Ich bin den ganzen Sommer über hier gewesen, habe anderthalb Monate lang täglich zwölf bis vierzehn Stunden gearbeitet. Ich hatte viel Material. Jetzt muss ich ihn noch beenden; im Moment habe ich keine Zeit, aber gegen Ende dieses oder Anfang des kommenden Jahres werde ich ihn abschließen. Ein Roman mit etwa vierhundert Seiten, von denen ich dreihundertdreißig fertig habe. Und das macht mich sehr zufrieden.

Netzeitung.de: Können Sie uns erzählen, wovon dieser neue Roman handelt?

Porcel: Es ist ein Roman über eine große, moderne Stadt, mit zwei Haupthandlungssträngen und einer Reihe von Nebenhandlungen. Er spielt im heutigen Barcelona, aber Barcelona ist zugleich ein Gleichnis für die moderne Großstadt. Es ist kein lokalistischer Roman, sondern ein Roman über das menschliche Wesen, über die Leidenschaften einiger Figuren. Das Werk wächst von innen heraus. Deshalb habe ich mich anderthalb Monate zurückgezogen, intensiv gearbeitet und fertig; es ist herrlich gewesen. Das Buch hat mich und mein Haus in Besitz genommen und ist gewachsen. Ich bin sehr zufrieden.

Netzeitung.de: Die zeitgenössische Großstadt als Schauplatz des Romans, um was zu erklären?

Porcel: Um das Leben zu erklären, zu erklären, was die Welt ist, was das menschliche Wesen unter diesen Umständen ist, den Menschen, seine Ambivalenzen, seine Widersprüche. Das aktuelle Leben birgt große Herausforderungen. Die Hauptfiguren sind Menschen unserer Zeit, darauf konzentriert, sich selbst zu verwirklichen.

Netzeitung.de: Hat die Überwindung des Krebses sich auf Ihre Literatur ausgewirkt?

Porcel: Mir selbst hat sie paradoxerweise mehr Lebenskraft gegeben. Wenn ich Schäden davongetragen hätte, hätte ich sehr gelitten ... Aber der Krebs hat mir klar gemacht, was ich bin. Vorher lebte ich vertieft in ein Milieu, und der Krebs hat mir vor Augen geführt, dass all das bedeutungslos ist; dass das, was wirklich wichtig ist, ich selbst bin, mein Vermögen, mein Werk, ich selbst. Und dass ich in der Lage sein muss, nicht in die Finsternis, sondern in die Helle des Tages zu galoppieren. Solange das Problem besteht, gibt es Momente der Traurigkeit, weil man sterben und alles verschwinden könnte. Aber das einzige, was man mit einem Krebs machen kann, ist, ihn zu besiegen oder sich besiegen zu lassen. Und dabei ist man ganz auf sich allein gestellt.

Ich habe meine Lehre daraus gezogen. Man muss sein eigenes Schicksal gestalten. Die meisten Leute jedoch leben mit einem Schicksal, das man ihnen vorsetzt. Die Leute ordnen sich dem Milieu unter. Früher habe ich den allgemeinen Schemata viel Bedeutung beigemessen, heute nicht mehr. Jetzt finde ich das Wesen, die Person, die Impulse wichtiger.

Netzeitung.de: Hat Ihr neues Buch bereits einen Titel?

Porcel: Nein. Aber es wird ein Titel sein, mit dem ich versuchen werde, die gute und schlechte Komplexität zu erfassen, die Komplexität als aktives Antriebselement, dem man die Moral und die Ideologien unterordnet.

Mit Baltasar Porcel sprach Montse Serra

 
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