13.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
So viel Stoff: Bücherregal auf der Frankfurter Buchmesse
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Zur Frankfurter Buchmesse stellt Maik Söhler fünf Sachbücher kurz vor: Neues von Gay Talese, Roberto Saviano, der Uno und Klimaforschern, Vanessa Winship und Martin Amis. Gay Talese: Du sollst begehren Sex. Sex. Sex. Fast 700 Seiten Sex. Gay Talese, US-Journalist und begnadeter Sachbuchautor, gibt es uns. Heute. Gestern. Morgen. Von vorne. Von hinten. Allein. Zu zweit. Mit vielen. Alles kann, nichts muss. Ein Sex-Report wie eine Orgie, manisch recherchiert, intelligent angeordnet, gut aufgeschrieben. Und: Ein Buch über Sex, das sexy ist und nicht sexistisch. Ein Bericht über Pornografie, der selbst nie pornografisch wird. Denn Talese erzählt die Geschichte eines Landes im Umgang mit allem, was untenrum ist - die Geschichte des Sex in den USA.
Gay Talese: Du sollst begehrenSex. Sex. Sex. Fast 700 Seiten Sex. Gay Talese, US-Journalist und begnadeter Sachbuchautor, gibt es uns. Heute. Gestern. Morgen. Von vorne. Von hinten. Allein. Zu zweit. Mit vielen. Alles kann, nichts muss. Ein Sex-Report wie eine Orgie, manisch recherchiert, intelligent angeordnet, gut aufgeschrieben.
Und: Ein Buch über Sex, das sexy ist und nicht sexistisch. Ein Bericht über Pornografie, der selbst nie pornografisch wird. Denn Talese erzählt die Geschichte eines Landes im Umgang mit allem, was untenrum ist - die Geschichte des Sex in den USA.
Wir begegnen Hippie-Kommunen genauso wie verheirateten Paaren, die plötzlich zum Partnertausch neigen. Porno-Produzenten treffen auf katholische Richter, die der Zensur zu ungeahnter Verbreitung verhelfen. Gerade haben wir einen Nudisten-Strand im Kalifornien der fünfziger Jahre besucht und schon befinden wir uns zehn Jahre später im Bundesstaat Connecticut, wo Oralverkehr mit 30 Jahren Haft bestraft werden kann - selbst wenn es Eheleute sind, die bei Cunnilingus und Fellatio erwischt werden.
Talese ist ein Meister der Zeitreise. Vom 17. bis zum ausgehenden 20. Jahrhundert umfasst sein Report vieles von dem, was die US-Öffentlichkeit zum Thema Sex zu sagen und zu beschweigen hat. Er beschreibt wie erotische Literatur, die in den USA verboten ist, aus Frankreich eingeschmuggelt wird; dass selbst der Versand von Literaturklassikern wie dem «Ulysses» von James Joyce oder Vladimir Nabokovs «Lolita» mit der Post Gefängnisstrafen nach sich ziehen können.
Er referiert die großen Gerichtsprozesse um Meinungsfreiheit und Zensur. Er beobachtet, wie bürgerlicher Puritanismus in der Folge der Weltkriege erodiert, weil Frauen sich in Abwesenheit der Männer gesellschaftliche Positionen erobert haben, die sie auch nach der Rückkehr der Soldaten nicht preisgeben wollen. Er analysiert die gesellschaftlichen Gründe, die zum riesigen Erfolg von Hugh Heffners «Playboy» führten.
«Du sollst begehren» ist also nicht nur ein Buch über Sex. Es ist vor allem ein eminent politisches Buch und ein sexy Zeugnis von 300 Jahren amerikanischer Sittengeschichte.
Gay Talese: Du sollst begehren. Auf den Spuren der sexuellen Revolution. Aus dem Amerikanischen von Gustav Stirner. Rogner & Bernhard, Berlin 2007. 672 S., 29,90 Euro
Roberto Saviano: GomorrhaWer denkt, das organisierte Verbrechen in Italien um Mafia und Camorra sei allenfalls für eine TV-taugliche Räuberpistole gut, den belehrt der italienische Journalist und Buchautor Roberto Saviano in seinem nun auf Deutsch vorliegenden Buch «Gomorrha» schnell eines besseren. Man braucht keine 100 Seiten zu lesen, um zu begreifen, dass die süditalienische Camorra keine kleine Provinzmacht mit dem Wirkungskreis Neapel ist, sondern als globaler Konzern agiert.
Egal ob Deutschland, die USA, China oder die arabischen Staaten es dürfte kaum ein Land der Erde geben, in die das «System», wie sich die Camorra selbst nennt, keine Kontakte hat. Von anderen Konzernen unterscheidet sie sich nur in der Art der gehandelten Waren - sie handelt mit Drogen, Menschen und gefälschten Markenartikeln - und in der Wahl der Mittel zur Durchsetzung des Profits: Mord, Totschlag, Erpressung, räuberischer Menschenschmuggel.
Saviano hat jahrelang im Halbdunkel recherchiert, sein Bild des «Systems» fällt deshalb auf eine grandiose Art exakt aus. Deutlich wird dabei auch, wie schwierig es ist, einem Welthandelskonzern im Untergrund polizeilich und juristisch beizukommen. In Italien ist das Buch im Jahr 2006 erschienen und hält sich seither auf den Bestsellerlisten. Doch der Erfolg hat dem Autor nicht nur Gutes gebracht. Saviano erhielt zahlreiche Morddrohungen. Seit über einem Jahr lebt er anonym im Untergrund. Er meint: «Dieses Buch hat mein Leben ruiniert.»
Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Hanser, München 2007. 384 S., 21,50 Euro
Der UN-WeltklimareportDas Buch heißt «Der UN-Weltklimareport» und würde es genau den und nichts anderes beinhalten, so wäre es ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Leider aber stehen die drei, im Februar, April und Mai 2007 veröffentlichten Arbeitsberichte des UN-Weltklimarates nicht allein, sondern werden von reichlich wissenschaftlichen und - nerviger noch - politischen Experten flankiert.
Gerade weil er so nüchtern, aber bestimmt, so bar jeglichen politischen Klimbims daherkam, bewirkte der erste Teil des so genannten 4. Sachstandsberichts des IPCC im Februar das, woran Wissenschaftler seit Jahrzehnten mit wenig Erfolg arbeiteten: den Klimawandel als Tatsache im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Seither kann niemand dahinter zurückgehen, auch wenn viele es versuchen.
Alle drei Teile des Berichts, im Buch ausführlich dokumentiert und mit erläuternden Grafiken versehen, haben diesen wunderbaren Ton unbestreitbarer Faktizität und autoritärer Sachlichkeit. Wer sie liest, meint anschließend Bescheid zu wissen. Doch das neu erworbene Wissen wird von anderen Beiträgen gleich wieder in Frage gestellt.
Bundesbildungs- und -forschungsministerin Annette Schavan (CDU) kann es sich nicht verkneifen, der Atomenergie Bedeutung als «Brückentechnologie» zuzusprechen, während Bundesumweltminister Sigmar Gabriel die deutsche «Vorreiterrolle im Klimaschutz» so stark betont, dass man sofort an die deutsche Auto-Lobby denken muss, die ständig gegen die von der EU vorgeschlagene Senkung von CO2-Grenzwerten mobil macht. Aber gut: Es zwingt einen ja niemand, das Buch in Gänze zu lesen.
Der UN-Weltklimareport. Herausgegeben von Michael Müller, Ursula Fuentes und Harald Kohl. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 432 S., 12,95 Euro
Vanessa Winship: Schwarzes MeerZuerst einmal: «Schwarzes Meer» der Fotografin Vanessa Winship ist ein Bildband, der hier aus Mangel an Kategorien den Sachbüchern zugeschlagen wird. Das ist ungerecht, denn man könnte dieses wunderbare Werk genauso gut der schöngeistigen Literatur zuordnen - es ist Prosa für die Augen.
Sei's drum: Winship, aufgewachsen in Großbritannien, hat die Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres besucht. Erschienen im Mare-Verlag und mit dem Titel «Schwarzes Meer» versehen, leistet der in schwarz-weiß gehaltene Bildband auch jenseits der Betrachtungen des Wassers einiges. Der Fotografin gelingen scheinbar mühelos bildliche und ausdrucksstarke Porträts der Länder Georgien, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ukraine und Russland.
Dabei erfährt das Meer starke Konkurrenz. Menschen und Gebäude, Licht und Schatten, Schönheit und Alltag, Luxus und Armut, Ruhe und Bewegung prägen das Buch und geben ihm eine muntere und dennoch straighte Struktur. Der Rest ist Gischt, Brandung, Salzwasser, so schön, dass man gleich einen Urlaubsschein abgeben möchte. Und wem die Bilder nicht reichen, der liest eben die einführenden und begleitenden, hellsichtigen und klaren Texte Karl Spurzems.
Vanessa Winship: Schwarzes Meer. Mare, Hamburg 2007. 135 S., 49 Euro
Martin Amis: Koba der SchrecklicheEigentlich gibt es genügend Standardwerke über die Verbrechen Josef Stalins. Doch wenn sich Martin Amis, Schriftsteller und Enfant Terrible der britischen Kulturszene, daran macht, die dunkelste Ära der Sowjetunion zu untersuchen, ist das wohl ein wenig Aufmerksamkeit wert.
Und tatsächlich: Schon der Untertitel «Die zwanzig Millionen und das Gelächter» machen deutlich, dass es in Amis' neuem Buch «Koba der Schreckliche» nicht nur um die Aufarbeitung von Geschichte, Massenmorden und politischer Diktatur geht. Denn das Gelächter bezieht sich auf den fundamentalen Unterschied, der Amis immer wieder davon abhält, Stalin mit Hitler, Nazi-Deutschland mit der Sowjetunion oder die Shoah mit dem Terror gegen Teile der russischen Bevölkerung in den späten zwanziger, den dreißiger und vierziger Jahren zu vergleichen.
Nur eines stellt er nebeneinander: Niemand lacht über die Shoah, meint Amis, während der Terror Stalins bis weit in die siebziger Jahre hinein von Sozialisten und Kommunisten aus aller Welt mit einem Schmunzeln oder gar mit Hohngelächter quittiert worden sei. Vor allem diesen Figuren wendet sich Amis zu. Er erzählt die Geschichte des roten Terrors, der politischen Verfolgung, der vom Staat mitverschuldeten Hungersnöte, der Gulag genannten Straf- und Todeslager, der Folter, Versklavung und Zwangsarbeit, der unzähligen Exekutionen von Männern, Frauen und Kindern, kurz: der geschätzten 20 Millionen Toten, die Stalin wohl zum Opfer fielen.
Und er erzählt sie so, dass gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit jenen Sozialisten stattfindet, die dazu bisher geschwiegen oder darüber gelacht haben. Nach diesem Buch dürfte zumindest jenen, die es lesen, das Lachen im Halse stecken bleiben.
Martin Amis: Koba der Schreckliche. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Hanser, München 2007. 288 S., 21,50 Euro