Frank Goosen: Weg mit den Unterhosen von 1978
12.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Herr Goosen - gibt es Fragen, die Sie nicht mehr hören können?
Frank Goosen: Eigentlich nicht. Häufig gestellte Fragen haben den Vorteil, dass man schon weiß, was man darauf antworten soll.
Netzeitung: Sie stöhnen nicht auf, wenn Sie nach der Verwandtschaft zu Nick Hornby gefragt werden?
Goosen: Man kann nicht beeinflussen, wie oft solche Sachen wiedergekäut werden. Wenn's am Ende der Verkaufsförderung dient, bitte schön.
Netzeitung: In Ihrem neuen Roman geht es um fünf Männer des Abiturjahrgangs 1982. Wäre es nicht praktischer gewesen, Sie hätten ihren eigenen Abschlussjahrgang 1986 genommen?
Netzeitung: Sie wären lieber durch die Siebziger sozialisiert worden?
Goosen: In der Schule habe ich die Älteren jedenfalls bewundert. Die hatten auch die besseren Platten. Für mich war der Hardrock der Siebziger die Musik des großen Bruders, den ich gerne gehabt hätte. Gerade als Pubertierender mochte ich das Virile dieser Musik, gleichzeitig ist ein Deep Purple-Stück wie «Child in Time» auch noch einigermaßen anspruchsvoll.
Die Hair Metal Bands der Achtziger sind doch sehr viel peinlicher. Wenn man, wie die Jungs im Buch, mit 40 noch mal auf die Bühne steigt, um die Stücke von damals zu spielen, ist Hard Rock einfach würdevoller.
Goosen: Die Geschichte brauchte ihr tragisches Zentrum und eine Figur, die eine besondere Fallhöhe hat. Wer, wie Ole, sein ganzes Leben an den alten Dingen festhält, wird irgendwann Probleme kriegen. Es ist wirklich nicht erstrebenswert, noch heute in den Unterhosen von 1978 in einem Kreuzberger Altbau zu hocken.
Netzeitung: Eine Warnung vor Sex, Drugs, Rock´n´Roll im fortgeschrittenen Alter?
Goosen: Nun, Keith Richards kriegt es noch hin, Mick Jagger nicht mehr ganz. Wenn man mit Mitte 60 immer noch darüber röhrt, wie es ist, über 20-Jährige herzufallen, kann es schon schwierig werden. Richards gelingt es immerhin auf die elegant-abgedrehte Tour, indem er sagt, ich habe die Asche meines Vaters gekokst.
Netzeitung: «Wir produzieren keine neuen Erinnerungen mehr, wir leben nur noch von den alten», heißt es im Buch. Ist das Ihre Definition der berühmten Midlife Crisis?
Goosen: Es geht um das Gefühl, dass das Leben nicht mehr so offen ist wie früher. Man hat halt eine Richtung eingeschlagen und kann seinem Leben nur noch unter großen Mühen eine andere Richtung geben, eine neue berufliche Orientierung wird schon sehr schwierig. Dieses Wissen drückt viele nieder, die nicht besonders glücklich mit dem sind, was sie machen.
Netzeitung: Sagt der zitierte Satz auch etwas über Ihr eigenes Schreiben aus? Ihre Bücher zehren alle von einem Erinnerungsvorrat aus Jugendzeiten.
Goosen: Ich bin prinzipiell ein sentimentaler Charakter, und habe scheinbar immer wieder das Bedürfnis, mich mit den Pubertätsjahren zu befassen.
Netzeitung: Stößt der Generationenroman mit seinem Bezug zur Jugendkultur an seine Grenzen, wenn die Protagonisten allesamt über 40 sind?
Goosen: Mit dem Etikett «Generationenroman» kann ich nichts anfangen. Ich schreibe nicht den Roman einer bestimmten Generation, auch wenn sich das von außen vielleicht so darstellt.
Netzeitung: In «Liegen Lernen» geht es um den ersten Sex. In «So viel Zeit» um die erste Darmspiegelung.
Goosen: Ich wundere mich, dass das ein Tabu sein soll. Bei amerikanischen Autoren wie Philip Roth oder John Updike ist der Verfall des menschlichen Körpers ein großes Thema.
Netzeitung: Beide sind nicht ganz ihr Jahrgang.
Goosen: Dennoch ist Krankheit für viele mit 40 längst ein Thema geworden. Man kennt plötzlich Leute, die Anfang 40 an Krebs gestorben sind. Im Roman muss sich jemand genau dieser Frage stellen, ob er vielleicht Krebs hat. Meine Eltern sind mit Anfang 50 an Krebs gestorben, womit ich nicht sagen will, dass ihr Tod direkt zu dieser Szene geführt hat.
Netzeitung: Mit all den hübschen Enddreißigerinnen gehen Sie im Buch schlimmer um als ein Michel Houellebecq - Krebstod, Rollstuhl, ausgetauscht werden gegen was Jüngeres. Die Männer gründen in der Lebensmitte immerhin noch mal eine Band. Gerecht ist das nicht.
Goosen: Die Geschichten von Männern, die mit 60 noch Vater werden oder sich eine jüngere Frau nehmen, sind doch Legion. Frauen unterliegen einem viel stärkeren Druck. Das spiegelt der Roman eben wider.
Goosen: Die Bücher sind als Ruhrgebietsromane wahrgenommen worden, obwohl ich konkrete Ortsangaben eher vermieden habe. In «Pink Moon» heißt es mal, «nach 40 Kilometern war man in Duisburg», und im neuen Roman wird zum ersten Mal Bochum genannt.
Das Spannende ist die Veränderung, die hier passiert ist. In seiner Wucht ist das nur vergleichbar mit der Umwälzung, den die Länder der früheren DDR durchgemacht haben. Dieser ganze Wandlungsprozess ist eher unterschwellig in den Geschichten vorhanden.
Netzeitung: Beschreiben Sie mal die kollektive Mentalität des Reviers.
Goosen: Das Ruhrgebiet leidet unter einem Minderwertigkeitskomplex, der sich zum Glück langsam abschwächt. Uns ist jahrzehntelang eingeredet worden, ihr seid doof, könnt nur arbeiten, euer Himmel ist grau.
Oft haben die Leute gesagt, ja, so ist es auch, und genau das ändert sich langsam in meiner Generation. Wir blicken heute stolzer auf die ganze Arbeit, die hier geleistet wurde, als es unsere Eltern taten. Die haben nur gearbeitet, acht Stunden unter Tage zu schuften, ist einfach brutal. Da hat man vielleicht nachher keine Lust mehr, darüber Witze zu machen. Wir Jüngeren sind mitgeprägt von der Mentalität der Alten und zugleich fällt es uns leichter, uns mit einem fast unangebrachten Stolz auf die Geschichte der Region zu beziehen.
Netzeitung: Klingt nach dem Stoff für ein neues Buch.
Netzeitung: Wollten Sie nie nach Berlin ziehen, ein echter Popliterat werden und im Goethe-Institut von Tel Aviv lesen?
Goosen: Dass ich nicht im Goethe-Institut von Tel Aviv lese, liegt ganz einfach daran, dass ich nicht gefragt werde. Jemand, der Unterhaltungsliteratur macht, gilt nicht gerade als leuchtendes Beispiel für die deutsche Kultur.
Klar, Berlin hat mich in den Achtzigern mal flüchtig interessiert, aber die Kunstszene dort kam mir sehr eng und provinziell vor. Das dringende Bedürfnis, mich in ein bestimmtes Autorenmilieu zu begeben, habe ich nie gehabt. Autor wird man doch, weil man bei der Arbeit sitzen und allein sein kann.
Mit Frank Goosen sprach Heike Runge.

