netzeitung.deFrank Goosen: Weg mit den Unterhosen von 1978

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Hat früher die Älteren immer bewundert: Der Schriftsteller Frank Goosen (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hat früher die Älteren immer bewundert: Der Schriftsteller Frank Goosen
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Der Hard Rock der Siebziger, die Schwierigkeiten des Alterns und Geschichten, die nur das Ruhrgebiet schreibt: Netzeitung.de sprach mit dem Schriftsteller Frank Goosen.

Frank Goosen, geboren 1966 in Bochum, hat sich im Revier als Kabarettist und über das Revier hinaus als Romanautor längst einen Namen gemacht. Sein bisher bekanntester Roman «Liegen lernen» erschien im Jahr 2000 und wurde drei Jahre später auch verfilmt. Oft handeln seine Bücher von den Freuden und Beschwerden, Siegen und Niederlagen seiner Generation. Seine Generation - das sind all jene um die 40. Genau um sie geht es auch in seinem neuen Roman «So viel Zeit».

Netzeitung: Herr Goosen - gibt es Fragen, die Sie nicht mehr hören können?

Frank Goosen: Eigentlich nicht. Häufig gestellte Fragen haben den Vorteil, dass man schon weiß, was man darauf antworten soll.

Netzeitung: Sie stöhnen nicht auf, wenn Sie nach der Verwandtschaft zu Nick Hornby gefragt werden?

Goosen: Man kann nicht beeinflussen, wie oft solche Sachen wiedergekäut werden. Wenn's am Ende der Verkaufsförderung dient, bitte schön.

Netzeitung: In Ihrem neuen Roman geht es um fünf Männer des Abiturjahrgangs 1982. Wäre es nicht praktischer gewesen, Sie hätten ihren eigenen Abschlussjahrgang 1986 genommen?

Goosen: Die Zeitverschiebung hat mir erlaubt, einen Blickwinkel von außen einzunehmen. Die Jungs sind nicht ganz aus meiner Generation, auch wenn es nur drei Jahre Unterschied sind. Der 63er Jahrgang ist noch stärker von den Siebzigern geprägt worden, die 1966 Geborenen, wie ich, haben bereits mehr von den Achtzigern abgekriegt.

Netzeitung: Sie wären lieber durch die Siebziger sozialisiert worden?

Goosen: In der Schule habe ich die Älteren jedenfalls bewundert. Die hatten auch die besseren Platten. Für mich war der Hardrock der Siebziger die Musik des großen Bruders, den ich gerne gehabt hätte. Gerade als Pubertierender mochte ich das Virile dieser Musik, gleichzeitig ist ein Deep Purple-Stück wie «Child in Time» auch noch einigermaßen anspruchsvoll.

Die Hair Metal Bands der Achtziger sind doch sehr viel peinlicher. Wenn man, wie die Jungs im Buch, mit 40 noch mal auf die Bühne steigt, um die Stücke von damals zu spielen, ist Hard Rock einfach würdevoller.

Midlife Crisis
Netzeitung: Ihr neues Buch erzählt auch die Geschichte vom Absturz eines Coolen. Ole mit all seinem Szenewissen über Musik und Styles hat früher die tollsten Mädchen abgekriegt und später sein Erwachsenenleben nicht auf die Reihe bekommen. Hat sich der Autor mit dieser Geschichte an den Angebertypen von damals gerächt?

Goosen: Die Geschichte brauchte ihr tragisches Zentrum und eine Figur, die eine besondere Fallhöhe hat. Wer, wie Ole, sein ganzes Leben an den alten Dingen festhält, wird irgendwann Probleme kriegen. Es ist wirklich nicht erstrebenswert, noch heute in den Unterhosen von 1978 in einem Kreuzberger Altbau zu hocken.

Netzeitung: Eine Warnung vor Sex, Drugs, Rock´n´Roll im fortgeschrittenen Alter?

Goosen: Nun, Keith Richards kriegt es noch hin, Mick Jagger nicht mehr ganz. Wenn man mit Mitte 60 immer noch darüber röhrt, wie es ist, über 20-Jährige herzufallen, kann es schon schwierig werden. Richards gelingt es immerhin auf die elegant-abgedrehte Tour, indem er sagt, ich habe die Asche meines Vaters gekokst.

Netzeitung: «Wir produzieren keine neuen Erinnerungen mehr, wir leben nur noch von den alten», heißt es im Buch. Ist das Ihre Definition der berühmten Midlife Crisis?

Goosen: Es geht um das Gefühl, dass das Leben nicht mehr so offen ist wie früher. Man hat halt eine Richtung eingeschlagen und kann seinem Leben nur noch unter großen Mühen eine andere Richtung geben, eine neue berufliche Orientierung wird schon sehr schwierig. Dieses Wissen drückt viele nieder, die nicht besonders glücklich mit dem sind, was sie machen.

Netzeitung: Sagt der zitierte Satz auch etwas über Ihr eigenes Schreiben aus? Ihre Bücher zehren alle von einem Erinnerungsvorrat aus Jugendzeiten.

Goosen: Ich bin prinzipiell ein sentimentaler Charakter, und habe scheinbar immer wieder das Bedürfnis, mich mit den Pubertätsjahren zu befassen.

Der Verfall des Körpers

Netzeitung: Stößt der Generationenroman mit seinem Bezug zur Jugendkultur an seine Grenzen, wenn die Protagonisten allesamt über 40 sind?

Goosen: Mit dem Etikett «Generationenroman» kann ich nichts anfangen. Ich schreibe nicht den Roman einer bestimmten Generation, auch wenn sich das von außen vielleicht so darstellt.

Netzeitung: In «Liegen Lernen» geht es um den ersten Sex. In «So viel Zeit» um die erste Darmspiegelung.

Goosen: Ich wundere mich, dass das ein Tabu sein soll. Bei amerikanischen Autoren wie Philip Roth oder John Updike ist der Verfall des menschlichen Körpers ein großes Thema.

Netzeitung: Beide sind nicht ganz ihr Jahrgang.

Goosen: Dennoch ist Krankheit für viele mit 40 längst ein Thema geworden. Man kennt plötzlich Leute, die Anfang 40 an Krebs gestorben sind. Im Roman muss sich jemand genau dieser Frage stellen, ob er vielleicht Krebs hat. Meine Eltern sind mit Anfang 50 an Krebs gestorben, womit ich nicht sagen will, dass ihr Tod direkt zu dieser Szene geführt hat.

Aber das Thema ist einfach virulent, man beschäftigt sich damit, weil man natürlich auch irgendwann merkt, dass es nicht mehr so wird wie früher. Wenn ich mir heute nach dem Fußballspiel einen auf die Lampe gieße, habe ich zwei Tage was davon. Also lass ich es lieber, denn inzwischen ärgere ich mich über jeden Tag, an dem ich zu verkatert bin, um was mit meiner Zeit anzufangen.

Netzeitung: Mit all den hübschen Enddreißigerinnen gehen Sie im Buch schlimmer um als ein Michel Houellebecq - Krebstod, Rollstuhl, ausgetauscht werden gegen was Jüngeres. Die Männer gründen in der Lebensmitte immerhin noch mal eine Band. Gerecht ist das nicht.

Goosen: Die Geschichten von Männern, die mit 60 noch Vater werden oder sich eine jüngere Frau nehmen, sind doch Legion. Frauen unterliegen einem viel stärkeren Druck. Das spiegelt der Roman eben wider.

Im Pott
Netzeitung: Ihre Geschichten werden immer mit dem Ruhrgebiet identifiziert. Wie kommt «der Pott» in Ihre Literatur?

Goosen: Die Bücher sind als Ruhrgebietsromane wahrgenommen worden, obwohl ich konkrete Ortsangaben eher vermieden habe. In «Pink Moon» heißt es mal, «nach 40 Kilometern war man in Duisburg», und im neuen Roman wird zum ersten Mal Bochum genannt.

Das Spannende ist die Veränderung, die hier passiert ist. In seiner Wucht ist das nur vergleichbar mit der Umwälzung, den die Länder der früheren DDR durchgemacht haben. Dieser ganze Wandlungsprozess ist eher unterschwellig in den Geschichten vorhanden.

Netzeitung: Beschreiben Sie mal die kollektive Mentalität des Reviers.

Goosen: Das Ruhrgebiet leidet unter einem Minderwertigkeitskomplex, der sich zum Glück langsam abschwächt. Uns ist jahrzehntelang eingeredet worden, ihr seid doof, könnt nur arbeiten, euer Himmel ist grau.

Oft haben die Leute gesagt, ja, so ist es auch, und genau das ändert sich langsam in meiner Generation. Wir blicken heute stolzer auf die ganze Arbeit, die hier geleistet wurde, als es unsere Eltern taten. Die haben nur gearbeitet, acht Stunden unter Tage zu schuften, ist einfach brutal. Da hat man vielleicht nachher keine Lust mehr, darüber Witze zu machen. Wir Jüngeren sind mitgeprägt von der Mentalität der Alten und zugleich fällt es uns leichter, uns mit einem fast unangebrachten Stolz auf die Geschichte der Region zu beziehen.

Netzeitung: Klingt nach dem Stoff für ein neues Buch.

Goosen: Stimmt, ich arbeite an einem längeren Roman, der 50, 60 Jahre Ruhrgebietsgeschichte umspannt. Hier fliegen so viele Geschichten durch die Luft, die muss man mal einfangen. Die Leute sind jedenfalls heiß drauf, sich mit sich selber zu befassen.

Netzeitung: Wollten Sie nie nach Berlin ziehen, ein echter Popliterat werden und im Goethe-Institut von Tel Aviv lesen?

Goosen: Dass ich nicht im Goethe-Institut von Tel Aviv lese, liegt ganz einfach daran, dass ich nicht gefragt werde. Jemand, der Unterhaltungsliteratur macht, gilt nicht gerade als leuchtendes Beispiel für die deutsche Kultur.

Klar, Berlin hat mich in den Achtzigern mal flüchtig interessiert, aber die Kunstszene dort kam mir sehr eng und provinziell vor. Das dringende Bedürfnis, mich in ein bestimmtes Autorenmilieu zu begeben, habe ich nie gehabt. Autor wird man doch, weil man bei der Arbeit sitzen und allein sein kann.

Mit Frank Goosen sprach Heike Runge.