Wallraff: Ich beauftrage mich selbst
10.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Herr Wallraff, wie kamen Sie auf die Idee, in einer Moschee aus Rushdies Buch vorzulesen?
Günter Wallraff: Ausgangspunkt war ein Live-Gespräch im Deutschlandfunk. Ich wohne hier in Köln in unmittelbarer Nähe dieser alten, baufälligen Moschee, die nun durch einen ansehnlichen Neubau ersetzt werden soll. Vor der Sendung wurde mir vom Dialogbeauftragten der Moschee, dem Herrn Alboga, das Angebot unterbreitet, dem Beirat der Moschee beizutreten. Er meinte, man könne ein Forum einrichten, in dem auch kontroverse Themen diskutiert werden.
Netzeitung: Wie fielen die ersten Reaktionen aus?
Wallraff: Der Dialogbeauftragte ging auf meinen Vorschlag zunächst ganz unbekümmert ein. Er meinte, man könne darüber reden.
Netzeitung: Dann aber haben Sie Streit mit einem Vertreter der Muslime bekommen, mit Sadi Arslan, dem Präsidenten der Türkisch-islamischen Union (Ditib).
Wallraff: Plötzlich musste ich jemanden erleben, der kein Wort Deutsch sprach und vom Amt für religiöse Angelegenheiten in der Türkei eingesetzt worden war. Er hat Diplomatenstatus und ist für alle Ditib-Moscheen in Deutschland verantwortlich. Da herrschte plötzlich ein anderer Ton.
Andere in dieser Moscheengemeinschaft habe ich als sehr aufgeschlossen empfunden, vor allem die jüngeren Leute. Auch der Dialogbeauftragte der Moschee, Herr Alboga, ist ein weltoffener Mensch, aber er hat keinen Einfluss.
Netzeitung: Arslan hingegen nennen Sie einen «Aufpasser» und «Wächter».
Wallraff: Er verhinderte die Lesung, ohne dass groß darüber diskutiert wurde. Ich merkte plötzlich, dass eine Befehlsstruktur dahinter steckt. Dann will ich lieber gleich mit den Entscheidungsträgern sprechen. Das Sagen hat der Präsident des Amts für religiöse Angelegenheiten in der Türkei, den ich demnächst besuchen werde.
Wallraff: Ich bin ja auch Dialogbeauftragter, nur mit dem Unterschied, dass ich mich selbst beauftrage und von daher nicht weisungsverpflichtet bin. Ich lasse mir jederzeit gerne eventuelle Vorurteile widerlegen. Aber wenn die Ditib tönt, es habe eine demokratische Abstimmung gegeben und Herr Arslan sei jetzt der Präsident, dann ist das Kappes, wie wir Kölner sagen, Mumpitz. Die lügen sich und anderen in die Tasche.
Netzeitung: Die Ditib wirft ihnen vor, sie hätten die «religiösen Gefühle der Muslime» verletzt.
Wallraff: Das wird immer wieder angebracht, wenn sich Menschen nicht mit dem Schrecklichen auseinandersetzen wollen. Das Buch von Rushdie ist nicht religionskritisch. Es ist vielmehr ein literarisches Meisterwerk und ein Stück Satire. Dieser Autor wird mit dem Tode bedroht. Und zwar von Leuten, die das Buch nicht mal gelesen haben wie etwa der Finsterling Khomeini. Das war jemand, der sich im Besitz der reinen Wahrheit wähnte. Und er meinte es todernst in der doppelten Bedeutung des Begriffs.
Man muss mit dem Buch ja nicht einverstanden sein. Aber man muss darüber diskutieren dürfen. Wir Menschen ohne den islamischen Hintergrund verstehen ja die ganzen Anspielungen darin gar nicht. Die versteht nur jemand, der den Koran halbwegs kennt. Ich habe privat eine Probelesung veranstaltet und Muslime dazu eingeladen.
Netzeitung: Wie reagierten sie?
Wallraff: Die haben herzhaft gelacht an bestimmten Stellen. Das Buch hat nämlich etwas Befreiendes. Da hat sich niemand in seinen Gefühlen verletzt gefühlt.
Wallraff: Nach früheren Arbeiten von mir kam das von Seiten des Irans oder der PKK. Dieses Mal wurde ich auf der Website einer der al-Qaida zugerechneten Gruppe als «Islamfeind Nummer eins» ausgelobt.
Aber ich finde, das ist nun wirklich zu viel der Ehre. So verdient habe ich mich bisher gar nicht gemacht, da haben sich andere viel mehr qualifiziert.
Netzeitung: Wie gehen Sie mit den Drohungen um?
Wallraff: Ich ignoriere sie. Solchen Terroristen gegenüber darf man keine Angst zeigen. Man muss ihnen die Stirn bieten.
Netzeitung: Ist Ihre Idee der Rushdie-Lesung damit gescheitert?
Wallraff: So würde ich das nicht sehen. Immerhin habe ich erreicht, dass zum ersten Mal eine Moscheengemeinschaft, dazu noch die größte in Deutschland, sich öffentlich gegen die Fatwa gegen Rushdie ausgesprochen hat.
Netzeitung: Könnten Sie sich vorstellen, zum Thema Islam ein Buch zu verfassen? Es würde Ihrer entlarvenden Arbeitsweise doch sehr entgegenkommen.
Wallraff: Ich habe noch sehr viel vor. Und das wäre sicherlich ein Thema.
Netzeitung: Derzeit läuft in den Kinos der Film «Hamburger Lektionen» von Romuald Karmakar, in dem es um einen Hassprediger in einer Moschee geht. Haben Sie ihn gesehen?
Wallraff: Ja. Ein sehr aufschlussreicher Film. Er funktioniert ohne Polemik. Man muss diese Leute nur selbst zu Wort kommen lassen, dann entlarven sie sich selbst.
Wallraff: Ich hatte den großen Erfolg mit dem Buch «Ganz unten» Mitte der Achtziger. Es fand über vier Millionen Käufer in Deutschland. Das hat damals Menschen erreicht, die sonst nicht in die Buchhandlung gehen. Aber so etwas kann immer erfolgreich sein. Ich hatte zum Beispiel nicht erwartet, dass der Auftakt meiner Serie von «Reportagen aus der schönen neuen Arbeitswelt» in der Wochenzeitung «Die Zeit» so viel Aufsehen erregen würde.
Netzeitung: Sie haben dafür undercover in einem Call Center gearbeitet. Was haben Sie dort genau gemacht?
Wallraff: Ich bin in die Rolle eines Call-Center-Agenten abgetaucht und habe gezeigt, dass diese ganze Verkaufsbranche auf Lug und Betrug aufgebaut ist. Wie ständig Menschen mit Anrufen genervt werden, Leute, die sich nicht wehren können oder einsam sind und sich dann irgendwas Wertloses andrehen lassen.
Netzeitung: Ist das auch ein Erfolg Ihrer Arbeit?
Wallraff: Ich habe das Bewusstsein der Verbraucher gestärkt. Inzwischen sagen 87 Prozent der Deutschen, es müsse ein Gesetz her, das Verkaufsabschlüsse am Telefon untersagt. Und siehe da, jetzt haben sich auch die Verbraucherminister der Länder - bis auf eine Enthaltung - für dieses Gesetz ausgesprochen. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer hat sich der Forderung auch angeschlossen.
Netzeitung: Gibt es heute wieder ein größeres Interesse an solchen sozialkritischen Reportagen?
Wallraff: Es gab eine Zeit, da herrschte das Titti-Tainment. Das Motto war: sich die Massen zur Brust nehmen und abstillen.
Netzeitung: Sie meinen die neunziger Jahre?
Netzeitung: Kommen Sie zur Buchmesse?
Wallraff: Ich versuche, es zu verhindern. Ich fühle mich in so einem Menschengetümmel nicht wohl.
Netzeitung: Fühlen Sie sich am Schreibtisch wohler?
Wallraff: In der Rolle. Morgen werde ich wieder unerkannt unterwegs sein.
Netzeitung: Dann wünsche ich Ihnen, dass Sie nicht auffliegen dabei.
Wallraff: Danke sehr. Denn das ist natürlich immer die größte Angst.
Mit Günter Wallraff sprach Stefan Wirner

