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Wie katalanische Kultur Europa verstehen hilft

04. Okt 2007 13:31
In Barcelona findet man Spuren vieler namhafter Künstler
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Dalí, Miró und Gaudí sind weltberühmt. Doch nur wenige bringen sie mit katalanischer Kultur in Verbindung, bedauert Josep Bagalló, der die Kultur vertritt. Netzeitung.de sprach mit ihm über den Wunsch, «normal» zu sein und den Vorteil von Mehrsprachigkeit.

Josep Bargalló ist Direktor des Instituts Ramon Llull, das die katalanische Kultur im Ausland repräsentiert. Der 49-Jährige trägt Verantwortung für das kulturelle und literarische Programm des Ehrengastauftritts der katalanischen Kultur bei der Frankfurter Buchmesse.

Er habe diese Aufgabe mit «Freude und Entschlossenheit angenommen», sagt er. Die Buchmesse sei eine wunderbare Gelegenheit, die katalanische Kultur einem internationalen Publikum zu präsentieren.

Netzeitung.de: Mit der katalanischen Kultur gibt es zum ersten Mal einen Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse, der nicht Repräsentant der offiziellen Staatskultur ist.

Josep Bagalló
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Josep Bargalló: Das bedeutet eine große Anerkennung für die katalanische Kultur, ist doch die Frankfurter Buchmesse die weltweit bedeutendste Messe der Verlagsindustrie.

Netzeitung.de: Sie haben einmal gesagt, dass die katalanische Kultur zum Aufbau Europas beitragen kann. Wie geschieht dies?

Bargalló: Europa besitzt eine sehr breit gefächerte kulturelle Vielfalt, die der Entwicklung der politischen Strukturen in den letzten zweihundert Jahren nicht deckungsgleich entspricht. Diese Vielfalt basiert auf einem historischen Erbe aus dem Mittelalter, das bis in unsere Tage erhalten geblieben ist. In diesem Kontext kann die katalanische Kultur als ebenfalls grenzübergreifend eine neue Art und Weise beitragen, die kulturelle Vielfalt unseres Kontinents zu verstehen. Unsere kulturelle Besonderheit kommt auf der Buchmesse zur Geltung.

Netzeitung.de: Wie positioniert sich die katalanische Kultur im europäischen Gefüge?

Bargalló: Sie ist eine Kultur, die nicht nur auf eine tausendjährige Geschichte zurückblickt, sondern auch voller Kreativität steckt. Viele katalanische Künstler des 20. Jahrhunderts sind in Europa bekannt: Dalí, Miró, Gaudí, Tàpies ...

Auch Jose Carreras ist ein Vertreter der katalanischen Kultur
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Gleiches gilt für modernere katalanische Kunstschaffende wie Miquel Barceló, für Architekten oder für Opernsänger (Josep Carreras, Montserrat Caballé, Joan Pons, Jaume Aragall). Allerdings werden diese Künstler oft nicht als Katalanen identifiziert. Diese Identifikation ist eine der großen Chancen, die uns die Messe bietet. Denn das Wissen darum, dass sie der katalanischen Kultur angehören, hilft auch, ihr Werk besser zu verstehen.

Netzeitung.de: Geben Sie uns ein Beispiel.

Bargalló: In der Architektur Antoni Gaudís etwa finden sich Elemente, die man nicht vollständig verstehen kann, wenn man nicht weiß, in welchem Kontext sie entstanden sind. Allerdings fühlen wir uns nicht als Pioniere; wir sind nicht die Vorreiter der Kulturen ohne Staat. Wir sind eine europäische Kultur, deren historische Grundlage eine Sprache bildet, die von über acht, fast neun Millionen Personen gesprochen wird (und somit die durchschnittliche Sprecherzahl der Sprachen der Europäischen Union übertrifft).

Wir sind eine Kultur, die eine bedeutende Anzahl an Weltkulturdenkmälern besitzt und auf allen Gebieten über aufstrebende und bekannte kreative Kräfte verfügt. Wir haben nicht einen Staat hinter uns, sondern gehören vier Staaten an, was vielleicht einen Unterscheid zu anderen Kulturen darstellt, die mit der unseren vergleichbar sind, und uns einen pluralen Reichtum bezüglich des europäischen Aufbaus verschafft. Somit gehen wir nicht mit dem Gefühl nach Frankfurt, Außenseiter zu sein, sondern mit dem, normal sein zu wollen.

Netzeitung.de: Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, begann seine Rede am Tag der Präsentation des literarischen Programms mit den Worten: «Die katalanische Literatur ist eine große Unbekannte. Das ist ungerecht und ungehörig», und meinte, dies treffe auch auf die gesamte katalanische Kultur zu. Ist man bei der Gestaltung des kulturellen Veranstaltungsprogramms für Frankfurt von dieser Idee ausgegangen?

Bargalló: Die «globale» Welt, in der wir uns bewegen, hat positive und negative Elemente. Ein negatives Element ist, dass es sich um eine monopolisierte «globale» Welt handelt. In Frankfurt werden wir eine Studie über die Übersetzungen in der Welt präsentieren, die wir bei PEN International in Auftrag gegeben hatten. Aus dieser Studie ergeben sich zwei wichtige Sachverhalte: Auf dem internationalen Markt wird vor allem aus dem Englischen übersetzt; andererseits wird aber nicht aus anderen Sprachen ins Englische übersetzt. Es herrscht somit leider eine große Unkenntnis über jene Kulturen - auch die ungarische, dänische oder portugiesische zum Beispiel - , die nicht englischsprachig sind oder nicht über die englische Sprache verbreitet werden.

Netzeitung.de: Wie kann sich eine Kultur, die wie die katalanische ohne dazugehörigen Staat existiert, aus eigener Kraft bekannt machen?

Traditionelles und Modernes mischt sich in der katalanischen Kultur - und deren Hauptstadt Barcelona
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Bargalló: Wir haben keine staatliche Kulturpolitik, weil wir keinen Staat haben. Und das ist es, was uns fehlt. Andererseits ist unsere Kultur – mit aufstrebenden Künstlern und einer Hauptstadt wie Barcelona, deren Bekanntheit die anderer Hauptstädte weit übertrifft – reicher als manch andere. Unsere Aufgabe ist es, die Tatsache, dass wir keine staatliche Kulturpolitik haben, mit der Kraft der Kreation und des Territoriums zu überwinden. Und dies mit einem gewissen Stolz: Wir sind eine tausendjährige Kultur, die seit dem Mittelalter stets über kreativem Reichtum und großes Talent verfügt hat, ein außergewöhnliches kollektives Erbe besitzt, absolut modern ist und zudem den Vorteil hat, grenzübergreifend zu sein.

Netzeitung.de: An welchen Leitlinien orientiert sich das kulturelle Programm?

Bargalló: Trotz der eben genannten einzigartigen Elemente ist unsere Kultur eine Kultur mit universeller Berufung. Wir wollten nie Lokalisten sein, uns abkapseln, sondern haben stets den Willen gehabt, uns nach außen zu orientieren. Zudem: Wir sind eine Kultur, die sich ihrer Tradition absolut bewusst ist, die sich dessen bewusst ist, dass das, was wir jetzt tun, die Frucht dessen ist, was wir früher getan haben. Wir sind das Resultat einer tausendjährigen Geschichte, gepaart mit einer absolut modernen, zeitgenössischen und innovativen Berufung.

Auch profitiert unsere Kultur von der Mehrsprachigkeit. Wir, die wir auf spanischem Staatsgebiet leben, sprechen außer Katalanisch auch noch Spanisch, die, die auf französischem Staatsgebiet leben, Französisch, und die, die in L’Alguer leben, Italienisch und manchmal auch noch Sardisch. Selbst in Andorra, dem einzigen Staat der Welt, in dem das katalanische alleinige offizielle Amtsprache ist, sprechen die Leute normalerweise auch noch Spanisch und Französisch.

Netzeitung.de: Für die globalisierte Welt von heute ist Mehrsprachigkeit ein Vorteil.

Bargalló: Vor allem Europa entwickelt sich in diese Richtung: Noch eine oder zwei Generationen, dann werden alle Europäer mehr als eine Sprache sprechen. Auch unsere kulturellen Produkte sind ein Resultat dieser Entwicklung: Es ist nicht überraschend, dass Catalan sound ein in Europa bekanntes Markenzeichen für die als Mestizaje bekannte Musikrichtung ist.

Auf der Buchmesse in Frankfurt gibt es natürlich Bücher zu sehen - aber auch ein vielfältiges Rahmenprogramm
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Das Kulturprogramm setzt auf das Zeitgenössische, nicht auf die Tradition. Um ein Beispiel zu nennen: Exportiert wird nicht die romanische Kunst, sondern das neue Museumskonzept des Museums für zeitgenössische Kunst von Barcelona (MACBA).

Netzeitung.de: Wie werden die Beziehungen zwischen der deutschen und der katalanischen Kultur, und vor allem der Einfluss, den die deutsche auf die katalanische Kultur gehabt hat, aufgezeigt?

Bargalló: Zunächst gibt es ein Projekt mit dem Titel «Grenzstraßen. Passagen der deutschen und katalanischen Kultur», an dem rund einhundertfünfzig katalanische Schriftsteller und Intellektuelle mitgewirkt haben und das sämtliche Einflüsse der deutschen Kultur auf die katalanische, in allen Bereichen und Epochen, analysiert. Der erste Band (katalanisch-deutsch) wird im Rahmen der Buchmesse präsentiert, der zweite später in Barcelona.

Außerdem wird es eine Ausstellung geben, die in Barcelona eröffnet und dann an verschiedenen Orten in Deutschland zu sehen sein wird. All dies wird in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut organisiert. Und es gibt noch weitere Angebote: eine Ausstellung über Walter Benjamins Beziehung zu Ibiza, eine Ausstellung mit Landschaftszeichnungen aus dem Empordà von Günter Grass ...

Netzeitung.de: Woher kommt die Nähe zur deutschen Kultur?

Bargalló: Sie hat die katalanische Kultur praktisch von Anfang an beeinflusst. Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschien in Perpignan ein katalanisch-deutsches Wörterbuch, und auch die Buchdruckerkunst in Katalonien begann mit deutschen Druckern. Darüber hinaus sind das Liceu und später auch der Palast der katalanischen Musik unerschöpfliche Quellen der deutschen Kultur in Katalonien gewesen.

Netzeitung.de: Wenn wir uns auf den literarischen Bereich konzentrieren, wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation der katalanischen Literatur ein?

Bargalló: Sie befindet sich in einer sehr kreativen und produktiven Phase. Auch, was die Übersetzungen aus dem Katalanischen betrifft, verbessert sich die Lage. In Frankfurt werden wir unseren Reichtum und unsere Vielfalt präsentieren. Ich glaube wirklich, dass die von uns präsentierten Autoren der ersten Reihe – Quim Monzó, Baltasar Porcel, Pere Gimferrer, Joan Francesc Mira und Carme Riera –, zu denen sich Autoren wie Miquel de Palol, Jaume Cabré, Maria Barbal und Joan Margarit gesellen, ein Panorama bieten, auf das wir im literarischen Sinne stolz sein können.

Netzeitung.de: Was wird die große Ausstellung über katalanische Literatur und die Verlagsindustrie bieten, die im Forum der Messe zu sehen sein wird?

Bargalló: Ein Teil dieser Ausstellung erläutert die achthundertjährige Geschichte der katalanischen Literatur. Kuratoren sind der Dichter Narcís Comadira und der Verleger Xavier Folch unter Beratung des Universitätsprofessors Josep Maria Nadal. Dank der Bibliothek von Katalonien werden auch mittelalterliche Originale zu sehen sein.

Netzeitung.de: Ein anderer Aspekt dieser großen Ausstellung ist die Geschichte des Verlagswesens in Katalonien.

Bargalló: Ja, dieser Bereich wurde von Josep Maria Boixareu unter Beratung von Sergio Vila-Sanjuán gestaltet. In Katalonien befindet sich der älteste noch existierende Verlag Europas, Publicacions de l’Abadia de Montserrat, und wir besitzen eine äußerst leistungsfähige Verlagsindustrie mit Niederlassungen in insgesamt einundzwanzig Ländern, darunter Deutschland, die USA, Frankreich und Japan.

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In der Ausstellung befassen wir uns mit der franquistischen Zensur ebenso wie mit Künstlerbüchern. Darüber hinaus können die Besucher tausend Bücher aus aller Welt über die katalanische Kultur und Literatur entdecken, die die Messe zu bieten hat.

Netzeitung.de: In der Broschüre «Was tun wir in Frankfurt» haben Sie geschrieben: «Es ist die Leistungsfähigkeit unserer Verlagsindustrie, die den Weg für die Einladung der katalanischen Kultur geöffnet, sie ermöglicht hat, und unsere Sprache und literarische Tradition erlauben ihre Abgrenzung.»

Bargalló: Hier liegt der Grund dafür, dass wir nach Frankfurt eingeladen worden sind. Erstens, weil wir eine sehr leistungsfähige Verlagsindustrie besitzen. Allerdings hätte man uns auch nicht eingeladen, wenn wir keine eigene Sprache hätten. In Mailand und in New York gibt es ebenfalls bedeutende Verlagsindustrien, aber niemand käme auf die Idee, die New Yorker oder Mailänder Kultur einzuladen. Es waren also beide Elemente notwendig.

Netzeitung.de: Aber diese in Katalonien ansässige Industrie ist zu einem guten Teil spanischsprachig.

Bargalló: Ja und nein. Es handelt sich um eine mehrsprachige Industrie. Und ohne die Veröffentlichungen in katalanischer Sprache wäre die Verlagsindustrie nicht so leistungsfähig. Der wesentliche Faktor für ihre Leistungsfähigkeit ist der lateinamerikanische Markt, immer mehr aber auch der internationale Markt im Allgemeinen. Das außergewöhnlichste Beispiel sind Les tres bessones (Die Drillinge), deren Ausgaben in zahlreichen verschiedenen Sprachen in Katalonien produziert werden.

Netzeitung.de: Was wäre Ihr Wunschergebnis des Auftritts bei der Frankfurter Buchmesse für die katalanische Kultur?

Bargalló: Ich wünschte mir, dass wäre nach Frankfurt einfacher, die katalanische Kultur im Ausland zu fördern. Unser Ziel ist es, detaillierter und besser zu erläutern, was wir als Land kulturell darstellen. Und jeder Schritt sollte es uns ermöglichen, einen nächsten, größeren zu machen.

Netzeitung.de: Und im literarischen Bereich?

Dass unsere Schriftsteller, Verleger und Literaturagenten mehr Autorenrechte verkaufen, dass mehr Werke aus dem Katalanischen übersetzt werden. Und dass uns in der Literatur dasselbe widerfährt wie in der Musik und in der Kunst: In diesen Disziplinen sind wir bereits gefragt.

Mit Bargalló sprach Montse Serra

 
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