15.12.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva (l.) und der Architekt Oscar Niemeyer in Rio de Janeiro
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das bevorzugte Material des brasilianischen Architekten Niemeyer ist Beton. Damit setzt er die schwungvolle Kurve gegen eine Architektur des rechten Winkels - seit Jahrzehnten.
Neben «Fußballkönig» Pelé ist er die wohl größte lebende Legende Brasiliens und am 15. Dezember wird er 100 Jahre alt: Der Architekt und Kommunist Oscar Niemeyer steckt noch immer voller neuer Ideen. «Samstags und sonntags arbeite ich am meisten», erzählt er in seinem Atelier an der Copacabana in Rio de Janeiro. «Alleine blättere ich einige Bücher durch, schreibe einen Text, zeichne oder denke ganz einfach über das Leben nach.»
«Das Leben ist ein Hauch», umreißt der Atheist seine Philosophie. «Der Mensch ist nichts wert, er wird geboren und stirbt. Also muss er zum Himmel sehen und fühlen, dass er klein ist, dass er bescheiden sein muss, dass nichts wichtig ist.» So spricht Niemeyer und zeichnet und entwirft gleichzeitig Projekte in aller Welt.
Im nordspanischen Avilés haben die Stadtväter gerade beschlossen, das internationale Niemeyer-Kulturzentrum bauen zu lassen: ein kurvenreiches 30-Millionen-Euro-Projekt. In Havanna wird nach seinem Entwurf ein neues Gebäude für die brasilianische Botschaft errichtet, und in Venezuelas Hauptstadt Caracas soll ein riesiges Denkmal zum Ruhme des südamerikanischen Freiheitshelden Simón Bolívar entstehen - eine schräg gen Norden gerichtete, 170 Meter lange Pfeilspitze.
Niemeyer wurde am 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro geboren. Auf seine portugiesischen, arabischen und deutschen Wurzeln ist er stolz: «Dabei sind die Schwarzen oder Indianer, die vielleicht auch noch zur Familie gehören, gar nicht berücksichtigt.» Noch als Student setzte er nach einer Skizze seines Vorbilds Le Corbusier das Ministerium für Erziehung und Gesundheit in der damaligen Hauptstadt Rio um.
Kurve statt rechter WinkelImmerhin an die 200 seiner über 500 Projekte wurden gebaut - vom UN-Gebäude in New York über riesige Wohnblocks bis hin zu politischen Skulpturen. Als Baustoff der «unbegrenzten Möglichkeiten» setzte er dabei stets auf Beton. Bereits in den 40er Jahren, sagt er, habe er eine «andere» Architektur angestrebt: «Damals war die Architektur rigide, als wäre sie mit Metallstrukturen gemacht. Der Beton hingegen legte ein neues Feld der Erfahrungen und Erfindungen nahe.»
Als Form habe sich die Kurve angeboten: «Sie ist die natürliche Lösung für Beton, wenn du einen großen Raum hast.» Der uruguayische Autor Eduardo Galeano sagt dazu augenzwinkernd: «Gegen den rechten Winkel hat Niemeyer eine Architektur gesetzt, die so leicht ist wie die Wolken, frei, sinnlich, der Berglandschaft Rios sehr ähnlich. Das sind Berge, die aussehen wie Körper liegender Frauen, von Gott an jedem Tag gezeichnet, an dem Gott dachte, er ist Niemeyer.»
Niemeyer baute eine neue HauptstadtAb 1958 verwirklichte Niemeyer mit seinem Freund Lucio Costa im Auftrag des damaligen Präsidenten Jucelino Kubitschek den Entwurf einer neuen Hauptstadt im Hinterland: Brasília. Costa war für die Stadtplanung verantwortlich, Niemeyer für die Gebäude. Der Kongress mit seinen eleganten Schalenkuppeln, zwei Präsidentenpaläste, diverse Ministerien und die Kathedrale bilden den eindrucksvollen Kernbereich des Regierungssitzes.
Die Kritik, manche seiner Gebäude seien nicht funktional genug, weist Niemeyer entschieden von sich: «Es kommt auf die Schönheit an. Wenn du nur an die Funktion denkst, kommt Mist heraus.» Die Illusion einer sozialen Utopie hingegen zerschlug sich rasch. «Während des Baus dachten wir, dass die Gesellschaft besser, die Menschen gleicher würden», erinnert er sich. «Aber nein, mit der Einweihung der Stadt kamen die Politiker, die Geschäftsleute, die Klassenunterscheide, all das, was man bis heute dort sieht.»
Architektur als VergnügenÜber seine Architektur sagt er heute: «Wie die Dichtung kann sie die Welt nicht verändern, und die Ärmsten haben nichts davon. Aber sie können innehalten, einen Moment des Vergnügens, der Überraschung haben. In der Hinsicht kann Architektur nützlich sein.» Mittlerweile quillt die Metropole auf der zentralbrasilianischen Hochebene auf die weit außerhalb angelegten Armenviertel zu. Im Kernbereich fügt Niemeyer immer neue Bauten hinzu. An seinem 99. Geburtstag wurde dort ein imposantes Kulturzentrum mit Nationalmuseum und Nationalbibliothek eingeweiht.
Sein Geheimnis der LanglebigkeitKurz zuvor hatte Niemeyer seine langjährige Sekretärin Vera Lucia Cabreira geheiratet. Seine erste Frau Anita war 2004 gestorben. Mit ihr hat er eine Tochter, fünf Enkel, 13 Urenkel und vier Ururenkel. Und das Geheimnis seiner Langlebigkeit? «Vielleicht, dass ich in allen Dingen gemäßigt bin. Ich trinke wenig, ich esse wenig. Ich streite nicht, sondern versuche, in Harmonie mit den Leuten zu leben, Ich mag die Freundschaft, ich lache gern und mache gern Witze. Und ich liebe die Frauen!» (Gerhard Dilger, epd)