Anna-Amalia-Bibliothek feierlich wiedereröffnet
24. Okt 2007 16:13
 |  Der Rokokosaal in neuem Glanz | Foto: dpa |
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Mit einem Festakt ist die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar mehr als drei Jahre nach dem verheerenden Brand wiedereröffnet worden. Bundespräsident Köhler sprach von einem «Freudentag für Kulturnation».
Rund drei Jahre nach der Brandkatastrophe in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar ist am Mittwoch das historische Stammhaus mit einem Festakt wieder für die Öffentlichkeit freigegeben worden. Dies sei «ein Freudentag für die Kulturnation», sagte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Festrede. Bund, Länder und Gemeinden forderte er zur Kurskorrektur bei der Finanzausstattung der öffentlichen Bibliotheken auf.
«Bibliotheken gehören auf die politische Tagesordnung», betonte Köhler. Nach dem Festakt wurde das historische Stammgebäude mit dem Zerschneiden eines roten Bandes offiziell wieder freigegeben. Für Besucher ist das «Zentrum für das alte Buch» mit dem sanierten Rokokosaal allerdings erst ab 1. Dezember zugänglich. Im Hauptgebäude der Bibliothek, die einst Johann Wolfgang von Goethe geleitet hatte und die seit 1998 zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, waren am 2. September 2004 rund 50.000 Bücher und 37 Kunstwerke verbrannt. Wiederaufbau und Modernisierung wurden mit 12,8 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln und Spendengeldern finanziert.
Köhler erinnerte daran, das der größte Bibliotheksbrand in der deutschen Nachkriegsgeschichte nach Trauer und Bestürzung eine großartige Hilfsbereitschaft in ganz Deutschland und weit darüber hinaus ausgelöst habe. Mit der Wiedereröffnung sei jedoch lediglich «ein erstes Etappenziel erreicht». Für den Wiederaufbau der Buchbestände brauche die Anna-Amalia-Bibliothek «weiterhin unsere Unterstützung».
Bibliotheken laut Köhler kein verzichtbarer Luxus
Die öffentlichen Bibliotheken seien weder ein verzichtbarer Luxus «noch eine Last, die wir aus der Vergangenheit mitschleppen. Sie sind ein Pfund, mit dem wir wuchern müssen», sagte Köhler. Anders als in erfolgreichen Pisa-Ländern fehle jedoch in Deutschland eine «strategische Verankerung» der Bibliotheken in der Bildungsinfrastruktur. Entsprechende Zielsetzungen gebe es weder auf der Ebene des Bundes noch in den Ländern.
Zudem sei der «bibliothekarische Alltag» in manchen Regionen von einem «regelrechten Bibliothekssterben» gekennzeichnet. An Universitäten fehlten oft die Mittel für Neubeschaffungen. In vielen alten Bibliotheken fehlten ausreichende Brandschutzanlagen. Dringenden Handlungsbedarf gebe es bei der Papierrestaurierung. Angesichts dieser Situation hoffe er auf eine Kurskorrektur in der Politik, fügte der Bundespräsident hinzu. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bekräftigte die Bereitschaft des Bundes zur stärkeren finanziellen Ausstattung der Klassik-Stiftung, zu der die Anna-Amalia-Bibliothek gehört. Mit 20 Prozent höheren Zuwendungen ab 2008 habe die Stiftung den Spielraum für «konzeptionelle Fortschritte» zur Umgestaltung des Schlosses zur «Neuen Mitte», so Köhler. Der Bund werde für dieses Vorhaben «einen entscheidenden Beitrag» leisten. Zudem sagte Naumann dem Goethe- und Schiller-Archiv für die Restaurierung des Briefwechsels zwischen Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller 220.000 Euro zu.
«Ein heller Tag nach schwarzer Nacht»
Direktor Michael Knoche hatte vor der Zeremonie erklärt, die Wiedereröffnung sei «ein heller Tag nach schwarzer Nacht». Es sei eine Bibliothek entstanden, wie er sie sich seit seinem Amtsantritt 1991 «immer vorgestellt» habe. Nach den 2005 eröffneten Erweiterungsbauten mit Tiefenmagazin und Studienzentrum gehört dazu nunmehr auch der repräsentative Ort für die wertvollsten Bestände. Der Brand habe den Charakter der längst geplanten Sanierung deutlich verändert, berichtet Knoche. Nach 67 Stunden Löscharbeiten mit 380.000 Litern Wasser und Chemikalien kamen mit der Gebäudetrocknung und damit verbundenen statischen Problemen neue Herausforderungen hinzu. So musste die gesamte Holzverkleidung des Rokokosaales angehoben werden, um die Deckenbalken mit Hausschwamm durch Stahlträger ersetzen zu können. «Für ein Schadensbild dieses Umfanges gab es keine Erfahrungen, die wir hätten abrufen können», beschreibt der leitende Architekt des Wiederaufbaus, Walther Grunwald, die Ausgangssituation.
Zugleich wurden von den beteiligten Gutachtern, Bauphysikern, Statikern, Lüftungsingenieuren, Holzschützern, Farbrestauratoren und Stuckexperten erste Pläne für eine Neugestaltung des zerstörten Dachgeschosses diskutiert. Die ersten Wochen seien «zwischen blankem Entsetzen über das Geschehene und den befreiendsten Ideen des Möglichen dahingerast», erinnert sich Grunwald.
Illusionistische Deckenmalerei
Die Vision eines teilverglasten Daches über dem zu restaurierenden Büchersaal brachte es jedoch nur bis zum Studienmodell. Mit den Vorgaben der Denkmalpflege vom November 2004 war klar, dass auf der zweiten Galerie des Rokokosaales ein Sonderlesesaal für historische Bestände und im Mansarddach darüber die Haustechnik eingerichtet werden. Zu den wenigen noch sichtbaren Spuren der Brandnacht gehört die teilweise verkohlte Balustrade am Deckenauge.Das einst darüber angebrachte und verbrannte Gemälde «Genius des Ruhms» wurde als illusionistische Malerei direkt auf der Decke rekonstruiert. Die Täuschung beim Blick aus dem Saal nach oben ist perfekt. Doch insgesamt ist das sanierte Stammgebäude trotz akribischer Detailtreue vom Außenputz über das gebläute Weiß des Rokokosaals mit bronzierten Verzierungen bis zu den Wandleuchtern ein moderner Bau des 21. Jahrhunderts.
Dichter Wassernebel bei Alarm
Hinter und über den Regalen verbirgt sich auf 461 Quadratametern Hightech für insgesamt 2,8 Millionen Euro. Herzstück ist neben der Videoüberwachung die Brandschutzanlage, die bei Alarm dichten Wassernebel versprühen und so eine Katastrophe wie vor drei Jahren verhindern soll. Das erste System dieser Art in einer deutschen Bibliothek reagiert nach Angaben des Herstellers aus dem thüringischen Rudolstadt selbst auf kleinste Mengen von Rauch und gefährlichen Gasen. Im Ernstfall soll der Nebel selbst schwer zugängliche Stellen erreichen und damit Wasserschäden deutlich verringern. Trotz hoher Verluste in der Brandnacht sei der Kern der Sammlung «unverwundet» geblieben, betonte Knoche. Und ganz persönlich empfinde er diesen Tag «wie das Erwachen aus einem schrecklichen Alptraum». (epd)