netzeitung.deDas Pathos der Trauer

 Herausgeber: netzeitung.de

Tänzer in 'Medea' an der Berliner Staatsoper unter den Linden (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Tänzer in 'Medea' an der Berliner Staatsoper unter den Linden
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

Verstörende Töne und expressive Gesten: Die Choreografin Sasha Waltz hat aus Pascal Dusapins Oper «Medeamaterial» ein neues Gesamtkunstwerk geschaffen.

Ein Orgelton, elektronisch zum Sirren gebracht, irritiert die Besucher, noch bevor sich der Vorhang hebt. Der penetrante Ton bohrt sich ins Ohr, schwillt sogar noch weiter an, als der blutrote Vorhang, der in den Orchestergraben hineinreicht, in sich zusammenfällt. Tänzer, ineinander verhakt, rollen sich über die Bühne, bilden einen Kreis, der schließlich aufbricht. In der Mitte die Leere, das Nichts.

Um Verlust, Schmerz und grausame Rache geht es in «Medea», der zweiten Opern-Choreografie von Sasha Waltz, die nach der Uraufführung am Grand Théâtre de Luxembourg nun an der Berliner Staatsoper unter den Linden Premiere hatte. Eine Inszenierung, die Grenzen überschreitet: Pascal Dusapins 1991 entstandene Oper «Medeamaterial» nach der Textvorlage von Heiner Müller wird durch Sasha Waltz und ihre Tanzcompagnie noch einmal neu gedeutet.

Die Zauberin Medea - gesungen von der Sopranistin Caroline Stein, die ihre schwierige Rolle glänzend meistert - reflektiert in einem inneren Monolog ihre schier ausweglose Lage. Von ihrem Mann Jason verlassen, hat sie alles verloren. Mit Jason floh sie aus ihrer Heimat Kolchis, nachdem sie ihm das begehrte Goldene Vlies verschafft hatte. Ihren Bruder, der bei der Flucht starb, zerstückelte sie und warf ihn ins Meer. In Korinth zeigt sich Jason schließlich als kühler Opportunist: Er verstößt seine Frau, um sich mit der Königstochter Glauke zu vermählen. Medea, die sich für Jason völlig aufgegeben hat, muss weichen, die gemeinsamen Kinder sollen beim Vater bleiben. In ihrem grenzenlosen Schmerz sinnt sie auf Rache.

Mit ihren Erinnerungen ist Medea später ganz allein: Jason und ihre Amme sind fern, ihre Stimmen kommen nur vom Band. Nicht nur die Sänger des Vocalconsort Berlin, auch die Tänzer nehmen die Rolle des antiken Chors ein: Sie kommentieren das Geschehen durch ihre Gesten. Ein steingrauer antiker Fries erwacht auf einmal zum Leben. Die Figuren lösen sich aus ihrer Erstarrung und finden zueinander, um sich dann wieder voneinander zu lösen. Harmonie, Ruhe und Innigkeit drückt dieser Tanz trotz der sachten Bewegungen allerdings nicht aus. In bildlichen Darstellungen aus Antike und Renaissance hatte der Kunsthistoriker Aby Warburg einst Pathosformeln erkannt, eine Visualisierung von Leid und Affekten, dem klassizistischen Ideal Winckelmanns von «edler Einfalt und stiller Größe» entgegengesetzt. Diese Pathosformeln hat Sasha Waltz nun für die Gegenwart wiederentdeckt.

Blutrot wie der Bühnenvorhang färbt sich Glaukes Gewand, ein Geschenk Medeas zu ihrer Hochzeit mit Jason. Das kostbare Gewebe ist mit Gift durchsetzt, das der jungen Frau einen qualvollen Tod bringt. Aus dem anonymen Kollektiv der Tänzer haben sich die Individuen geschält, die mit Medeas Schicksal besonders eng verbunden sind. Intensiv erinnert sie auch den Abschied von ihren Kindern, die ebenfalls durch sie sterben. Waltz' Choreografie sorgt für neue Zäsuren in Dusapins Partitur, das Kontinuum der Musik wird mehrfach durchbrochen.

Je weiter die Tragödie fortschreitet, desto mehr verliert Medea ihre innere Einheit. Ihre Stimme, die Schreien ähnelnde Spitzentöne erreicht, teilt sich in vier weitere Stimmen aus dem Chor auf. Eine Aufspaltung der Persönlichkeit, die Waltz bereits in «Dido & Aeneas» vollzogen hat: In der Choreografie nach Purcells berühmter Barockoper wurden den Protagonisten mehrere Tänzer zur Seite gestellt.

Auch Dido wird von ihrem Mann verlassen. Wie Medea löst sich die Königin von Karthago in Trauer auf statt zu sterben - so interpretiert Pascal Dusapin, ein Meisterschüler von Iannis Xenakis, die Vorlagen. Die verstörende, teils sogar als roh empfundene Musik wird von der Akademie für Alte Musik Berlin unter Leitung von Marcus Creed auf historischen Instrumenten aufgeführt, begleitet vom Vocalconsort Berlin. Dusapin hatte «Medeamaterial» im Auftrag der Brüsseler Oper La Monnaie komponiert, die das Stück gemeinsam mit «Dido & Aeneas» aufführen wollte. So ist eine geniale Synthese aus antikem Stoff und Literatur der Gegenwart, Neuer Musik und Barockklang entstanden. (Corina Kolbe)

Weitere Vorstellungen von «Medea» in der Staatsoper unter den Linden am 20., 22. und 23. September