Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Reden ist Silber, Nuckeln ist Gold

31. Jul 2007 14:37
Sie kann über die Welt noch staunen.
Bild vergrößern
Was es bedeutet, dass Maggie die Worte fehlen. In seinem Buchbeitrag für «Die Simpsons und die Philosophie» hat sich Eric Bronson des schnullerbewehrten Schweigens angenommen. Ein Auszug.

Niemand hat einen Gedanken an Maggie Simpson verschwendet. Wieso auch? Nachdem der dämonische Mr. Burns, dieser böse, alte Besitzer des Atomkraftwerks, seinen teuflischen Plan ausgeheckt und endlich herausbekommen hatte, wie man die Sonne daran hindern könnte, weiter auf das unschuldige Springfield zu scheinen, hatten alle ein plausibles Motiv, ihn zu erschießen. Die verschlagen dreinblickenden Erwachsenen hatten allesamt zweifelhafte Alibis, und die Schulkinder zeigten schnell mit dem Finger aufeinander. Schließlich ging es Mr. Burns besser, und er konnte die Dinge selbst klarstellen: Es war die kleine Maggie Simpson, die aus geringer Entfernung den Abzug betätigte und damit den alten Mann fast umgebracht hätte. («Wer erschoss Mr. Burns? Teil 2», 126).

Mehr in der Netzeitung:
Das Kind, das noch nicht einmal laufen kann, hat seinen Lutscher davor bewahrt, in fremde, gierige Hände zu fallen. War es Notwehr? Oder ein Unfall? Konnte sie bewusst ein solches Verbrechen begehen? Die Kamera richtet ihren Zoom auf Maggies Mund, ihr Schnuller verhindert jede Artikulation oder Erklärung, und der Nachspann läuft an. Wir werden nie eine Antwort erhalten, es sei denn, Maggies Stammeln selbst ist die Antwort, die wir suchen.

Die westliche Welt hat seit langem eine besondere Beziehung zum gesprochenen Wort. Schon seit Sokrates hat die westliche Philosophie immer Diskussion und Argumentation als den Weg zu höherer Weisheit gepriesen. Für Sokrates ist es nicht ausreichend, ungestützte Argumente einfach nur zurückzuweisen. Vielmehr müssen Worte sorgfältig gewählt und gesprochen werden, auf dass das Licht der Vernunft kräftiger leuchte. Sokrates vergleicht die Philosophie oft mit der Musik wegen beider Fähigkeit, die Seelen der Hörer zu verwandeln. Wohldurchdachte Gedanken, mit gewählten Worten vorgetragen, können uns so tief berühren wie eine Sinfonie oder ein treibender Trommelrhythmus.

Maggie und Wittgenstein

Maggie Simpson besitzt kein Vokabular und kann nicht sprechen. Im 20. Jahrhundert haben sich Philosophen, die über die Stellung des Menschen im Universum nachdachten, erneut dem Verhältnis von Worten und Denken zugewandt. Wie denken wir, wenn nicht in Worten? Ludwig Wittgenstein lehrt uns: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» (Tractatus 5,6) Für uns, die wir das Glück der freien Rede haben, sind Worte unumstößlich mit Gedanken verbunden. Was soll ich zum Frühstück essen? Soll ich heute zum Unterricht gehen? Wieso benimmt er sich so blöd? Solche Fragen werden ständig formuliert, diskutiert und abgewogen. Unser gesamter Denkprozess scheint aufs intimste mit einem nie versiegenden Strom von Worten verbunden.

Was aber würde passieren, wenn die Worte wegfielen? Welches Werkzeug hätten wir dann, um auch nur die geringste Entscheidung zu fällen? Was kommt zuerst, die Sprache oder die Gedanken? In «Der vermisste Halbbruder?» (60) erfindet Homers Bruder, in der Gestalt von Danny De Vito, ein Gerät, um Babysprache zu übersetzen. Damit möchte er zeigen, dass Maggie zu ganz alltäglichen Gedanken fähig ist, auch wenn sie sie nicht sprachlich ausdrücken kann. Natürlich sind ihre Vorstellungen nicht besonders tiefsinnig (einer ihrer Gedanken dreht sich darum, dass sie Hundefutter essen will), doch zumindest macht die Übersetzungsmaschine Homers Bruder reich. Und das zu Recht. Denn eine solche Maschine würde so manch philosophisches Problem über den Ursprung von Sprache und ihre Verbindung zum Denkprozess lösen.

Maggie und Sartre

«Die Wörter» ist der Titel der Autobiographie des französischen Existenzialisten Jean-Paul Sartre. Nach Sartre ist das Leben eines Menschen durch die Interaktion mit anderen Menschen charakterisiert, und diese Interaktion basiert zum Großteil auf Worten. Um also Sartre oder jeden anderen Menschen zu verstehen, muss man die Worte untersuchen. In «Der Idiot der Familie», einer fünfbändigen, mehr als dreitausend Seiten umfassenden Untersuchung über das Leben und die Zeit des französischen Romanciers Gustave Flaubert, zeigt Sartre uns, was passiert, wenn einem die Worte geraubt werden. Flauberts Erziehung war laut Sartre durch Sprachlosigkeit und Idiotie charakterisiert. Flaubert hat als Kind erst recht spät mit dem Sprechen begonnen. Außerdem hinderte ihn ein Sprachfehler lange daran, seine mentale Kindheit zu überwinden. Dazu Sartre: «Stundenlang saß er, den Finger im Mund, mit einem fast blöden Gesichtsausdruck da; dieses stille Kind, das kaum reagiert, wenn man es anspricht, empfindet weniger als ein anderes das Bedürfnis zu sprechen: die Wörter kommen ihm sozusagen nicht; noch hat es Lust, sie zu benutzen.»

Mehr im Internet:
Menschen, so Sartre, werden erst durch Sprache in die Gesellschaft integriert. Schon seit seinem sechsten Lebensjahr war Flaubert wegen seines Sprachfehlers einem Meer der Isolation ausgesetzt, das ihn daran hinderte, seine kindlichen Gefühle und Ängste auszudrücken. Sartre behauptet nicht, dass Flaubert ein Idiot war; wir wissen ja, dass er Madame Bovary schrieb. Doch sein dem Schreiben gewidmetes Leben kann als verzweifelter Versuch gewertet werden, die Unzulänglichkeiten der Kindheit zu überwinden.

Nach Sartre entsteht unser Selbstwertgefühl durch die Worte der anderen. Natürlich spielen hier die uns am nächsten Stehenden die größte Rolle, und so wurde, wie bei den meisten Kindern, auch bei Flaubert die Verbindung zur Welt durch die Eltern etabliert. An der Oberfläche war dies wohl eine liebevolle Beziehung, doch nach Sartre braucht ein heranwachsendes Kind mehr. Es muss erfahren, dass seine Existenz richtig und wichtig ist. Seine Vorhaben, wie unbedeutend auch immer, müssen gefördert und gelobt werden, kritisiert und wertgeschätzt durch den liebevollen Gebrauch von Sprache. Diese bietet dem Kind ein Geländer, an dem es sich festhalten kann, in dem Wissen, dass es im Universum nicht allein ist.

Maggie und Flauberts Mutter

Obgleich Springfield nur ein schwacher Abglanz der französischen Provinz ist (wie Bart anlässlich seines unglücklichen Schüleraustauschs in «Tauschgeschäfte und Spione», 11, feststellt), so weist doch Maggies Erziehung manche Ähnlichkeit mit der Flauberts auf. Sartre berichtet, wie sich Flauberts Mutter um den Körper des Jungen kümmerte, sich jedoch nie die Zeit nahm, auf seine inneren Bedürfnisse zu achten. Madame Flaubert wird als eine Mutter geschildert, die ihre Kinder liebt, «wenn auch nicht zärtlich».

Die Philosophie des Gelben
Bild vergrößern
Wie wird Maggie von ihrer Mutter geliebt? Eine eindeutige Antwort darauf ist nicht möglich. Wohl scheint es, dass Marge Simpson eine tiefe Liebe für ihre jüngste Tochter empfindet, aber wie bei Madame Flaubert ist ihre Liebe eher praktischer Natur und umfasst kaum mehr als Füttern, Waschen, Anziehen und Ins-Bett-Bringen. Manchmal hat man den Eindruck, als würde Mutter Marge ihren Staubsauger mit der gleichen Sorgfalt behandeln, die sie auf ihre Kinder verwendet. In der wöchentlichen Eröffnungssequenz wird Maggie aus dem Einkaufswagen gehoben und von dem Kassierer wie die anderen Artikel eingescannt. Und Marge ist erleichtert, als sie entdeckt, dass ihr Jüngstes nicht verloren gegangen, sondern sicher in einer der vielen Einkaufstüten gelandet ist.

zu Teil 2
 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Anschlagsserie mit Dutzenden Toten: 
13-Jährige sprengt sich im Irak in die Luft
Nach dem Tod von acht Zivilisten: 
Syrien kritisiert «Aggression» der US-Armee
 
Krümmungswinkel egal: 
Freiheit für die EU-Gurke
Nach Ende des Kaukasus-Kriegs: 
EU will Russland nicht mehr ausgrenzen
 
Koalition einigt sich bei Online-Durchsuchung: 
BKA-Trojaner erhält Verfallsdatum
Trauerfeier zu Afghanistan-Soldaten: 
Jung würdigt Verdienste «gefallener Soldaten»
 
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.