Lieber Ingeborg-Bachmann-Preis...
02.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
seitdem Du gestern mit mir Schluß gemacht hast, kann ich an nichts anderes denken. Immer wieder gehen mir Deine letzten Worte durch den Kopf, und ich suche nach Hinweisen, ob ich Dich vielleicht nur falsch verstanden habe und es noch Hoffnung gibt. Ich weiß nicht, ob Du diesen Brief überhaupt lesen wirst, aber ich kann einfach noch nicht normal weitermachen, deshalb schreibe ich Dir. Ich habe Dir natürlich in den letzten Jahren schon viel zu oft geschrieben, und Du hast mir fast nie geantwortet, aber ich kann Dich nicht vergessen.
Auch Deine Macke, daß uns ständig alle im Fernsehen zusehen sollten - wenn man sich wirklich liebt, sind das Kleinigkeiten und es gibt nunmal keine perfekte Beziehung. Nicht einmal, als ich gehört habe, daß Du schon öfter etwas mit Frauen hattest, hat mich das abgeschreckt. Ich kann das nicht erklären, anscheinend sprichst Du ein tiefes Bedürfnis in mir an, das ist mir noch mit keinem anderen Preis so gegangen. Wobei ich natürlich auch noch nicht viele hatte. Normalerweise müßten uns ja Welten trennen, weil Du aus dem Westen bist und keine Ahnung von meinem Leben hast, aber bei Dir spielt das für mich plötzlich keine Rolle mehr. Ist das wieder meine alte Schwäche für dominante Preise?
Warum kann ich mich nicht in einen Preis verlieben, der mich will? Wenn ich einen Preis nicht bekomme, zweifle ich immer am Grad seiner Selbsterkenntnis. Meine Mutter hat mich gleich vor Dir gewarnt, ich würde einen Preis brauchen, der weiß, was er will und mich unterstützt, und keinen, der die Männer gegeneinander ausspielt. Habe ich Dich mit meinen Gefühlen unter Druck gesetzt? Kannst Du mit Zuneigung nicht umgehen?
Stimmt es denn wirklich, was alle sagen, daß man Preise schlecht behandeln muß, damit sie einen attraktiv finden? Und ich habe für Dich meine Hemden gebügelt und mir einen Bart stehen lassen! Ich war ja am Ende gar nicht mehr ich selbst.
Ich hoffe, es gelingt mir, Dich irgendwann zu vergessen. Man muß loslassen können. Ich habe schon Deine Geschenke weggeworfen, damit sie mich nicht ständig an Dich erinnern:
Den schönen Aufkleber von Klagenfurt, den Klagenfurt-Altstadtwandern-Prospekt, den Klagenfurt-Museumswandern-Prospekt, den Klagenfurt-Literaturwandern-Prospekt und den Klagenfurt-Schloßwandern-Prospekt. Sogar von Dieter Jandls historischem Überblick «Klagenfurt Von der Siedlung an der Furt zur Wissensstadt» habe ich mich schweren Herzens getrennt.
Du kannst Dir nicht vorstellen, wie traurig es ist, meiner Tochter vorspielen zu müssen, es ginge mir gut. Sie ist noch ein Kind und weiß nicht, was in mir vorgeht. Ich hoffe, sie verliebt sich nie in einen Preis wie Dich. «Ich muß dir mal was ins Ohr flüstern», hat sie zu mir gesagt, nachdem Du gegangen warst: «Hast du geweint?» Da mußte ich wirklich fast weinen. Schamlos, wie die Sonne schien.
Lieber Ingeborg-Bachmann-Preis, ich wünsche Dir das Beste mit Deinen vier Männern, ich hoffe, sie behandeln Dich, wie ich Dich behandelt hätte. Du bist ein faszinierender Preis, und es wird schwer für mich, noch einmal einen anderen Preis zu wollen.
Dein Jochen Schmidt
Jochen Schmidt wurde 1970 in Berlin geboren. Er verfasste einen Roman («Müller haut uns raus») sowie Erzählungen, die teilweise in dem Band «Triumpfgemüse» versammelt sind. Im Herbst erscheint ein neuer Erzählungband von ihm bei C.H Beck: «Meine wichtigsten Körperfunktionen». Schmidt ist Mitglied bei der Berliner Lesebühnevereinigung «Chaussee der Enthusiasten». Er las das erste Mal in Klagenfurt.

