10.06.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Er küsste und er schlug sie
Aggressionen und Psychoterror: Rainer Werner Fassbinder galt als künstlerisches Genie, aber auch als «Ekelpaket». Vor 25 Jahren starb einer der einflussreichsten deutschen Regisseure.
Es war ein Leben wie im Film oder wie in einem Rausch und nach 37 Jahren war es schon zu Ende. Aber Rainer Werner Fassbinder, als «Wunderkind» oder als «enfant terrible» gepriesen und gescholten, ist nicht vergessen und kommt auch nicht zur Ruhe. Pünktlich zu seinem 25. Todestag ist ein heftiger «Familienstreit» darüber entbrannt, wie der künstlerische Nachlass des wohl nicht nur nach Ansicht der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bedeutendsten und einflussreichsten Filmemachers der deutschen Nachkriegsgeschichte zu pflegen ist.
Unter dem Motto «Wem gehört Fassbinder?» liegen sich frühere Weggefährten um Ingrid Caven und die Fassbinder Foundation mit Juliane Lorenz an der Spitze öffentlich so heftig in den Haaren, das man meint, da wird ein neuer Fassbinder-Film über verschmähte Liebe, Hass und Begehren gedreht - sozusagen die Fortsetzung seines Films «Ich will doch nur, dass ihr mich liebt» von 1975.
Abhängigkeitsverhältnisse und LiebesentzugDer Streit - für Lorenz gibt es keinen, weil die rechtlichen Ansprüche «immer eindeutig feststanden» - hat etwas Surreales, wenn man sich die Intrigen und Eifersüchteleien in der «Filmfamilie» zu Fassbinders Lebzeiten in Erinnerung ruft. Der Regisseur schuf wahre Abhängigkeitsverhältnisse mit Liebesentzug, Schmeicheleien und Bestrafung, wo Beruf und Privatleben nicht mehr zu trennen waren, wenn man den späteren Berichten mancher Weggefährten Glauben schenken soll.
«Er, der gewöhnt war, sich alle leicht unterwerfen zu können, reagierte mit Aggression, Zornesausbrüchen und Wutanfällen, die uns allesamt zuteil und immer unberechenbarer wurden», erinnert sich Kurt Raab in dem zusammen mit Karsten Peters verfassten, 1982 erschienenen Buch «Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder». Darin geht es zum Beispiel um jene Zeit, als der homosexuelle Regisseur für den Schauspieler Günther Kaufmann mehr als nur berufliches Interesse entwickelte, was das ganze Team zu spüren bekam.
Frühes Ende eines «Marathonlebens»«Er küsste sie und er schlug sie auch», um es im übertragenen Sinne in Anlehnung an einen Filmtitel der französischen Nouvelle Vague, die Fassbinder sehr beeinflusst hat, auszudrücken. Psychoterror gehörte dazu. Aber wenn Fassbinder mit seinem Team «Mensch ärgere dich» spielte und verlor, konnte er wütend wie ein Kind werden.
Fassbinder war ein künstlerisches Genie und ein persönliches, liebesbedürftiges «Ekelpaket». «Das Wunderbare an diesem Widerling war: Er machte mit seiner Angst den anderen Mut», sagte der Kollege Hark Bohm einmal. Nach einem «Marathonleben» mit über 40 Spielfilmen in nur 13 Jahren mit Riesen-Produktionen wie (dem jetzt in einer restaurierten Filmfassung vorliegenden) «Berlin Alexanderplatz», noch mehr Drehbüchern, dazu Fernsehserien («Acht Stunden sind kein Tag») und Theaterstücken («Der Müll, die Stadt und der Tod»), starb Fassbinder vor 25 Jahren am 10. Juni 1982 im Alter von nur 37 Jahren an Herzversagen.
«Viele Filme machen, damit mein Leben zum Film wird» war ein Motto des in Bad Wörishofen geborenen Regisseurs, der in nur wenigen Jahren quasi am Fließband Filmgeschichte geschrieben hat und damit, wie Caven zum 25. Todestag betont, zum international vielleicht immer noch bedeutendsten deutschen Regisseur geworden ist.
40 Filme in nur 13 JahrenNeben dem 15 Stunden langen Filmepos «Berlin Alexanderplatz» mit Günter Lamprecht nach Alfred Döblin drehte er ebenso einfühlsame wie Kälteschauer erzeugende Filme über Lebenshunger, Gefühlsarmut, Scheitern und Alleinsein wie «Katzelmacher», «Liebe ist kälter als der Tod», «Händler der vier Jahreszeiten», «Die bitteren Tränen der Petra von Kant», «Angst essen Seele auf» (mit Brigitte Mira) sowie «Die Ehe der Maria Braun» und «Lili Marleen», beide mit Hanna Schygulla.
Mit ihr hatte Fassbinder sich auch starke Hoffnungen auf einen Goldenen Bären der Berlinale gemacht mit seiner Fontane-Verfilmung «Effi Briest» 1974. Dass es nicht so kam, hat den Regisseur sichtlich getroffen, hatte er doch den Anspruch erhoben, dass ihm nach Gustaf Gründgens («Der Schritt vom Wege» mit Marianne Hoppe) eine der anspruchsvollsten Verfilmungen der Ehebruch-Geschichte gelungen sei.
Die Genugtuung kam erst wenige Monate vor seinem Tod, als Fassbinder für «Die Sehnsucht der Veronika Voss» über eine drogenabhängige Ufa-Schauspielerin (mit Rosel Zech, Hilmar Thate, Cornelia Froboess, Armin Mueller-Stahl; Kamera Xaver Schwarzenberger, Musik Peer Raben) 1982 die ersehnte Auszeichnung im Berliner Zoo- Palast in Händen halten konnte. Am Anfang des Films, als Veronika Voss sich im Kino einen ihrer alten Filme ansieht, sitzt im Publikum schräg hinter ihr Fassbinder - es war sein letzter Auftritt in einem eigenen Film.
Die Ausbeutbarkeit von GefühlenSchwule Obsessionen verarbeitete Fassbinder in seinem letzten, in den Berlin-Spandauer Ateliers gedrehten Film als Regisseur mit der Jean-Genet-Adaption «Querelle», für ihn war es nach eigenem Bekunden sein wichtigster Film. Aber jeder Regisseur mache sowieso immer denselben Film, sagte Fassbinder als 35-Jähriger. «Bei mir geht es um die Ausbeutbarkeit von Gefühlen, von wem auch immer sie ausgebeutet werden. Das endet nie.»
Und was die Schwulen betrifft: «Sie sind böse auf mich, weil sie immer denken, sie wären etwas Besonderes...Sie wollen unnormal sein. Das ist idiotisch.» Fassbinders einziger Traum war mit 35, «mit James Dean, der Monroe oder Marlene Dietrich - wie sie vor 30 Jahren war - zu arbeiten». (Wilfried Mommert/dpa)