Nicht nur als Interpret zeitgenössischer Musik hat sich der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard international einen Namen gemacht. Der profunde Kenner des Werks von Pierre Boulez, eines der größten noch lebenden Komponisten, verfügt auch über ein breites traditionelles Repertoire - unter anderem spielte er mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt alle Klavierkonzerte von Beethoven ein.
Mit Erklärungen und Musikbeispielen vor den einzelnen Konzertteilen demonstrierten Aimard und Stefanovich dem Publikum, wie sehr sich Boulez in seinen experimentellen Kompositionen von traditionellen Hörgewohnheiten entfernt hat. Nur aufmerksame, konzentrierte Zuhörer könnten sich die kulturelle Dimension von Musik erschließen, meinte der 1957 in Lyon geborene Musiker, der 18 Jahre lang in Pierre Boulez' Ensemble Intercontemporain musiziert hat, im Gespräch mit der Netzeitung. Ein Konzert sei ein Zusammenspiel von Interpret und Publikum, sagte Stefanovich, die nach ihrem Studium in Belgrad und am Curtis Institute of Music in Philadelphia nach Köln ging, wo sie an der Musikhochschule ihr Konzertexamen bei Aimard ablegte. Netzeitung: Das Klavier-Festival Ruhr hat Pierre Boulez zu seinem 80. Geburtstag geehrt. In einem «Marathon-Konzert» haben Sie in Duisburg seine Solo-Klavierkompositionen aufgeführt. Welche Bedeutung haben sie in Boulez’ Gesamtwerk? Pierre-Laurent Aimard: Das Klavier ist für Boulez das wichtigste Instrument, und er hat es immer auf sehr kreative Art und Weise gespielt. Es war ganz natürlich, dass er sich als junger Komponist zunächst auf dieses Instrument konzentrierte. Von 1945 bis in die 60er Jahre hinein schrieb Boulez viele Klavierwerke. Dann wurde er ein fabelhafter Dirigent und hat vor allem für Orchester komponiert, bevor er in den 90er Jahren zu seinem Urinstrument zurückkehrte. Durch seine Erfahrungen hat sich seine Kompositionsweise für Klavier sehr geändert. Netzeitung: Beim Klavier-Festival haben Sie unter anderem «Douze Notations» von 1945 gespielt, die Boulez später für Orchester umgeschrieben hat. Wie bewerten Sie die Entwicklung dieses Werks? Pierre-Laurent Aimard: Die «Notations» waren ein Jugendstück, das Boulez mit 20 Jahren komponierte und nicht veröffentlichen wollte. Betrachtet man seine «Première Sonate», die lange als sein erstes Klavierwerk galt, versteht man auch warum: Sein Stil ist viel reiner und radikaler geworden. Erst in den 80er Jahren führte ein Pianist erstmals die «Notations» auf – wahrscheinlich war er zufällig an eine Partitur gekommen, die Boulez als junger Mann verschenkt hatte. Der Komponist musste das wohl oder übel akzeptieren - und hat das Stück meisterhaft für Orchester weiterkomponiert. Die ursprüngliche Fassung wurde dann als Zeugnis für sein frühes Schaffen aufgeführt. Netzeitung: Frau Stefanovich, was verbindet Sie mit Pierre Boulez? Tamara Stefanovich: Ich bin an der Musikhochschule Köln eigentlich eher durch Zufall zur Neuen Musik gekommen, über ein Seminar von Pierre-Laurent Aimard über Boulez’ «Structures». Ich fand diese Musik sehr fremdartig und zugleich so spannend, dass ich mich weiter mit ihr beschäftigt habe. Inzwischen ist Boulez einer meiner Lieblingskomponisten. Ich bin aber nicht nur auf ihn festgelegt. Netzeitung: Herr Aimard, als Sie Pierre Boulez kennen lernten, waren Sie noch sehr jung. Welche Erfahrungen hatten Sie bis dahin mit zeitgenössischer Musik gemacht? Sie hatten ja bei Olivier Messiaen studiert, der auch Boulez sehr beeinflusst hat… Pierre-Laurent Aimard: Ich war schon sehr mit Neuer Musik vertraut, als mich Boulez 1977 als Gründungsmitglied in sein Ensemble Intercontemporain berief. Bereits mit acht oder neun Jahren hatte ich Konzerte mit zeitgenössischer Musik gehört und Stücke von Stockhausen eingeübt. Boulez’ Erste Sonate habe ich mit 18 regelmäßig in Konzerten gespielt. Als Künstler hat Boulez für mich eine zentrale Bedeutung gehabt. Ich weiß nicht, ob ich damals ein Fanatiker war – aber sicher war ich nicht weit davon entfernt (lacht). Vielleicht ein Fanatiker mit kritischer Distanz, um meine Seele nicht zu verlieren. Netzeitung: Wie waren die Anfänge des Ensemble Intercontemporain, es herrschte damals sicherlich große Aufbruchstimmung? Pierre-Laurent Aimard: Es war eine fabelhafte Zeit, weil Boulez uns alle intensiv förderte. Er vermittelte uns die musikalischen Grundlagen, die eine Gruppe für ein gemeinsames Musizieren braucht. Durch ihn lernten wir die meisten Stilrichtungen in der Neuen Musik kennen. Die 70er Jahre waren viel interessanter als die heutige Zeit. Die Menschen waren mutiger und risikobereiter, allerdings auch weniger «politisch korrekt» als jetzt. Als Künstler hatte man große Freiheiten. Netzeitung: Haben Sie nie befürchtet, dass ein so großes Vorbild wie Boulez Sie bei der Suche nach eigenen Ausdrucksformen einschränken könnte? Pierre-Laurent Aimard: Wenn Sie einer starken Persönlichkeit zu nahe stehen, kann es sicherlich gefährlich werden. Um einen eigenen Weg zu finden und unabhängig zu werden, muss man sich auch von Vorbildern lösen können. Boulez’ Schaffen ist für mich immer unvergleichlich gewesen. Dennoch habe ich bei der Arbeit mit ihm versucht, meine eigene Persönlichkeit zu finden. Wenn man einen großen Meister nur imitiert, macht man sich zum Sklaven. Netzeitung: In der ersten Zeit als Solopianist beim Ensemble Intercontemporain waren Sie nicht ständig dort tätig. Half Ihnen das, Distanz zu wahren? Pierre-Laurent Aimard: Ich habe von Anfang an klare Bedingungen gestellt, um mir meine Freiheit zu bewahren. Ich wollte mich hundertprozentig einbringen, aber nur mit einem Teilzeitvertrag. So konnte ich mit 20 Jahren meine Ausbildung in verschiedene Richtungen fortsetzen. Ich beschäftigte mich auch mit älterer Musik und dem Lied und gab Solokonzerte. Heutzutage werden junge Künstler oft zu rasch vermarktet und sind dann spätestens in ein paar Jahren völlig uninteressant. Damit sich Talente gut entwickeln können, müssen sie besser geschützt werden. Netzeitung: Sie sind beide schon öfter miteinander aufgetreten. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit über die Jahre entwickelt? Tamara Stefanovich: Seit meinem Studium in Köln ist Pierre-Laurent Aimard wegen seiner großen Erfahrung und seines Könnens ein Vorbild für mich. Unsere Lehrer-Schüler-Beziehung hat sich zu einem Zusammenspiel weiterentwickelt. Er bleibt eine Autorität, zugleich ist unser Verhältnis aber auch sehr locker. Netzeitung: Wann wird aus einem Schüler ein eigenständiger Künstler? Tamara Stefanovich: Ich glaube, man sollte nie aufhören zu lernen. Als ich jung war, wollte ich sehr schnell mit dem Studium fertig werden. Mit 13 Jahren fing ich in Belgrad an zu studieren, mit 17 hatte ich bereits mein Diplom in der Tasche. Dann ging ich für drei Jahre in die USA und von dort aus nach Köln. Erst nach und nach wurde mir bewusst, wie viel es noch zu lernen gibt… Pierre-Laurent Aimard: Es gibt keine feste Regel – jeder kann sich zu jeder Zeit als Künstler finden. Tamara Stefanovich hat die Geduld und Intelligenz besessen, nicht zu früh an Wettbewerben teilzunehmen und keine raschen Erfolge zu suchen. Sie hat sich genug Zeit genommen, um ein breites eigenes Repertoire zu schaffen. Netzeitung: Kommen wir noch einmal zur Neuen Musik. Sie spielen nicht nur für ein Fachpublikum. Manche Zuhörer haben sicherlich immer noch Schwierigkeiten, Zugang zu Stücken von Boulez, Ligeti oder Stockhausen zu finden… Pierre-Laurent Aimard: Wir leben heute in einer Art Turm von Babel. Es gibt keine kollektive Sprache mehr wie in der Zeit von Mozart, der die gleiche Sprache sprach wie etwa der frühe Beethoven oder Haydn. Die heutigen Zuhörer müssen viele neue Sprachen lernen. Manche Missverständnisse können wir Interpreten der Neuen Musik durch Erklärungen vermeiden. Bei Konzerten gebe ich kurze Einführungen zu den Stücken, auch um die Neugier des Publikums zu wecken. Netzeitung: Wie viel an Erklärung braucht Neue Musik, um verstanden zu werden? Pierre-Laurent Aimard: Der Interpret ist ein Dolmetscher, der auf viele Arten mit den Zuhörern kommunizieren kann. Ein Künstler sollte sich immer fragen, welches Repertoire er dem Publikum nahe bringen will. Wir können auch Radio, Fernsehen und Internet nutzen, um die Zuhörer weiterzubilden. Musikhören ist nicht nur ein leichter Genuss, sondern auch Teil unserer Kultur. Als Pädagoge darf man allerdings nicht dogmatisch vorgehen. Netzeitung: Zu ihrem Repertoire gehört nicht nur zeitgenössische Musik. Mit Nikolaus Harnoncourt haben Sie beispielsweise bedeutende Werke von Beethoven eingespielt. Sehen Sie sich - wie Pierre Boulez – als Vermittler zwischen den Epochen? Pierre-Laurent Aimard: Ja, sicher. Ich gehöre zu einer Generation, die sich nicht mehr als Avantgarde begriffen hat. Wir wollten unser Erbe nicht mehr zerstören, sondern Gegenwart und Vergangenheit miteinander in Verbindung bringen. Unsere Kultur ist zurzeit vielschichtiger denn je. Wir können nicht mehr so leben wie noch vor einem halben Jahrhundert, als es diese Vielfalt noch nicht gab. Es besteht allerdings die Gefahr, dass wir zu oberflächlich von einem Phänomen zum anderen springen. Tief in die Kultur einzudringen, ist heute die eigentliche Herausforderung. Netzeitung: Pierre Boulez hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass klassische Musik nicht populär sei. Ist eine Unterscheidung zwischen «E»- und «U»-Musik – also Klassik gegen Pop und Rock – aber nicht längst überholt? Geht es nicht in erster Linie um den Gegensatz zwischen «Easy Listening» und konzentriertem Zuhören? Pierre-Laurent Aimard: Erstmal möchte ich sagen, dass ich Boulez’ Ansicht unbedingt teile. Stücke wie Bachs «Kunst der Fuge» sind keine leichte Musik für die breite Masse. Das Publikum muss viel von sich selbst einbringen – jeder Komponist und Musiker wünscht sich aufmerksame und konzentrierte Zuhörer. Neben der Musik, die uns in höhere Dimensionen führen kann, muss es aber auch reine Unterhaltungsmusik geben. Tamara Stefanovich: Ich finde auch, dass ein Konzert ein Teamwork von Künstlern und Publikum ist. Es geht nicht nur um den Interpreten, der im Scheinwerferlicht steht. In der Klassik und in der Unterhaltungsmusik kann alles vertreten vertreten - von ganz einfach bis anspruchsvoll. Bei Rockmusik sollte auch immer wichtig sein, welche Botschaft der Künstler vermitteln will… Pierre-Laurent Aimard: Man muss überall nach Qualität suchen. Allerdings lässt sich auch schwache Qualität heutzutage sehr gut verkaufen… Netzeitung: Können die Menschen überhaupt noch zuhören? Führt die Reizüberflutung nicht dazu, dass man sich immer mehr berieseln lässt? Pierre-Laurent Aimard: Gerade die jungen Leute müssen lernen, sich zu konzentrieren. Viele Dinge laufen im Alltag gleichzeitig ab. Das müssen wir Musikpädagogen berücksichtigen, wenn wir die neue Generation so gut wie möglich ausbilden wollen. Netzeitung: Erlebt die Oper derzeit einen neuen Boom, gerade weil sie starke visuelle Reize auslöst? Ist es nicht leichter, das Publikum mit neuen, experimentellen Inszenierungen zu erreichen, die die Grenzen zur Popkultur, zum Film oder modernen Tanztheater überschreiten? Tamara Stefanovich: Bei der Oper kommt vieles zur Musik hinzu – Bilder, Sprache und Bewegung, in einer Zeit, in der alles Visuelle sehr wichtig ist. Pierre-Laurent Aimard: Wir erleben an der Oper gerade eine Zeit der Starregisseure, nach Perioden von Stardirigenten und Starsängern. Zu den Premieren kommt auch Publikum aus anderen künstlerischen Sparten, und das ist gut so. Problematisch ist allerdings, dass viele Regisseure nicht mit der Gesangskultur vertraut sind. Ihre Arbeiten können dennoch viel interessanter sein als manche konventionellen Operninszenierungen. Netzeitung: Herr Aimard, Sie überschreiten auch Grenzen zwischen den Künsten, etwa bei Ihren Konzert-Lesungen mit Alfred Brendel. Kürzlich sind Sie auch mit Imre Kertész aufgetreten, der aus seinem «Roman eines Schicksallosen» las. In welcher Beziehung stehen für Sie Musik und Sprache? Pierre-Laurent Aimard: In früheren Zeiten, als viele Komponisten Lieder schrieben, waren beide Sphären eng miteinander verbunden. Heute sind wir im Umgang mit den verschiedenen Künsten sehr frei, gerade das Klavier bietet sich für viele Experimente an. Mit Alfred Brendel bin ich schon oft aufgetreten. Unsere Zusammenarbeit begann, als er auf einer Gala eigene Texte lesen und ich Stücke von Ligeti spielen sollte. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, Text- und Musikpassagen miteinander zu kombinieren, damit der Vortrag lebendiger würde. Ich habe dabei auch Stücke von Kurtág, Mozart und den Beatles gespielt. Das uns beiden so viel Spaß gemacht hat, dass wir uns entschieden haben, das Projekt fortzusetzen. Netzeitung: Was sind Ihre nächsten Pläne? Tamara Stefanovich: Ich werde das Boulez-Projekt mit Neuer Musik weiterführen, auf dem Programm stehen noch einige Konzerte. Am 25. Juli werde ich hier beim Klavier-Festival Ruhr York Höllers «Monogramme» uraufführen und mehrere Stücke von Marco Stroppa spielen. Dann kommen auch Konzerte mit Strawinsky und traditionellen Programmen… Pierre-Laurent Aimard: Ich beschäftige mich zurzeit sehr mit Mozart und führe viele seiner Werke auf. Das ist für mich eine innere Notwendigkeit. In den kommenden Jahren werde ich unterschiedliche «Cartes Blanches» machen - die Gelegenheit immer wieder ein anderes Publikum zu erleben. Das Klavier-Festival Ruhr 2005 findet noch bis 19. August in 16 Städten in der Region statt. Nach den beiden Konzerten mit dem chinesischen Pianisten Lang Lang am 17. und 18. Juni sind Auftritte von Weltstars wie Maurizio Pollini, Martha Argerich, Ivo Pogorelich und Alfred Brendel weitere Höhepunkte des Festivals.
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