Karasek liest: 

netzeitung.deIm Gefängnis der Emotionen

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Früher waren die Falschen zu lange zusammen, heute trennen sich die Richtigen zu schnell. Maxim Biller erzählt Manuel Karasek im NZ-Video über «Liebe heute». Um sich das Video anzuschauen, benötigen Sie den Flashplayer 8. Das Plugin können Sie hier herunterladen Für die Netzeitung von Tal Sterngast

Von Manuel Karasek

Da ist ein Grieche, Alexis heißt er. Er ist verheiratet, hat allerdings ein Verhältnis mit zwei jungen Frauen, und zwar mit beiden gleichzeitig. Davon erzählt er seinem Freund, dem Ich-Erzähler in der Shortstory «Wir saßen im Cibo Matto» im neuen Buch «Liebe heute» von Maxim Biller. Beide sitzen also in besagtem Berliner Café am Hackeschen Markt, Alexis erzählt im Wechsel von Andeutungen und Anzüglichkeiten von seinen Abenteuern; und erklärt schließlich: «Du bist neidisch, gib's zu.»

Mit erzählerischer Leichtigkeit tariert Biller das Verhältnis zwischen diesen Typen aus, die vor allem bemüht sind, sich gegenseitig Virilität zu signalisieren. «Die ganze Nacht», sagt da Alexis etwa lakonisch – und meint damit sein sexuelles Durchhaltevermögen.

Für das Vergnügen, das er mit den beiden jungen Frauen in langen Nächten hat, findet er die Metapher vom «großen, weiten, graurosa Himmel». Dann sagt er, dass er «seitdem süchtig nach diesem Himmel» sei. Das ist eine wunderbar poetische Stelle in einem Band von Shortstorys, in dem sich knapp dreißig Geschichten auf 200 Seiten finden.

Zum Verzweifeln schön
Biller hat mit «Liebe heute» ein schönes und schwieriges Buch zugleich geschrieben, in dem die ganze Leichtigkeit des urbanen Lebens heute steckt. Seine Geschichten haben oft ein offenes Ende und schildern auf minimalem Raum manchmal recht komplexe Verwicklungen, die den Protagonisten ihr materiell sorgloses Leben schwer machen.

Da gibt es immer wieder schöne Augenblicke, da ist man regelrecht von einem einzigen Satz ganz hingerissen: «Sein weißes Gesicht», heißt es einmal, «mit den vielen Brandnarben und den schief stehenden Augen hinter der randlosen Brille war zum Verzweifeln schön.»

Liebe verstört
Der Mann, dem das schöne Gesicht gehört, ist tiefer verwundet, als man zuerst annehmen könnte: Günter läuft an einem verregneten Tag über die Berliner Friedrichstraße, als er von Clara, die gemeinsam mit ihrem neuen Freund Hagen im Auto sitzt, gesehen wird. Fast unauflösbar erscheint zuerst der Knoten an Informationen, den Biller zusammengezurrt hat. Man versteht, dass Günter der Sohn eines Mannes ist, der vor dreißig Jahren ein bundesweit bekannter Krimineller gewesen war. «Wer einen solchen Vater hatte», heißt es, «musste nichts und niemanden fürchten».

Man versteht auch, dass Clara die Entschlussunfähigkeit ihres Freundes Hagen, mit dem sie in dem parkenden Auto sitzt, als eklatanten Mangel empfindet. Und man begreift, dass von Günter, mit dem sie einmal ein Verhältnis hatte, Faszination und Schrecken gleichermaßen ausgehen.

Aber wie ist das Verhalten Günters einzuordnen, als er sich dem Wagen nähert, durch die beschlagenen Scheiben zu blicken versucht – sogar dagegen klopft, um dann doch weiterzugehen? Kennt er das Auto von Hagen, hat er Clara erkannt? Oder hat er einfach nur einen Knall? So wirkt der eine Mann in dieser Geschichte namens «Lied Nummer 7» höchstens von der Liebe verstört, der andere aber als Schwächling.

Offensiv in den Geschlechterkampf
Das Merkwürdige an dieser Konstruktion ist, dass man intuitiv begreift, dass Clara in ihrem Wagen sitzt wie im Gefängnis ihrer sich widersprechenden Emotionen. Sie kann weder für den einen noch den anderen Partei ergreifen. Biller verhandelt nicht nur in dieser Geschichte die stereotypen Selbstbildnisse des Männlichen, generell geht es ihm um das Selbstverständnis von Geschlechterrollen heute, kurz darum, wie «Liebe heute» möglich ist.

Das ist ein beliebtes Thema bei deutschen Erzählern. Etwa Judith Hermann, Tilman Rammstedt, Andreas Maier, Eva Menasse drehten schon ihre narrativen Runden um das Private – ihre Figuren kannten keine Postulate in Form von Selbstverwirklichung oder Ansprüchen. Ihr Rollenverständnis blieb diffus und defensiv. Biller, der zehn Jahre älter ist als die soeben genannten Autoren, schickt seine Figuren lieber offensiv in den Geschlechterkampf.

Vergebliche Umarmungen
Dort scheinen sie sich aber, auch weil sie mit sich selbst beschäftigt sind, dauernd zu verpassen: Da gibt es das Paar in der Geschichte «Bagdad um halb acht», das sitzt in einem Café – er ist ein älterer Amerikaner, der sich Sorgen um seinen Sohn macht, der als Soldat am Irakkrieg teilnimmt. Sie ist eine junge und schöne Frau, die seine Sorgen nicht teilt.

Da gibt es Edna und den Ich-Erzähler in der Geschichte «Ziggy Stardust», die sich seit ihrer Kindheit kennen und im Laufe ihres Lebens mehrmals auf einander treffen, ohne sich jemals dauerhaft zu binden. Was sie am Ende nur verbindet, ist eine Platte von David Bowie, die Edna dem Ich-Erzähler geschenkt hat, als beide noch Jugendliche waren. So lebt jeder in seinen eigenen Welten, niemand kommt zusammen. Billers Buch ist voll von vergeblichen Umarmungen und von Dialogen, die das Vorbeireden nur noch stärker demonstrieren.

So sind diese Shortstorys eine Sammlung heutiger Konfusionen und Autismen, die Beschreibung eines Zustands, in dem kein Rollenverständnis mehr weitergegeben werden kann. Die Geschlechterrollen implodieren im Individuellen. Nur wenn die Männer unter sich sind, aktualisieren sie ihr altes und beschädigtes Rollenverständnis. Die ganze Nacht hat ja Alexis, der Grieche, diesen wunderbaren Himmel gesehen.

Maxim Biller: Liebe heute. Shortstorys. 200 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 18,90 Euro.