Karasek liest:
Im Gefängnis der Emotionen
16.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Da ist ein Grieche, Alexis heißt er. Er ist verheiratet, hat allerdings ein Verhältnis mit zwei jungen Frauen, und zwar mit beiden gleichzeitig. Davon erzählt er seinem Freund, dem Ich-Erzähler in der Shortstory «Wir saßen im Cibo Matto» im neuen Buch «Liebe heute» von Maxim Biller. Beide sitzen also in besagtem Berliner Café am Hackeschen Markt, Alexis erzählt im Wechsel von Andeutungen und Anzüglichkeiten von seinen Abenteuern; und erklärt schließlich: «Du bist neidisch, gib's zu.»
Mit erzählerischer Leichtigkeit tariert Biller das Verhältnis zwischen diesen Typen aus, die vor allem bemüht sind, sich gegenseitig Virilität zu signalisieren. «Die ganze Nacht», sagt da Alexis etwa lakonisch und meint damit sein sexuelles Durchhaltevermögen.
Für das Vergnügen, das er mit den beiden jungen Frauen in langen Nächten hat, findet er die Metapher vom «großen, weiten, graurosa Himmel». Dann sagt er, dass er «seitdem süchtig nach diesem Himmel» sei. Das ist eine wunderbar poetische Stelle in einem Band von Shortstorys, in dem sich knapp dreißig Geschichten auf 200 Seiten finden.
Da gibt es immer wieder schöne Augenblicke, da ist man regelrecht von einem einzigen Satz ganz hingerissen: «Sein weißes Gesicht», heißt es einmal, «mit den vielen Brandnarben und den schief stehenden Augen hinter der randlosen Brille war zum Verzweifeln schön.»
Man versteht auch, dass Clara die Entschlussunfähigkeit ihres Freundes Hagen, mit dem sie in dem parkenden Auto sitzt, als eklatanten Mangel empfindet. Und man begreift, dass von Günter, mit dem sie einmal ein Verhältnis hatte, Faszination und Schrecken gleichermaßen ausgehen.
Aber wie ist das Verhalten Günters einzuordnen, als er sich dem Wagen nähert, durch die beschlagenen Scheiben zu blicken versucht sogar dagegen klopft, um dann doch weiterzugehen? Kennt er das Auto von Hagen, hat er Clara erkannt? Oder hat er einfach nur einen Knall? So wirkt der eine Mann in dieser Geschichte namens «Lied Nummer 7» höchstens von der Liebe verstört, der andere aber als Schwächling.
Das ist ein beliebtes Thema bei deutschen Erzählern. Etwa Judith Hermann, Tilman Rammstedt, Andreas Maier, Eva Menasse drehten schon ihre narrativen Runden um das Private ihre Figuren kannten keine Postulate in Form von Selbstverwirklichung oder Ansprüchen. Ihr Rollenverständnis blieb diffus und defensiv. Biller, der zehn Jahre älter ist als die soeben genannten Autoren, schickt seine Figuren lieber offensiv in den Geschlechterkampf.
So sind diese Shortstorys eine Sammlung heutiger Konfusionen und Autismen, die Beschreibung eines Zustands, in dem kein Rollenverständnis mehr weitergegeben werden kann. Die Geschlechterrollen implodieren im Individuellen. Nur wenn die Männer unter sich sind, aktualisieren sie ihr altes und beschädigtes Rollenverständnis. Die ganze Nacht hat ja Alexis, der Grieche, diesen wunderbaren Himmel gesehen.
Maxim Biller: Liebe heute. Shortstorys. 200 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 18,90 Euro.

