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netzeitung.deNiemand ist eine Insel

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Ralph Dutli hat ein Buch geschrieben, das auch dem Laien die Wunder der Lyrik nahebringt. Dutli stellt außergewöhnliche Gedichte vor, die zeigen: Poesie kämpft gegen die Gegenwart. Um sich das Video anzuschauen, benötigen Sie den Flashplayer 8. Das Plugin können Sie hier herunterladen Für die Netzeitung von Tal Sterngast

Von Manuel Karasek

Im 15. Jahrhundert verfasste die in Lyon lebende Louize Labé einige Gedichte, die vom Küssen handelten. Der Reformator Calvin empfand das als Ausdruck der Hurerei. Ralph Dutli schreibt in seinem neuen Buch «Nichts als Wunder», in dem sich zahlreiche und durchgehend wundervoll zu lesende Essays über die Dichtkunst befinden, dass es Kirchenherren schon immer schwer gefallen sei, Poesie zu verstehen.

Liest man dann die Übertragung des Sonetts, das Dutli in seinem Aufsatz über Louize Labé kommentiert, kann man sich nur wundern: Dass man eine derart hohe Dichtkunst aus der Renaissancezeit erst über einen Vermittler und Übersetzer kennen lernt – wie der 1954 geborene Dutli einer ist – ist kaum zu glauben.

Dutlis Wunder
Der abendländische Literaturkanon funktioniert auf zwei Ebenen. Einerseits gibt es Klassiker wie Shakespeare, Dante und viele andere, die längst globalisierte Denkmäler der Kultur geworden sind. Der große Rest scheint Spezialisten vorbehalten zu sein, die sich immer wieder Foren schaffen, um dort ihre Preziosen vorzustellen, eben jene Wunder, auf die Dutli mit seinem Titel anspielt.

Zu den Wundern, die Dutli uns vorstellt, gehören George Herbert und John Donne. Sie waren Zeitgenossen des großen elisabethanischen Theaters, aber vor allem Lyriker. So war ihr Wirkungsvermögen auch eher eingeschränkt. Dabei stammen Sätze wie «Niemand ist eine Insel» oder «Wem die Stunde schlägt» aus ein und demselben Text von John Donne.

Die Poesie hat ein langes Gedächtnis
Ralph Dutli übersetzt diesen noch einmal, der nahezu ein paradigmatisches Zeugnis des englischen Humanismus ist, vergleichbar mit den Monologen Hamlets oder des Jacques aus «Wie es euch gefällt». John Donnes Text wurde in unserer Zeit durch Hemingway berühmt. Da es ist durchaus amüsant, dass der Satz «Niemand ist eine Insel» heute dem amerikanischen Nobelpreisträger zugeschrieben wird.

Hier haben wir ein Extrembeispiel dafür vor Augen, dass – nach Borges – literarischer Ruhm das Ergebnis von Missverständnissen ist. Hier wiederholt sich für Ralph Dutli ein Muster, das seine Essays wie ein Leitmotiv durchzieht: Die Poesie hat ein langes Gedächtnis und sie nimmt stets Umwege in Kauf, um zu wirken.

Kein Staub
So ist die Struktur jedes dieser vom Wunder der Poesie durchwirkten Essays immer dieselbe. Dutli behandelt jeweils ein Gedicht – manchmal auch zwei – eines Dichters und legt seine Interpretation vor, die sich als glänzende und warme Nachdichtungen erweisen.

Zum einen erweisen sich Dutlis Texte als Berichte aus der Übersetzerwerkstatt, die schließlich an die Kommentare des kolossalen Shakespeareübersetzers Frank Günther erinnern. Zum anderen funktionieren sie als literaturhistorischer Diskurs, ohne dass dabei auch nur ein Gran seminaristischen Staubs aufgewirbelt wird. Es ist eine unglaublich spannende wie schöne Sache, das Wesen von Lyrik sowie ihre spielerische Auslegung von einem Mann präsentiert zu bekommen, der selber ein hervorragender Lyriker wie Übersetzer ist.

Zumutungen der Macht
Wer einen Band der monumentalen «Frankfurter Anthologie» gelesen hat, herausgegeben von Reich-Ranicki, wird die Erfahrung gemacht haben, dass Lyrik im Zusammenhang mit der Kommentierung viel besser funktioniert als ein reiner Gedichtband. Das ist das Ergebnis einer Lesekultur, die durch den kontinuierlichen Boom an Neuerscheinung und einer Belletristik, die – im besten Falle – hervorragende Unterhaltungsliteratur hervorbringt, bestimmte Gattungen wie die Lyrik an den Rand des kollektiven Bewusstseins drückt. Gerade aus dieser Komplikation zieht Dutli seinen Nutzen. Erklärung und Lyrik ergänzen sich bei ihm bestens.

Dutli ist als Übersetzer mehrerer russischer Dichter, wie zum Beispiel Osip Mandelstam, Marina Zwetajewa oder Joseph Brodsky, bekannt geworden. Natürlich versteht Dutli die Lebensläufe und das Wirken von Mandelstam, der im Gulag endete, und von Zwetajewa, die sich 1941 erhängte, als das düstere Grundmuster eines Verhältnisses der Dichtung im 20. Jahrhundert gegenüber dem Totalitarismus. Diese Lyriker postulieren eine konsequente Abkehr von den Zumutungen der Macht und einer durch sie verbogenen Realität.

Immer oppositionell
Gerade der Verweis auf Louize Labé und Calvin – es gibt noch andere Beispiele in Dutlis 250 Seiten langem Buch – demonstriert aber deutlich, dass dieses Spannungsverhältnis eine lange Geschichte hat. Im Streit zwischen Calvin und Labé zeigt sich der Antagonismus europäischer Renaissancegesellschaften, deren Mitglieder zwischen den Kräften des gerade entstandenen Absolutismus und den humanistischen Idealen heftigen Schwankungen ausgesetzt waren.

An solchen Beispielen manifestiert sich für Dutli das Wesen wie das Wunder der Dichtung, das der herrschenden Ordnung oppositionell entgegentritt. Was das für die heutige Zeit bedeutet, kann sich jeder selbst denken.

Ralph Dutli: Nichts als Wunder. Essays über Poesie. 250 Seiten. Ammann
Verlag, Zürich, 2007. 22, 90 Euro.