Karasek liest:
Niemand ist eine Insel
09.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Im 15. Jahrhundert verfasste die in Lyon lebende Louize Labé einige Gedichte, die vom Küssen handelten. Der Reformator Calvin empfand das als Ausdruck der Hurerei. Ralph Dutli schreibt in seinem neuen Buch «Nichts als Wunder», in dem sich zahlreiche und durchgehend wundervoll zu lesende Essays über die Dichtkunst befinden, dass es Kirchenherren schon immer schwer gefallen sei, Poesie zu verstehen.
Liest man dann die Übertragung des Sonetts, das Dutli in seinem Aufsatz über Louize Labé kommentiert, kann man sich nur wundern: Dass man eine derart hohe Dichtkunst aus der Renaissancezeit erst über einen Vermittler und Übersetzer kennen lernt wie der 1954 geborene Dutli einer ist ist kaum zu glauben.
Zu den Wundern, die Dutli uns vorstellt, gehören George Herbert und John Donne. Sie waren Zeitgenossen des großen elisabethanischen Theaters, aber vor allem Lyriker. So war ihr Wirkungsvermögen auch eher eingeschränkt. Dabei stammen Sätze wie «Niemand ist eine Insel» oder «Wem die Stunde schlägt» aus ein und demselben Text von John Donne.
Hier haben wir ein Extrembeispiel dafür vor Augen, dass nach Borges literarischer Ruhm das Ergebnis von Missverständnissen ist. Hier wiederholt sich für Ralph Dutli ein Muster, das seine Essays wie ein Leitmotiv durchzieht: Die Poesie hat ein langes Gedächtnis und sie nimmt stets Umwege in Kauf, um zu wirken.
Zum einen erweisen sich Dutlis Texte als Berichte aus der Übersetzerwerkstatt, die schließlich an die Kommentare des kolossalen Shakespeareübersetzers Frank Günther erinnern. Zum anderen funktionieren sie als literaturhistorischer Diskurs, ohne dass dabei auch nur ein Gran seminaristischen Staubs aufgewirbelt wird. Es ist eine unglaublich spannende wie schöne Sache, das Wesen von Lyrik sowie ihre spielerische Auslegung von einem Mann präsentiert zu bekommen, der selber ein hervorragender Lyriker wie Übersetzer ist.
Dutli ist als Übersetzer mehrerer russischer Dichter, wie zum Beispiel Osip Mandelstam, Marina Zwetajewa oder Joseph Brodsky, bekannt geworden. Natürlich versteht Dutli die Lebensläufe und das Wirken von Mandelstam, der im Gulag endete, und von Zwetajewa, die sich 1941 erhängte, als das düstere Grundmuster eines Verhältnisses der Dichtung im 20. Jahrhundert gegenüber dem Totalitarismus. Diese Lyriker postulieren eine konsequente Abkehr von den Zumutungen der Macht und einer durch sie verbogenen Realität.
An solchen Beispielen manifestiert sich für Dutli das Wesen wie das Wunder der Dichtung, das der herrschenden Ordnung oppositionell entgegentritt. Was das für die heutige Zeit bedeutet, kann sich jeder selbst denken.
Ralph Dutli: Nichts als Wunder. Essays über Poesie. 250 Seiten. Ammann
Verlag, Zürich, 2007. 22, 90 Euro.

