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netzeitung.deAdel vergiftet

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Edward St Aubyns Roman «Schöne Verhältnisse» zeigt eine orientierungslose Elite, deren Herrschaftsanspruch längst in die Selbstdestruktion abgeglitten ist. Dunkler Höhepunkt ist eine Vergewaltigung. Um sich das Video anzuschauen, benötigen Sie den Flashplayer 8. Das Plugin können Sie hier herunterladen Für die Netzeitung von Tal Sterngast

Von Manuel Karasek


David Melrose ertränkt im Garten systematisch und mit sadistischer Freude die Ameisen. Seine Frau Eleanor, schwer depressiv, hängt an der Flasche. Zusammen mit der Köchin bereitet sie ein Abendessen vor, das in den nächsten Tagen stattfinden soll und an dem einige Freunde der Melroses teilnehmen werden. Während der fünfjährige Patrick die Umgebung erkundet und ganz in seine eigene Welt versunken ist – wie das ein Kind eben so tut.


Die adlige englische Familie, die Teile des Jahrs im Süden Frankreichs lebt, dürfte sich aufgrund ihrer materiellen Sicherheit nicht unbedingt als unglücklich empfinden. Doch der englische Autor Edward St Aubyn porträtiert in seinem Roman «Schöne Verhältnisse» eine Familie, in deren Beziehungsnetz tiefe Risse klaffen.


Kindliche Megalomanien
Wie der 1960 geborene St Aubyn die einzelnen Stränge und Figuren handhabt, erweist sich als Demonstration einer bewundernswert stilistischen Sicherheit. Der Autor, der im Londoner Stadtteil Notting Hill lebt, findet für jeden Protagonisten einen eigenen Ton: Die komplexe Innenwelt von Patrick mit seinen Ängsten und kindlichen Megalomanien, die kaputte Ehe der Melroses mit ihrer bizarren Mischung aus sadomasochistischen Elementen und kaltem Kalkül.


So erfährt man nach und nach, dass sich David in jungen Jahren um die Erbschaft seines Vaters gebracht hat und die begüterte Eleanor nur aus finanziellen Erwägungen geheiratet hat. Und Stück für Stück erfährt man etwas von den perversen Zuständen – etwa wie David seine Frau auf allen Vieren herumkriechen und die Feigen im Garten mit dem Mund vom Boden essen lässt.


Vergewaltigt vom Vater
Warum St Aubyn all diese Geschichten nicht ins Lächerliche verrutschen, liegt an zweierlei. Der englische Schriftsteller, der schon sechs Bücher veröffentlicht hat, zeigt vor allem die obere Gesellschaftsschicht fünfzig Jahre nach dem Verlust des britischen Imperiums als eine orientierungslose Elite ohne politischen Auftrag. Die aggressiven Elemente ihres einstigen Herrschaftsanspruchs sind längst in die Selbstdestruktion abgeglitten. Die Vergewaltigung Patricks durch den eigenen Vater – ein dunkler Höhepunkt dieses brillanten Romans – ist sicherlich die symbolische Handlung einer aus der Spur gelaufenen Tradierung.


So bedient «Schöne Verhältnisse» auf der einen Ebene die Schaulust des Lesers, der sich an dem Personal und ihren giftigen Dialogen ergötzt. Die literarische Meisterschaft St Aubyns zeigt sich, wenn bald die Gäste bei den Melroses zu Tisch sitzen und gebildet – wenn auch mit spitzer Zunge – miteinander plaudern.


Da gibt es den Gelehrten Victor mit seiner jungen Freundin Anne; der Professor der Philosophie erinnert mit seinem jüdischen Hintergrund durchaus an den berühmten englischen Historiker Eric Hobsbawm. Da gibt es den Snob Nicholas – ebenfalls in Begleitung einer jungen Frau, der David Melroses Sarkasmus unendlich bewundert.


Zwanghafte Wiederholung
Die Konversation handelt auch von der Frage nach den Konsequenzen eines Handelns und Weltbildes, das gerade David Melrose repräsentiert. David versucht seine Gäste davon zu überzeugen, dass eine Pädagogik äußerster Herzlosigkeit einen jungen Menschen besser auf das Leben vorbereitet – und verschweigt dabei seinen monströsen Übergriff auf Patrick, der während des Dinners auf der Treppe auf seine Mutter Eleanor wartet.


Es ist großartig von St Aubyn gestaltet, wie er das psychologisch-soziale Raster dieser abgrundtief bösen Figur als das Muster einer zwanghaften Wiederholung beschreibt. Die Verstörung der Erfahrung eigener Ablehnung durch den Vater überhöht David durch kriminelles Handeln.


Beispiel Caligula
Victor weist während des Essens einmal darauf hin, dass Kaiser Caligula in den ersten Monaten seiner Regentschaft durch besonders mildes Handeln auffiel, bis dann die Traumata seiner Jugend von ihm Besitz nahmen – und er zu einer grausamen Bestie wurde. Sein Vorgänger Tiberius hatte alle potenziellen Thronnachfolger in der Familie vergiften lassen – und nur durch unglaublich viel Glück war Caligula diesen Attacken entkommen.


Von dem Verbrechen Davids nichts ahnend erklärt Victor, dass sich der junge Kaiser, obwohl er sich zunächst dagegen wehrte, gezwungen sah, die Erfahrung seiner Jugend zu wiederholen – ja, sie zu übertreffen.


Edward St Aubyn: Schöne Verhältnisse. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. 188 Seiten. Dumont Verlag, Köln, 2007. 17,90 Euro.