Karasek liest:
Adel vergiftet
02.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
David Melrose ertränkt im Garten systematisch und mit sadistischer Freude die Ameisen. Seine Frau Eleanor, schwer depressiv, hängt an der Flasche. Zusammen mit der Köchin bereitet sie ein Abendessen vor, das in den nächsten Tagen stattfinden soll und an dem einige Freunde der Melroses teilnehmen werden. Während der fünfjährige Patrick die Umgebung erkundet und ganz in seine eigene Welt versunken ist wie das ein Kind eben so tut.
Die adlige englische Familie, die Teile des Jahrs im Süden Frankreichs lebt, dürfte sich aufgrund ihrer materiellen Sicherheit nicht unbedingt als unglücklich empfinden. Doch der englische Autor Edward St Aubyn porträtiert in seinem Roman «Schöne Verhältnisse» eine Familie, in deren Beziehungsnetz tiefe Risse klaffen.
So erfährt man nach und nach, dass sich David in jungen Jahren um die Erbschaft seines Vaters gebracht hat und die begüterte Eleanor nur aus finanziellen Erwägungen geheiratet hat. Und Stück für Stück erfährt man etwas von den perversen Zuständen etwa wie David seine Frau auf allen Vieren herumkriechen und die Feigen im Garten mit dem Mund vom Boden essen lässt.
So bedient «Schöne Verhältnisse» auf der einen Ebene die Schaulust des Lesers, der sich an dem Personal und ihren giftigen Dialogen ergötzt. Die literarische Meisterschaft St Aubyns zeigt sich, wenn bald die Gäste bei den Melroses zu Tisch sitzen und gebildet wenn auch mit spitzer Zunge miteinander plaudern.
Da gibt es den Gelehrten Victor mit seiner jungen Freundin Anne; der Professor der Philosophie erinnert mit seinem jüdischen Hintergrund durchaus an den berühmten englischen Historiker Eric Hobsbawm. Da gibt es den Snob Nicholas ebenfalls in Begleitung einer jungen Frau, der David Melroses Sarkasmus unendlich bewundert.
Es ist großartig von St Aubyn gestaltet, wie er das psychologisch-soziale Raster dieser abgrundtief bösen Figur als das Muster einer zwanghaften Wiederholung beschreibt. Die Verstörung der Erfahrung eigener Ablehnung durch den Vater überhöht David durch kriminelles Handeln.
Von dem Verbrechen Davids nichts ahnend erklärt Victor, dass sich der junge Kaiser, obwohl er sich zunächst dagegen wehrte, gezwungen sah, die Erfahrung seiner Jugend zu wiederholen ja, sie zu übertreffen.
Edward St Aubyn: Schöne Verhältnisse. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. 188 Seiten. Dumont Verlag, Köln, 2007. 17,90 Euro.

