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Karasek liest: 

Die Rückkehr eines Terroristen

16. Feb 2007 10:38
Massimo Carlotto saß einige Jahre unschuldig im Gefängnis. Sein neuer, drastischer Roman «Arrivederci amore, ciao» handelt von einem Ex-Terroristen in einer mafiösen Gesellschaft.

Für die Netzeitung von Tal Sterngast
Von Manuel Karasek

Giorgio Pellegrini streckt mit einem gezielten Schuss in den Hinterkopf einen ahnungslosen Mann nieder. Mit dieser brutalen Hinrichtungsszene im zentralamerikanischen Urwald beginnt der Roman «Arrivederci amore, ciao» von Massimo Carlotto. Der Ich-Erzähler Pellegrini tötet auf so brutale Weise einen Freund, mit dem er in Italien als Aktivist in der linken Terrorszene der 70er Jahre unterwegs war hat.

Bewusst überrascht der Autor mit ausdrücklicher Drastik, als gelte es, dem Leser keine Atempause zu gestatten. Carlotto, der als einer der besten Krimiautoren Italiens gilt, hält sich nicht lange mit Details auf. Ein rasend schnelles Buch hat der 1956 geborene Schriftsteller mit «Arrivederci amore, ciao» geschrieben.

Zurück ins bürgerliche Leben

Auf nur wenigen Seiten porträtiert er bestechend genau zwei gelangweilte und zur Grausamkeit neigende Mittelstandsjugendliche, die auf der Flucht vor der heimatlichen Justiz sind und in die Fänge einer Dschungelguerilla landen. Der andere wird für die Handlung keine Rolle mehr spielen, unterdessen sein Mörder Pellegrini auf knapp 190 Seiten seinen eigenen Lebensweg schildert, der ihn über Mittelamerika wieder zurück nach Italien führt.

Dass Pellegrini im Folgenden seinen Werdegang als Rückkehr ins bürgerliche Leben plant, verleiht seinem Bericht eine schauerliche Note: Er dealt mit einer korrupten Justiz um seine Haftbedingungen, dirigiert danach von einem Bordell aus eine Aktion, die mit einem blutigen Überfall auf einen Geldtransporter endet – und kauft sich schließlich mit einem Teil der Beute eine Trattoria der gehobenen Preisklasse in einer norditalienischen Kleinstadt, deren geschmierte Bürgervertretung Pellegrinis dunkle Vergangenheit deckt.

Die Mafia ist überall

Damit ist in etwa die Geschichte dieses Romans erzählt, der die alte italienische Fabel vom Fehlen jeder Integrität und Ethik als allgemeingültiges Ordnungsprinzip bloß zu wiederholen scheint. Doch dazu ist Carlottos Gestaltung einer durch und durch korrupten Welt zu komplex. Die Mafia hat hier ihren Umwandlungsprozess schon längst vollzogen: Ihre Strukturen, so lässt sich Carlottos Roman lesen, haben sich mehrfach transformiert. Pellegrini und die Welt, die ihn umgibt, haben ihre Gesetze längst verinnerlicht.

Das Lakonische dieses Berichtes schockiert, so bezeichnet Pellegrini etwa seine Hinrichtungsmethode als Ausdruck vollkommener Gerechtigkeit, was eigentlich Ausdruck eines kriminellen Wunschs nach Omnipotenz ist.

Schutzwall der Reichen

Carlotto zeigt mit seinem verdorbenen Ich-Erzähler, wie einer den Gesellschaftsvertrag, der die sich oft widersprechenden Interessen seiner Mitglieder kanalisiert, systematisch unterwandert – und zieht mit dieser Volte den Leser auf die Seite Pellegrinis. So ertappt man sich dauernd, wie man um Pellegrinis Schicksal bangt – und ihm immer Recht gibt, wenn er diesen oder jenen jetzt beseitigen muss.

Gerade seine Rückkehr ins bürgerliche Leben beschreibt Carlotto als Pfad, in der die Konstanten Fleiß und Können durch die der äußersten Rücksichtslosigkeit und Gewalt vertauscht werden. Diese Mischung aus Subversion und Kapitalismuskritik ist ein gängiges Mittel im Mafia-Krimi, die Carlotto allerdings nicht bloß wiederholt. Man muss schon die kalte Bravour bewundern, mit der er Pellegrinis Karriere schildert. Denn dieser begreift den Kodex bürgerlicher Ehrbarkeit als lediglich dünne Oberfläche – sowie als Schutzwall der Reichen.

Der Mann kennt sein Milieu

Die Beschreibung, wie an einem klammen Winterabend zahllose Emigranten aus Osteuropa und Afrika in der glitzernden Innenstadt von Mailand herumstreunen, gehört sicherlich zu den stärksten Augenblicken dieses Romans. Unmittelbar erkennt Pellegrini in diesen Ausgestoßenen seinen eigenen Status als Paria wieder, dem Legalität als Möglichkeit, um zu Wohlstand zu kommen, verwehrt wird.

Eine derartig radikale Illusionslosigkeit, das wird während des Lesens deutlich, kann man sich nicht aus den Fingern saugen. Und schaut man auf den Klappentext, versteht man die Nüchternheit Massimo Carlottos: Der Verfasser saß wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat, mehrere Jahre im Gefängnis. Carlotto kennt also sein Milieu gut. Das Buch ist ab Montag im Handel.

Massimo Carlotto: Arrivederci amore, ciao. Roman. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen Verlag, Berlin, 2007. 18, 90 Euro.
 

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