Karasek liest:
Die Rückkehr eines Terroristen
16.02.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Giorgio Pellegrini streckt mit einem gezielten Schuss in den Hinterkopf einen ahnungslosen Mann nieder. Mit dieser brutalen Hinrichtungsszene im zentralamerikanischen Urwald beginnt der Roman «Arrivederci amore, ciao» von Massimo Carlotto. Der Ich-Erzähler Pellegrini tötet auf so brutale Weise einen Freund, mit dem er in Italien als Aktivist in der linken Terrorszene der 70er Jahre unterwegs war hat.
Bewusst überrascht der Autor mit ausdrücklicher Drastik, als gelte es, dem Leser keine Atempause zu gestatten. Carlotto, der als einer der besten Krimiautoren Italiens gilt, hält sich nicht lange mit Details auf. Ein rasend schnelles Buch hat der 1956 geborene Schriftsteller mit «Arrivederci amore, ciao» geschrieben.
Dass Pellegrini im Folgenden seinen Werdegang als Rückkehr ins bürgerliche Leben plant, verleiht seinem Bericht eine schauerliche Note: Er dealt mit einer korrupten Justiz um seine Haftbedingungen, dirigiert danach von einem Bordell aus eine Aktion, die mit einem blutigen Überfall auf einen Geldtransporter endet und kauft sich schließlich mit einem Teil der Beute eine Trattoria der gehobenen Preisklasse in einer norditalienischen Kleinstadt, deren geschmierte Bürgervertretung Pellegrinis dunkle Vergangenheit deckt.
Das Lakonische dieses Berichtes schockiert, so bezeichnet Pellegrini etwa seine Hinrichtungsmethode als Ausdruck vollkommener Gerechtigkeit, was eigentlich Ausdruck eines kriminellen Wunschs nach Omnipotenz ist.
Gerade seine Rückkehr ins bürgerliche Leben beschreibt Carlotto als Pfad, in der die Konstanten Fleiß und Können durch die der äußersten Rücksichtslosigkeit und Gewalt vertauscht werden. Diese Mischung aus Subversion und Kapitalismuskritik ist ein gängiges Mittel im Mafia-Krimi, die Carlotto allerdings nicht bloß wiederholt. Man muss schon die kalte Bravour bewundern, mit der er Pellegrinis Karriere schildert. Denn dieser begreift den Kodex bürgerlicher Ehrbarkeit als lediglich dünne Oberfläche sowie als Schutzwall der Reichen.
Eine derartig radikale Illusionslosigkeit, das wird während des Lesens deutlich, kann man sich nicht aus den Fingern saugen. Und schaut man auf den Klappentext, versteht man die Nüchternheit Massimo Carlottos: Der Verfasser saß wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat, mehrere Jahre im Gefängnis. Carlotto kennt also sein Milieu gut. Das Buch ist ab Montag im Handel.
Massimo Carlotto: Arrivederci amore, ciao. Roman. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen Verlag, Berlin, 2007. 18, 90 Euro.

