Helmut Kraussers Roman «Eros» macht sich satirisch über das Genre des «großen» Deutschlandromans her. Und alle kommen vor: So nationalistische wie adlige Industrielle, Albert Speer, die Studenten, die Stasi und die RAF.
Für die Netzeitung von Tal Sterngast
Von Manuel Karasek
Alexander von Brücken ist der Sprössling eines deutschnationalen Industriellen, der einen spleenigen Hang zur Architektur kultiviert. Da denkt jeder sofort an Albert Speer. Als unabwendbar die totale Niederlage bevorsteht, kommt der Minister auch einmal die von Brückens besuchen, ist allerdings befremdet über das Konzept des Hausherrn, der einen eiförmigen Familienbunker entwickelt hat und zur Massenproduktion anbietet.
So geschieht es in Helmut Kraussers neuem Roman «Eros». Satirisch beschreibt Krausser hier die Fassungslosigkeit Speers und die Tränen der Bitternis des Herrn von Brücken aus der Perspektive des Sohnes.
Wer sind wir denn?
Fiktionen wie diese, die kurz vor der Stunde Null beginnen, lassen ja erahnen, worum es hier geht: Um die «große deutsche Story» in einem «großen deutschsprachigen Roman». Und entsprechend handeln auch die Figuren Kraussers vor einer geschichtsträchtigen Kulisse. So wird, während man Alexanders Geschichte erfährt, im Hintergrund die Mauer gebaut und wieder abgetragen, schmeißen wütende 68er-Studenten Steine auf reaktionäre Polizisten, taucht die RAF-Hydra auf und versinkt wieder in Bedeutungslosigkeit.
Die Manie, dem historischen Stoff auf penetrante Art und Weise dauernd Bedeutung abgewinnen zu wollen, parodiert Krausser auf knapp 320 Seiten so gekonnt wie hintergründig.
Gigantomanie und Scheitern in der BRD
Die zwanghafte lebenslange Leidenschaft Alexanders zu der mittellosen Sophie, die im Zentrum des Romans steht, bietet die ideale Grundlage für satirische Verweise auf jene Pop-Epen, die ständig darum bemüht sind, Auskunft zu geben, «wer» und was wir sind.
Aber die Liebesgeschichte, in der ein reicher Magnat vergeblich um eine arme Maid freit, hat einen doppelten Boden. So scheint – oberflächlich betrachtet – alles eine Erwartung zu bedienen: Alexander beerbt seinen Vater und baut dessen Konzern aus, Sophie studiert Politik und schließt sich den Protesten am Ende der 60er an. Bundesrepublikanische Gigantomanie einerseits, verkörpert durch Alexander; bundesrepublikanisches Scheitern andererseits, vertreten durch Sophie, die in die terroristische Szene abrutscht.
Räuberpistolen und Revolverblatt
Helmut Krausser durchlöchert dieses sentimentale Muster allerdings regelrecht mit schrillen Schüssen, die sich aus unterschiedlichen Elementen zusammensetzen: Ironisierte Versatzstücke aus der Schauerromantik, zu Räuberpistolen umgewandelte Krimiepisoden, in Revolverblattmanier verkürzte Biographien. Zuweilen nervt Helmut Kraussers Roman, aber man verliert während des Lesens nie das Staunen vor einer durchaus diabolischen Intelligenz.
Denn man muss schon ein ziemlich bierernster Hermeneutiker sein, wenn man die überzogene Draculaatmosphäre in der Szene, in der Alexander und Sophie das einzige Mal miteinander im düsteren Schloss der von Brückens speisen, nicht bemerkt. Das Fiasko, das daraus folgt, prägt schließlich den ganzen Roman: Angsterfüllt und von den maßlosen Verlangen des Verehrers völlig überfordert flüchtet Sophie, der sie wiederum die nächsten vierzig Jahre auf Schritt und Tritt überwachen lässt.
Parodistische Störgeräusche
Das führt zu völlig grotesken Verwicklungen, in der Alexander von Brückens privater Nachrichtendienst, der mit nichts anderem beschäftigt ist, als die Angebetete zu überwachen, zu Sophies Schutzengel wird. «Eros» sei der gescheiterte Versuch eines großen deutschen Romans schrieben dennoch die meisten Rezensenten. Die durchsichtigen Methoden eben dieses Genres, das eigentlich epische Elemente nur kolportiert und dabei fortwährend Koinzidenzen bemüht, nimmt Krausser vielmehr gekonnt aufs Korn.
Einmal rennt die Protagonistin, als sie wieder mal hoffnungslos pleite ist, einem blinden Losverkäufer in die Arme, der zufälligerweise vor ihrer Haustür lauert – und gewinnt prompt zehntausend Mark. Dass die Lottogesellschaft Alexander von Brücken gehört, ist als Mitteilung fast schon überflüssig.
Tatsächlich nimmt der Roman erst auf den letzten 50 Seiten epische Züge an. Da beschreibt Krausser nämlich die verkümmerte Restexistenz von Sophie, die mithilfe der Stasi unter einem anderen Namen in der DDR untertaucht. Das sind auch die einzigen 50 Seiten, die den Leser in den Stoff hineinziehen – der Rest besticht durch parodistische Störgeräusche.