Karasek liest:
Herr Speer ist fassungslos
26.01.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Alexander von Brücken ist der Sprössling eines deutschnationalen Industriellen, der einen spleenigen Hang zur Architektur kultiviert. Da denkt jeder sofort an Albert Speer. Als unabwendbar die totale Niederlage bevorsteht, kommt der Minister auch einmal die von Brückens besuchen, ist allerdings befremdet über das Konzept des Hausherrn, der einen eiförmigen Familienbunker entwickelt hat und zur Massenproduktion anbietet.
So geschieht es in Helmut Kraussers neuem Roman «Eros». Satirisch beschreibt Krausser hier die Fassungslosigkeit Speers und die Tränen der Bitternis des Herrn von Brücken aus der Perspektive des Sohnes.
Die Manie, dem historischen Stoff auf penetrante Art und Weise dauernd Bedeutung abgewinnen zu wollen, parodiert Krausser auf knapp 320 Seiten so gekonnt wie hintergründig.
Aber die Liebesgeschichte, in der ein reicher Magnat vergeblich um eine arme Maid freit, hat einen doppelten Boden. So scheint oberflächlich betrachtet alles eine Erwartung zu bedienen: Alexander beerbt seinen Vater und baut dessen Konzern aus, Sophie studiert Politik und schließt sich den Protesten am Ende der 60er an. Bundesrepublikanische Gigantomanie einerseits, verkörpert durch Alexander; bundesrepublikanisches Scheitern andererseits, vertreten durch Sophie, die in die terroristische Szene abrutscht.
Denn man muss schon ein ziemlich bierernster Hermeneutiker sein, wenn man die überzogene Draculaatmosphäre in der Szene, in der Alexander und Sophie das einzige Mal miteinander im düsteren Schloss der von Brückens speisen, nicht bemerkt. Das Fiasko, das daraus folgt, prägt schließlich den ganzen Roman: Angsterfüllt und von den maßlosen Verlangen des Verehrers völlig überfordert flüchtet Sophie, der sie wiederum die nächsten vierzig Jahre auf Schritt und Tritt überwachen lässt.
Einmal rennt die Protagonistin, als sie wieder mal hoffnungslos pleite ist, einem blinden Losverkäufer in die Arme, der zufälligerweise vor ihrer Haustür lauert und gewinnt prompt zehntausend Mark. Dass die Lottogesellschaft Alexander von Brücken gehört, ist als Mitteilung fast schon überflüssig.
Tatsächlich nimmt der Roman erst auf den letzten 50 Seiten epische Züge an. Da beschreibt Krausser nämlich die verkümmerte Restexistenz von Sophie, die mithilfe der Stasi unter einem anderen Namen in der DDR untertaucht. Das sind auch die einzigen 50 Seiten, die den Leser in den Stoff hineinziehen der Rest besticht durch parodistische Störgeräusche.
Helmut Krausser: Eros. Roman. Dumont Verlag, Köln, 2006. 318 Seiten. 19, 90 Euro.

