Karasek liest:
Generation Suff
19.01.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der kroatische, hierzulande weitgehende unbekannte, Schriftsteller Edo Popovic erzählt in seinem Roman, der den vielleicht etwas zu tristen Titel «Ausfahrt Zagreb-Süd» trägt, die Geschichte mehrerer Mittvierziger. Das Besondere an ihnen ist, dass sie alle zu der Generation von Kroaten gehören, die die Agonie des jugoslawischen Kommunismus unter Tito noch bewusst miterlebt haben.
Der spätere Bürgerkrieg erwischte sie ziemlich brutal und wahrscheinlich auch ziemlich überraschend, zumal sie eben nicht zu den Entscheidungsträgern des Krieges gehörten; und sich selbst auch im Rückblick nicht als aktive Teilnehmer der Auseinandersetzungen betrachteten.
Aber keine Angst: Popovic hat einen so lesenswerten, witzigen wie intelligenten Roman verfasst. Obwohl alle seine Figuren offensichtlich gescheitert und gestrandet sind, entgeht der 1957 geborene Edo Popovic, der in seiner Heimat kein Unbekannter ist, der Falle einer solchen Konstruktion.
Das Intelligente an Popovics Roman ist, wie er zeigt, dass seine Figuren nicht allein Opfer der Geschichte sind sondern sich (und das entbehrt hinsichtlich des Bürgerkrieges nicht der Komik) mehr als Opfer ihrer eigenen Biografien empfinden.
So präsentiert uns der kroatische Schriftsteller mit «Ausfahrt Zagreb-Süd» eine amüsante Säufergeschichte, in der Baba groß und kindlich glotzt, weil er nicht begreift, warum Vera ihm wütend ein Ultimatum nach dem anderen stellt: Entweder er schwört dem Fusel ab, oder er sucht sich eine neue Bleibe.
Meisterhaft tariert er die unterschiedlichen Stimmungen aus, dosiert genau die Dialog- und Handlungsanteile seiner jederzeit lebendigen Figuren. Das bewahrt ihn schließlich vor der Tristesse, die seine Geschichte zugleich immer in sich trägt.
Popovic hat auch keinen Grund, zu jammern: Zu genau kennt er das Milieu, das er beschreibt, und er weiß wohl selbst um die Flucht in den Rausch. So ist sein knapp 190-seitiger Roman eines jener Bücher, welches die Mechanismen des Suffs subtil thematisieren. Jedoch zeigt sein Buch deutlich mehr.
Dass er auch Alkoholiker ist, sich zu einer Entziehungskur zwingt und am Ende eine Frau kennen lernt, ist deshalb so schön zu lesen, weil Popovic sich selbst und seiner Generation einen Spiegel vorhält. All jenen, die aus den gesellschaftlichen und historischen Bedingungen ihrer Zeit fliehen wollten und daran gescheitert sind.
Weil es Popovic gelingt, jeder Figur ihre eigene Stimme zu verleihen, gerät ihm der Roman nie zu einem aufgeblasenen Manifest. Die disziplinierte Sparsamkeit und der schillernde Stil dieses Autors leistet eine geschickte Überschneidung der Innenwelt der Figuren mit den Bedingungen ihrer Realität. All das ist, nebenbei bemerkt, ziemlich witzig zu lesen und von Alida Bremer schön und elegant ins Deutsche übertragen worden.
Edo Popovic: Ausfahrt Zagreb-Süd. Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Voland & Quist 2006, 180 Seiten (Mit CD), 17,90 Euro

