Down and Out in Zagreb-Süd: Den Romanfiguren Edo Popovics fällt es nicht immer leicht, Haltung zu bewahren. Sie verzichten auf Strom, Wasser und Heizung, verlieben sich und schauen immer wieder viel zu tief ins Glas.
Für die Netzeitung von Benjamin Beck
Von Manuel Karasek
Der kroatische, hierzulande weitgehende unbekannte, Schriftsteller Edo Popovic erzählt in seinem Roman, der den vielleicht etwas zu tristen Titel «Ausfahrt Zagreb-Süd» trägt, die Geschichte mehrerer Mittvierziger. Das Besondere an ihnen ist, dass sie alle zu der Generation von Kroaten gehören, die die Agonie des jugoslawischen Kommunismus unter Tito noch bewusst miterlebt haben.
Der spätere Bürgerkrieg erwischte sie ziemlich brutal – und wahrscheinlich auch ziemlich überraschend, zumal sie eben nicht zu den Entscheidungsträgern des Krieges gehörten; und sich selbst auch im Rückblick nicht als aktive Teilnehmer der Auseinandersetzungen betrachteten.
Gescheitert und Gestrandet
Das ist insofern interessant, als Popovic den sozialen Rahmen seiner Figuren im Niemandsland einer Hochhaussiedlung am Rande von Zagreb im Jahre 2004 ansiedelt; betongrauer kann eine solche Geschichte nicht daherkommen.
Aber keine Angst: Popovic hat einen so lesenswerten, witzigen wie intelligenten Roman verfasst. Obwohl alle seine Figuren offensichtlich gescheitert und gestrandet sind, entgeht der 1957 geborene Edo Popovic, der in seiner Heimat kein Unbekannter ist, der Falle einer solchen Konstruktion.
Die Liebste in Zagreb
Statt klebrig und sentimental die verschiedenen Opferrollen der Protagonisten auszuloten, demonstriert der Kroate beiläufig, ja leichtfüßig, wie es seine Figuren durch die Geschichte an viele Orte zerstreut hat. Tom zum Beispiel lebt nun London und befindet sich mit seiner Jugendliebe, der in Zagreb zurückgebliebenen Vera, in andauerndem E-Mail-Kontakt.
Das Intelligente an Popovics Roman ist, wie er zeigt, dass seine Figuren nicht allein Opfer der Geschichte sind – sondern sich (und das entbehrt hinsichtlich des Bürgerkrieges nicht der Komik) mehr als Opfer ihrer eigenen Biografien empfinden.
Der Fusel oder ich
Besonders deutlich lässt sich das an der Geschichte von Veras Lebensgefährten Baba ablesen, einem ehemaligen Schriftsteller, der nun als Redakteur arbeitet – und der vor einigen Jahren einen Bestseller hatte landen können. Es blieb sein einziges Buch. Hauptstrang von Popovics Handlung ist Babas ebenso unschuldiges wie exzessives Verhältnis zum Alkohol, das Vera schier zur Verzweiflung bringt.
So präsentiert uns der kroatische Schriftsteller mit «Ausfahrt Zagreb-Süd» eine amüsante Säufergeschichte, in der Baba groß und kindlich glotzt, weil er nicht begreift, warum Vera ihm wütend ein Ultimatum nach dem anderen stellt: Entweder er schwört dem Fusel ab, oder er sucht sich eine neue Bleibe.
Unschuldiger Baba
Auf Kosten der eigenen Figuren witzig zu sein, gehört zu den leichteren Übungen der Schriftstellerzunft. Diese Ebene bearbeitet Popovic geschickt mit den Elementen des weltweit gängigen Popromans. Die Stärke seines Buches speist sich aber vor allem aus dem scheinbar unschuldigen Blick Babas, der die Entsprechung zu Popovics unbefangenem wie poetischem Blick ist.
Meisterhaft tariert er die unterschiedlichen Stimmungen aus, dosiert genau die Dialog- und Handlungsanteile seiner jederzeit lebendigen Figuren. Das bewahrt ihn schließlich vor der Tristesse, die seine Geschichte zugleich immer in sich trägt.
Popovic hat auch keinen Grund, zu jammern: Zu genau kennt er das Milieu, das er beschreibt, und er weiß wohl selbst um die Flucht in den Rausch. So ist sein knapp 190-seitiger Roman eines jener Bücher, welches die Mechanismen des Suffs subtil thematisieren. Jedoch zeigt sein Buch deutlich mehr.
Spiegel einer Generation
An Kanceli, ein ehemaliger Rechtsanwalt und Babas Freund, sieht man, dass die Bedingungen des großen Dursts direkt mit der kroatischen Gesellschaft und der Generation Popovics zusammenhängen. Kanceli lebt in einer Wohnung ohne Strom, Wasser oder Heizung.
Dass er auch Alkoholiker ist, sich zu einer Entziehungskur zwingt und am Ende eine Frau kennen lernt, ist deshalb so schön zu lesen, weil Popovic sich selbst und seiner Generation einen Spiegel vorhält. All jenen, die aus den gesellschaftlichen und historischen Bedingungen ihrer Zeit fliehen wollten – und daran gescheitert sind.
Weil es Popovic gelingt, jeder Figur ihre eigene Stimme zu verleihen, gerät ihm der Roman nie zu einem aufgeblasenen Manifest. Die disziplinierte Sparsamkeit und der schillernde Stil dieses Autors leistet eine geschickte Überschneidung der Innenwelt der Figuren mit den Bedingungen ihrer Realität. All das ist, nebenbei bemerkt, ziemlich witzig zu lesen und von Alida Bremer schön und elegant ins Deutsche übertragen worden.
Edo Popovic: Ausfahrt Zagreb-Süd. Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Voland & Quist 2006, 180 Seiten (Mit CD), 17,90 Euro