Thomas Hettches neuer Roman rührt an der Faszination für die Rätsel Amerikas. Eine schwarze Frau im Rollstuhl und die Zungenküsse mit einem Teenager namens Asia zeigen uns «woraus wir gemacht sind.»
für die NZ von Tal Sterngast und Kolja Kunt
Von Manuel Karasek
Einmal erinnert sich der Schriftsteller Niklas Kalf in Thomas Hettches neuem Roman «Woraus wir gemacht sind» an seine im fünften Monat schwangere Frau Liz. «Ihr Lächeln war ihm so vertraut wie sein eigenes Gesicht.», heißt es da. Der Mann hat allen Grund, sich die schönsten Seiten seiner Frau immer wieder ins Bewusstsein zu rufen – Liz ist nämlich entführt worden.
Wenig später sitzen Niklas Kalf und Lavinia – eine Mitarbeiterin des amerikanischen Verlags, welcher sein Buch herausbringt – auf einer Bank im New Yorker Central Park. Dabei beunruhigt sie nicht nur die Tatsache, dass die Entführung von Liz mit dem Stoff von Kalfs neuem Buch zusammenhängt. Die beiden haben auch keine Ahnung, in welchem Winkel des Riesenlandes USA Liz derzeit versteckt gehalten wird.
Pink getönte Brille
Thomas Hettche
Foto: dpa
Es ist die alte deutsche Ehrfurcht vor diesem jungen aber unermesslich weit erscheinenden Kontinent, der der 1965 geborene Thomas Hettche in seinem 320-seitigen Roman noch einmal Gestalt verleiht. Der Titel «Woraus wir gemacht sind» verweist auf zweierlei: Auf die Spurensuche Kalfs, die seiner verschwundenen Frau gilt und doch zugleich von einem Willen zu gleichsam metaphysischer Investigation angetrieben wird.
Und auf das deutsche Verhältnis zu Amerika, das nach 1989 ein anderes ist als zuvor. Zunächst sitzt Kalf im Central Park, wild entschlossen, seine nun schon zehn Tage andauernde Untätigkeit aufzugeben und sich auf die Suche nach Liz zu begeben. Da kommt eine «sehr große Asiatin vorbei, deren Augen ausdruckslos hinter dem pink getönten Glas verharrten.»
Hettches Falltüren
Man fragt sich, ob hinter farbgetönten Brillen der Ausdruck in den Augen zu erkennen ist. Ebenso stolpert man über die im gleichen Absatz befindliche Bemerkung, dass im Central Park «indische Jogger natürlich» unterwegs seien. Viele solcher Beschreibungen sorgten bereits bei einigen Rezensenten für Unmut. Man mag diesen Roman wegen manch sprachlicher Wendungen, die fragwürdig (oder zumindest schräg) erscheinen, also ablehnen.
Aber gleichzeitig ist auch evident, dass Hettches Sprache – und somit auch seine Geschichte - über Falltüren verfügt. Wer nicht aufpasst, missversteht leicht, dass der Autor mit den Elementen, die sich aus zwei Quellen speisen, spielerisch umgeht.
Hat Kalf die Formel?
Einerseits Pulp, andererseits Metaphysik. Ob das gelungen ist, weiß man nicht so recht. Sobald die Entführer sich melden, fährt dem Helden ein Schreck durch die Glieder, oder das Herz schlägt ihn bis zum Hals. Eine an den Rollstuhl gefesselte schwarze Frau taucht auf – die zum Umfeld der Kidnapper gehört, stellt mysteriöse Forderungen, spricht in Rätseln.
Und auch die Hintergrundgeschichte - immerhin die Ursache der Verschleppung – bleibt seltsam nebulös: Kalf hat eine Biographie über den jüdischen Physiker Eugen Meerkaz geschrieben, der auf der Flucht vor den Nazis in Amerika Brot und Bleibe fand – und an einem Programm eines Raketentreibstoffes beteiligt war, dessen Formel die Entführer in Kalfs Händen glauben.
Ein Minimum an Philosophie
Der mehr oder weniger ahnungslose Schriftsteller wird Palmen in L.A. und Wüsten in Texas aufsuchen, selbst auf der Suche nach einer Formel, die ihm das Verschwinden seiner Frau erklärt.
«Du grübelst zuviel!», wirft eine Frau Kalf im sanften Ton einmal vor, indes Thomas Hettche ein Minimum an Psychologie und ein Maximum an philosophischen Erörterungen aufbietet. Warum, so fragt man sich, zögern die Angehörigen von Liz selbst nach mehreren Monaten beunruhigenden Schweigens, die Polizei einzuschalten?
Ständig unterwegs
Dass eheliche Westen nicht immer weiß bleiben, ist schließlich sattsam bekannt. Warum aber Kalf ein Verhältnis mit einem knackigen, asiatischen Teenager anfängt, ist mit Triebabfuhr nur unzureichend zu erklären. Nur scheint sich Hettche den Kopf nicht allzu sehr über die Kausalität der Handlung zu zerbrechen.
Die Abfolgen demonstrieren allerdings, dass nicht allein Liz von der Bildfläche verschwunden ist, sondern auch das Selbstbildnis des Niklas Kalf, mit dem sich die Hauptfigur identisch glaubte. Woraus wir gemacht sind – dieser wunderschöne Romantitel, das ist offensichtlich an einem Ort zu finden, zu dem wir dauernd unterwegs sein müssen.
Das Zwielicht der Wahrheit
Ob der alte wie knochige Mann, der einer Tankstelle in der Wüstenstadt Marfa vorsteht, schon an jenem Ort angelangt ist, an dem sich alle Fragen von selbst beantworten? Vielleicht. Eines Tages lenkt Niklas Kalf seinen VW an eine der Zapfsäulen.
Und damit beginnt eine schwer zu definierende Bilder- und Gedankensequenz, ein abgefahrener, mephistophelischer Trip, in der sich der Tankwart nacheinander in Henry Fonda, Robert Duvall und Robert de Niro verwandelt. «Ja, die Beichte», erklärt der Mann. «Das Zwielicht der Wahrheit. Das ist sehr europäisch.»
Mit Coleridge und Borges
Und wenig später sagt er – in Anspielung auf Calderon und Shakespeare: «Dass das Leben ein Traum sei und man selbst ein Schmetterling, der träume, er sei ein Mensch. Das ist der Moment der Geburt des modernen Europa aus der barocken Melancholie. Wenig hat euch so begeistert wie die Annahme, eigentlich sei nicht zu unterscheiden, was wirklich ist und was ausgedacht.»
Starke Signale, wenn es um solche Fragen geht, die Coleridge und Borges einst beschäftigten. Hettche wischt nicht weg, woraus jene Popsozialisation seiner Generation besteht. Er vertieft sich mit schönen Wendungen in ein Verhältnis, das – so albern das in manchen Ohren klingen mag – so etwas wie Dankbarkeit und Liebe zu Amerika auslotet.
Alberner Porno
Noch sind Kain und Abel, obwohl durch einen Ozean getrennt, sich ihrer Brüderlichkeit bewusst. Doch was dem Philosophen Recht ist, muss der gemeine Leser nicht verstehen. Aber gerade mit dem flirtet Hettche so heftig, dass er Niklas Kalf mit der achtzehnjährigen Asia eine heiße Nacht erlebt lässt, die folgendermaßen beschrieben wird:
«Nun öffneten ihre Lippen sich weit, und sie leckten sich die Münder aus, und Asia löste ihren Mund auch dann nicht von seinem, als sie sich auf ihn setzte, ihre Möse glitschig von seinem Sperma und pulsierend weit offen.»
Es gibt kein moralisches oder geschmackliches Problem mit solchen Szenen. Immerhin ist ja auch John Updike ein Meister der literarischen Pornographie. Bei Hettche wirken diese Passagen aber, gelinde gesagt, ein wenig albern. Es ist nicht die einzige Szene, in der der Autor auf Trivialmuster zurückgreift. Viel Platz räumt er auch einer Schießerei in L.A. ein, in der die Entführer auf Niklas Kalf losballern.
Das E und das U
So gibt es viele Filmverweise in Hettches Roman: Wim Wenders, Tarantino und Hardcore-Pornos kommen vor. Umgewandelt in Literatur funktionieren sie nur von Mal zu Mal. Beeindruckend beispielsweise, wenn Hettche beschreibt, wie Kalf eine Schussverletzung in seinem Bein ohne medizinische Hilfe auskuriert.
So schwanken die Hauptfigur wie sein Schöpfer durch Licht und Schatten einer amerikanischen Traumwelt, die sich aus der Wirklichkeit herzuleiten scheint. Noch einmal tanzt ein deutscher Autor um das Kalb, das auf seinen Rücken das große E und U der Kultur eingebrannt bekommen hat.
Warum Ovid?
Am Ende, kurz bevor es zur Auflösung aller Fragen geht, befindet sich der Held in einer jener Villen, die in traumhafter kalifornischer Küstenumgebung liegen – und die auch Thomas Mann mit seiner Familie bewohnt haben könnte. Er spricht dort mit der Witwe von Eugen Meerkaz, die in dem ganzen dubiosen Spiel eine zwielichtige Rolle innehat.
Und auf dem Tisch liegt ein Band von Ovid, auf Deutsch, aus dem Kalf, kurz bevor er sich verabschiedet, ein wenig vorliest. Schön ist diese Stelle schon, aber man weiß nicht so recht, ob es zwingende Gründe gibt, dass zufälligerweise dieser Band da liegt. Vielleicht hat es sich Thomas Hettche in mancherlei Hinsicht etwas zu leicht gemacht. Vielleicht ist das aber auch nur eine Unterstellung.
Thomas Hettche: Woraus wir gemacht sind. Kiepenheuer & Witsch 2006, 320 Seiten. 19,90 Euro