Ende 1992 kam es in Bombay zu einem furchtbaren Pogrom. Aufgehetzt durch die faschistische Hindu-Partei «Shiv Sena» und ihren Anführer Bal Thackeray zogen fanatische Hindus, ausgerüstet mit Benzinkanistern, durch die Straßen der muslimischen Viertel und brachten jeden Moslem, dessen sie habhaft werden konnten, auf grausame Weise um.
1500 Menschen wurden Opfer des mörderischen Mobs. «Ein Mensch, der brennt», erzählt einer der Teilnehmer Jahre später dem Journalisten Suketu Mehta mit infernalischem Stolz, «springt auf, stürzt, rennt um sein Leben, stürzt abermals, steht wieder auf und rennt weiter. Du würdest den Anblick nicht ertragen. Sein Körper trieft von Öl, seine Augen weiten sich, das Weiße wird sichtbar, Wasser tropft von ihm herunter, und überall wird er weiß, überall weiß.»
Vor dem Journalisten Metha macht er eine hohle Hand und fügt hinzu: «Mit Nägeln. Ich vergrub das Zeug in lockerer Erde und schüttete Chili-Wasser und mit Minze gemischtes Wasser drüber, damit die Hunde das RDX» – den Sprengstoff – «nicht erschnüffeln konnten.» Am nächsten Tag hörte er einen Riesenknall und sah Rauch aus dem Gebäude der Börse aufsteigen. «Wir gingen zum J.J Hospital. Dort lagen massenhaft Tote herum, jeweils zwanzig bis fünfundzwanzig.»
Wer diese Unruhen hauptsächlich zu verantworten hatte – das erwies sich allmählich durch die Enthüllungen der Srikrishna-Kommission – war der radikale Führer und Gründer der «Shiv Sena», Bal Thackeray, den Suketu Mehta ebenfalls für sein Buch «Bombay. Maximum City» aufgesucht hat. Wie erwartet zeigte sich der Volksaufhetzer uneinsichtig. «Die Muslime aus Bangladesh müssen vertrieben werden», meint er.«Man muss herausfinden, wer die Unruhestifter sind, die Aufrührer. Und dann müssen sie hängen. Nicht zurückschicken. Aufhängen. Das ist meine Politik.» Dieses Buch – knapp 800 Seiten lang – birgt tatsächlich Unglaubliches. Und die Pogrome von 1992 mit den darauf folgenden Unruhen sind nur der Ausgangspunkt einer phantastischen urbanen Investigation, die zeitweise wie ein Science-Fiction-Roman aus der Unterwelt anmutet.
«Man muss herausfinden, wer die Unruhestifter sind, die Aufrührer. Und dann müssen sie hängen. Nicht zurückschicken. Aufhängen. Das ist meine Politik.» Dieses Buch – knapp 800 Seiten lang – birgt tatsächlich Unglaubliches. Und die Pogrome von 1992 mit den darauf folgenden Unruhen sind nur der Ausgangspunkt einer phantastischen urbanen Investigation, die zeitweise wie ein Science-Fiction-Roman aus der Unterwelt anmutet.
«Zu meinen Aufgaben gehörte das Reinigen des Galgens», lässt Mehta einmal den Auftragmörder Satish von seiner Häftlingszeit berichten. Richtig Arbeit habe das Reinigen des darunter liegenden Raums gemacht. «Satish zufolge kann sich niemand, der bloß das Podest sieht, vorstellen, wie die Gehängten beim Sturz leiden. Der Raum unter dem Podest war voller Fäkalien und Zungen. Die Verurteilten machten sich, während sie sich am Seil wanden, in die Hose und bissen sich die Zunge ab.»Der davon zu berichten weiß, ist ein eiskalter Killer. Aber «Killer, so Satish, sind überaus sensibel und nehmen sich alles leicht zu Herzen. Das bereitet ihm in der Liebe Probleme.» Die Wirklichkeit eines fünfundzwanzigjährigen Mannes, zu dessen beruflichem Alltag das Auslöschen von Menschenleben gehört, mutet grenzenlos bizarr an.
Der davon zu berichten weiß, ist ein eiskalter Killer. Aber «Killer, so Satish, sind überaus sensibel und nehmen sich alles leicht zu Herzen. Das bereitet ihm in der Liebe Probleme.» Die Wirklichkeit eines fünfundzwanzigjährigen Mannes, zu dessen beruflichem Alltag das Auslöschen von Menschenleben gehört, mutet grenzenlos bizarr an.
Und es gehört zu einer der stärksten Szenen in diesem Buch, das nur so strotzt vor bemerkenswerten Passagen, als Satish, die Waffe in der Hand, plötzlich Suketu Mehta geradeheraus fragt: «Haben Sie Angst vor dem Tod?» «Meine Antwort ist wichtig», schreibt der 1963 geborene Journalist. «Meine Antwort muss sitzen.» Satish lädt indessen die Waffe: «Was, meinen Sie, wird nach ihrem Tod, mit Ihnen passieren?»Die Ereignisse, über die Suketu Mehta berichtet, künden hauptsächlich von Grausamkeiten und bodenloser Brutalität, die die Vorstellungskraft sprengen. So wie auch Bombay dauernd die Vorstellungskraft ihrer 16 Millionen Einwohner zu sprengen scheint: Stadt der Kriminellen, Stadt unglaublicher Armut und unvorstellbaren Reichtums, Stadt von Bollywood, Stadt der Träume und Alpträume, die sich in dieser Megalopole ungewöhnlich nah sind, als multiplizierten sie sich gegenseitig.Bombay, das wird beim Lesen zunehmend deutlich, ist eine Stadt des Zeugungsakts, der Schöpfung und gleichzeitig eine Stadt der Auslöschung und Vernichtung.
Die Ereignisse, über die Suketu Mehta berichtet, künden hauptsächlich von Grausamkeiten und bodenloser Brutalität, die die Vorstellungskraft sprengen. So wie auch Bombay dauernd die Vorstellungskraft ihrer 16 Millionen Einwohner zu sprengen scheint: Stadt der Kriminellen, Stadt unglaublicher Armut und unvorstellbaren Reichtums, Stadt von Bollywood, Stadt der Träume und Alpträume, die sich in dieser Megalopole ungewöhnlich nah sind, als multiplizierten sie sich gegenseitig.
Bombay, das wird beim Lesen zunehmend deutlich, ist eine Stadt des Zeugungsakts, der Schöpfung und gleichzeitig eine Stadt der Auslöschung und Vernichtung.
Sie steht exemplarisch für die gigantischen Städte, die in den letzten 30 Jahren entstanden sind: Mexiko City, Teheran, Sao Paulo, Lagos - mit ihren Visionen von sozialer Mobilität, wie Carolin Emcke in ihrem Nachwort schreibt, mit ihrer unglaublich schlechten Wasserversorgung und anderen sanitären Problemen, die schier unlösbar erscheinen.In Bombay suchen Millionen von Menschen mehrmals am Tag in der freien Natur (soweit sie tatsächlich frei ist) einen Platz zum Defäkieren auf. Auf der Titanic gab es zu wenig Rettungsboote, in der indischen Metropole gibt es zu wenig funktionierende Toiletten. Joyce' berühmtes Buch über Dublin, «Ulysses», zeigt ja in einer ultrarealistischen Szene seinen Helden Leopold Bloom Zeitung lesend auf den Lokus.Nach «Ulysses» gab es viele gigantische Stadtromane, deren überbordende Sprache der urbanen Ausdehnung der Moloche entsprechen musste. Man denke nur an Cabrera Infantes Havanna in «Drei traurige Tiger» oder Fernando del Pasos Mexiko City in «Palinurus von Mexiko».
In Bombay suchen Millionen von Menschen mehrmals am Tag in der freien Natur (soweit sie tatsächlich frei ist) einen Platz zum Defäkieren auf. Auf der Titanic gab es zu wenig Rettungsboote, in der indischen Metropole gibt es zu wenig funktionierende Toiletten. Joyce' berühmtes Buch über Dublin, «Ulysses», zeigt ja in einer ultrarealistischen Szene seinen Helden Leopold Bloom Zeitung lesend auf den Lokus.
Nach «Ulysses» gab es viele gigantische Stadtromane, deren überbordende Sprache der urbanen Ausdehnung der Moloche entsprechen musste. Man denke nur an Cabrera Infantes Havanna in «Drei traurige Tiger» oder Fernando del Pasos Mexiko City in «Palinurus von Mexiko».
Suketu Mehtas 770 seitenlanges Buch liest sich stellenweise wie ein Roman – und mutet wie ein Ulysses der Reportageliteratur an. Das Aufregende dabei ist, dass es nicht nur die Extreme von gigantomanen städtischen Auswucherungen einfängt, sondern auch demonstriert, unter welchen Bedingungen ein nicht geringer Teil der Menschheit heutzutage lebt.«Benchod!», fluchen die Leute in Bombay des öfteren – und der Ausdruck kann für alles Mögliche stehen. Dem Leser, der sich zunächst nicht leicht tut, in das Buch rein zu kommen (die indische Welt erscheint einem Europäer erst einmal fremd), wird der Ausdruck schnell vertraut. Der Bandenboss heißt «bhai», die Killer glauben an das «karma». «Ein Mädchen ist» in der Sprache der Auftragsmörder, «auch paaya, paneri oder chawal, also Reis, der verschiedene Qualitäten haben kann.»
«Benchod!», fluchen die Leute in Bombay des öfteren – und der Ausdruck kann für alles Mögliche stehen. Dem Leser, der sich zunächst nicht leicht tut, in das Buch rein zu kommen (die indische Welt erscheint einem Europäer erst einmal fremd), wird der Ausdruck schnell vertraut. Der Bandenboss heißt «bhai», die Killer glauben an das «karma». «Ein Mädchen ist» in der Sprache der Auftragsmörder, «auch paaya, paneri oder chawal, also Reis, der verschiedene Qualitäten haben kann.»
Aber anders als ein Schriftsteller, dem es um reine Verdichtung geht, sucht Suketu Mehta die unterschiedlichen Lebensformen einer Stadt auf, in der man problemlos nachts ausgehen kann, während jeder Wohlhabende und Reiche vor Schutzgelderpressung und Entführung zittert.Eine der schönsten Geschichten ist die einer wunderschönen Bartänzerin, die Mehta mit einem Pseudonym belegt: Monalisa. «An einem guten Abend verdient eine Tänzerin in einer Bar in Bombay doppelt soviel wie eine erstklassige Stripperin in New York», berichtet Mehta zunächst einmal. Der Unterschied sei nur, dass «die Tänzerinnen mehr am Leib» tragen «als eine gewöhnliche Sekretärin in Bombay am helllichten Tag.»
Eine der schönsten Geschichten ist die einer wunderschönen Bartänzerin, die Mehta mit einem Pseudonym belegt: Monalisa. «An einem guten Abend verdient eine Tänzerin in einer Bar in Bombay doppelt soviel wie eine erstklassige Stripperin in New York», berichtet Mehta zunächst einmal. Der Unterschied sei nur, dass «die Tänzerinnen mehr am Leib» tragen «als eine gewöhnliche Sekretärin in Bombay am helllichten Tag.»
Auch das Procedere ist ein anderes als in einer New Yorker Strip-Bar. «Die Gäste überschütten die Tänzerinnen im wahrsten Sinne des Wortes mit Geld», so Mehta weiter. «Die Gäste gehen zur Bühne und halten ein Bündel Geldscheine über den Kopf ihrer Lieblingstänzerin. Geführt von einer erfahrenen Hand fliegen die Scheine über dem Kopf der Tänzerin durch die Luft und verteilen sich nach allen Seiten.»Die Königin einer der größten Bierbars in der Stadt, dem «Sapphire», ist schließlich Monalisa. «Diese Mädchen hier hatte eine Art, dem Publikum den Rücken zuzukehren, sich vorzubeugen und langsam den Hintern kreisen zu lassen», berichtet Mehta, «die nur an eines denken ließ, und zwar im Doggy-Style. Sie… gab sich hin.»
Die Königin einer der größten Bierbars in der Stadt, dem «Sapphire», ist schließlich Monalisa. «Diese Mädchen hier hatte eine Art, dem Publikum den Rücken zuzukehren, sich vorzubeugen und langsam den Hintern kreisen zu lassen», berichtet Mehta, «die nur an eines denken ließ, und zwar im Doggy-Style. Sie… gab sich hin.»
Darauf folgen unglaubliche Passagen, in der der Journalist eine junge Frau beschreibt, der die Welt aufgrund ihrer Schönheit zu Füßen liegt. Doch die seelischen Abstürze, die Monalisa erlebt hat, sind ebenso unfassbar. Mehta fragt sie nach den Narben auf ihrem Arm, die von zahlreichen Selbstmordversuchen und Selbstverstümmelungen künden.Die Gründe dafür waren Einsamkeit, Liebeskummer und die fürchterlichen familiären Verhältnisse einer Kindheit im Slum. «Ihre Venen versorgen ihre Handflächen nicht mehr ausreichend mit Blut, weil sie so oft aufgeschlitzt wurden. Ihr Handgelenk ist vernarbt und zerfurcht wie ein ausgefahrener Feldweg. Sie kann nichts Schweres heben. Einer ihrer Suizidversuche war so heftig, dass ihre Hand fast abgefallen wäre und bei einer Operation wieder angenäht wurde. Sie ist zwanzig Jahre alt.»
Die Gründe dafür waren Einsamkeit, Liebeskummer und die fürchterlichen familiären Verhältnisse einer Kindheit im Slum. «Ihre Venen versorgen ihre Handflächen nicht mehr ausreichend mit Blut, weil sie so oft aufgeschlitzt wurden. Ihr Handgelenk ist vernarbt und zerfurcht wie ein ausgefahrener Feldweg. Sie kann nichts Schweres heben. Einer ihrer Suizidversuche war so heftig, dass ihre Hand fast abgefallen wäre und bei einer Operation wieder angenäht wurde. Sie ist zwanzig Jahre alt.»
Wenn man bei dieser Stelle angelangt ist, hat man schon 400 Seiten gelesen, und alles über Profikiller, korrupte Politiker, ethnische Konflikte und die großen Bandebosse Bombays erfahren. Da erzählt dann Suketu Mehta über 150 Seiten die bodenlosen wie gleichzeitig bezaubernden Geschichten von Monalisa.Sie stehen schließlich auch sinnbildlich für die unterschiedlichen Formen von sexueller Versorgung in der Megastadt Bombay. Wie die haargenauen Schilderungen der kriminellen Organisationen eine Schattenwirtschaft aufzeigen, die mehr Leute ernährt als der Staat. Es mag unendlich zynisch klingen: Aber junge Männer wie Satish sehen keine anderen Perspektiven für sozialen Aufstieg als den Abstieg in die Kriminalität. Mord ist hier ein normaler Beruf, wenngleich – das verdeutlicht Mehta – auch ein besonders perverser.
Sie stehen schließlich auch sinnbildlich für die unterschiedlichen Formen von sexueller Versorgung in der Megastadt Bombay. Wie die haargenauen Schilderungen der kriminellen Organisationen eine Schattenwirtschaft aufzeigen, die mehr Leute ernährt als der Staat. Es mag unendlich zynisch klingen: Aber junge Männer wie Satish sehen keine anderen Perspektiven für sozialen Aufstieg als den Abstieg in die Kriminalität. Mord ist hier ein normaler Beruf, wenngleich – das verdeutlicht Mehta – auch ein besonders perverser.
«Maximum City» ist ein langes Buch, und es kann die Geduld des Lesers durchaus auf die Probe stellen. Man sollte den erforderlichen langen Atem aber aufbringen. Am Ende erzählt der Autor zwei unglaubliche Geschichten: Von dem jungen Babbanji, der aus einem Dorf nach Bombay zog, als Bettler auf der Straße lebt und eindringlich schöne Verse schreibt – als Beobachtung des Bauchs einer Stadt:«Was kann man verkaufen auf diesem Jahrmarkt?/ Welchen Rausch kann diese Erde bergen, / dass die Naiven und Unschuldigen herkommen, / wo sich die Wege von Hast und Diebstahl kreuzen?... / Sie sind auf der Suche nach Träumen, / die mit ihren Träumen kollidieren.»
«Was kann man verkaufen auf diesem Jahrmarkt?/ Welchen Rausch kann diese Erde bergen, / dass die Naiven und Unschuldigen herkommen, / wo sich die Wege von Hast und Diebstahl kreuzen?... / Sie sind auf der Suche nach Träumen, / die mit ihren Träumen kollidieren.»
Die andere Geschichte ist die der Pendler, die jeden Morgen in völlig überfüllten Zügen zu ihrer Arbeit fahren. «Mehr als tausend Slumbewohner kommen jährlich bei Zugunfällen ums Leben.», berichtet Mehta, «Mitfahrende wiederum, die aus dem Zug heraushängen, weil sie sich am Fenster festhalten, werden von Strommasten getötet, die zu nahe an den Gleisen stehen. Ein einzelner Mast kostet etwa zehnmal im Monat einen Pendler das Leben.»Und: «Den Zügen von Bombay fallen jährlich viertausend Menschen zum Opfer.» Mehta fragt deshalb einmal Asad bin Saif, einen Mann von einer Bürgerinitiative, ob er nicht, was die Zukunft Bombays angehe, pessimistisch sei. «Gar nicht», antwortet er, «Sehen Sie nur die Hände, die aus den Zügen gestreckt werden.» Alle würden, obwohl der Zug vollkommen überfüllt ist, noch zusammenrücken. Vielleicht ist das das Geheimnis der Anziehungskraft von Bombay, der Stadt der Träume und Alpträume. Suketu Mehta: Bombay. Maximum City. Mit einem Nachwort von Carolin Emcke. Suhrkamp Verlag 2006. 782 Seiten. 26, 80 Euro.
Und: «Den Zügen von Bombay fallen jährlich viertausend Menschen zum Opfer.» Mehta fragt deshalb einmal Asad bin Saif, einen Mann von einer Bürgerinitiative, ob er nicht, was die Zukunft Bombays angehe, pessimistisch sei. «Gar nicht», antwortet er, «Sehen Sie nur die Hände, die aus den Zügen gestreckt werden.» Alle würden, obwohl der Zug vollkommen überfüllt ist, noch zusammenrücken. Vielleicht ist das das Geheimnis der Anziehungskraft von Bombay, der Stadt der Träume und Alpträume. Suketu Mehta: Bombay. Maximum City. Mit einem Nachwort von Carolin Emcke. Suhrkamp Verlag 2006. 782 Seiten. 26, 80 Euro.