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Karasek spricht: 

Gottes verdammtes Angesicht

15. Sep 2006 07:33
John Updike hat sich an einem Roman über den islamischen Terrorismus versucht. Dabei begreift er leider nur wenig von den Fliehkräften des Bösen.

für die NZ von Tal Sterngast

Von Manuel Karasek

Wie verunglückt dieses Buch teilweise ist, merkt man vor allem an seinem Ende. Da befinden wir uns im dichten Morgenverkehr des Lincolntunnels, der New Jersey und New York miteinander verbindet. Das Jahr der Handlung? Fünf Jahre nach dem 11. September. Und wir, die gepeinigten Leser, haben folgende Szene in Updikes neuem Roman «Terrorist» vor Augen:

Da hockt ein achtzehnjähriger, teils arabischstämmiger Junge in einem schmutzigen, alten Lastwagen. Dieser ist vollbeladen mit einem Düngemittel, welches wiederum mit einer Sprengvorrichtung verbunden ist. Ahmed, die Hauptfigur dieses vierhundertseitigen Werkes, wird sich selbst ins Paradies und die Ungläubigen, die um ihn herum friedlich und ahnungslos in ihren Autos sitzen, in die Hölle bomben.

Die Mutter eines Monsters

John Updike
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Das an sich wäre schon ein makaberer Schluss. Irgendwann macht es ganz laut «Bumm» – und wir schlagen das Buch zu. Doch wer die Katastrophe verhindert, ist der jüdische Beratungslehrer Jack Levy, der auf dem Beifahrersitz sitzt und auf den vaterlosen und von Islamisten instrumentalisierten Ahmed einredet.

Erst nüchtern: «Denken Sie an Ihre Mutter. Sie wird nicht nur Sie verlieren, sondern als die Mutter eines Monsters bekannt werden. Eines Wahnsinnigen.» Dann aber wird der von Altersdepressionen geplagte Jack Levy wehleidig und wütend und es klingt ganz anders:

«Schau doch in Gottes verdammtes Angesicht, ich hab nichts dagegen. Was soll ich schon dagegen haben? Eine Frau, nach der ich verrückt war, hat mich abgehängt, mein Job zieht mich nur runter, Morgen für Morgen wache ich um vier auf und schlafe nicht mehr. Meine Frau – ach, es ist alles zu traurig.»

Thema verfehlt!

Ja, wahrlich, das ist es. Aber leider ist die zentrale Passage des neuen Romans von Updike vor allem peinlich. In bester Hollywoodmanier versucht ein guter Mensch einen kurzfristig ins Böse abgedrifteten anderen von seiner fanatisch-bösen Tat abzuhalten – und vom Lastwagen aus erblicken Ahmed und Jack darüber hinaus noch zwei süße kleine Kinder, wie sie hinter der Scheibe eines Autos Faxen schneiden.

Immerhin ist selbst ein mäßiger Roman von Updike noch lesenswert. «Terrorist» hat einige sehr schöne Szenen zu bieten, auch die Figuren sind alles andere als uninteressant, aber sein Thema hat der erfahrene, 73-jährige Autor diesmal ein wenig verfehlt. Das liegt vor allem daran, dass er den islamischen Terrorismus lediglich über psychologische Muster zu erklären versucht, dabei allerdings soziologische Phänomene – wie zum Beispiel die spezielle Gruppendynamik bei isoliert operierenden Terrorzellen – außer Acht lässt.

Der Imam macht sich dünne

Wir haben also einen liebenswerten, achtzehnjährigen Jungen vor Augen, dessen ägyptischer Vater sich schon vor etlichen Jahren davongeschlichen hat. Wir sehen seine irischstämmige, rothaarige Mutter, die von der Erziehung ihres Sohnes leicht überfordert scheint und lieber in ihrem Atelier an ihren Bildern feilt.

Und Ahmed, der seit seinem elften Lebensjahr zum Koranunterricht geht und schließlich der einzige Schüler seines Imams bleibt. Das wirkt an sich schon ein wenig unglaubwürdig, aber jeder mag das anders empfinden. Man kommt nicht um den Verdacht herum, dass Updikes Roman der Dämon fehlt, der den unschuldigen Jungen ins Reich des Bösen einführt. Der Imam ist es jedenfalls nicht, auch wenn dieser Ahmed später als Märtyrer rekrutiert und sich zu guter Letzt verdünnisiert. Dünn ist dann auch der Charakter des fanatischen Geistlichen geblieben.

Sie wollen simple Unterscheidungen

Dabei wird Updikes Roman ja von einer guten Idee getragen, die Jack Levy folgendermaßen auf dem Punkt bringt: Es gebe bei den jungen Leuten einen «Hunger nach, wie soll man's nennen, nach dem Absoluten, da alles so relativ ist und die ökonomischen Kräfte ihnen sofortige Befriedigung und Kreditkartenschulden aufdrängen.

Diesen Hunger gibt es nicht nur bei den Christen im rechten Lager – siehe Ashcroft und seine morgendliche Erweckungsrunde unten in Washington. Du nimmst ihn auch an Ahmed wahr. Und an den Black Muslims. Die Leute wollen zu simplen Unterscheidungen zurück – schwarz und weiß, richtig und falsch –, nur sind die Dinge nicht so simpel.»

Ahmeds verrutschtes Weltbild

Jack Levy verweist damit auf einen schönen Aspekt des Buches – wie auch überhaupt der alternde Lehrer, der sich Sorgen um Ahmeds Werdegang macht, eine gut geratene Figur ist: Ein von jüdischer Zerrissenheit geprägter Charakter mit dem Galgenhumor eines Woody Allen. Die Erklärung für Ahmeds Handeln bleibt dennoch viel zu schablonenhaft.

Natürlich sagt Ahmed: Die Ungläubigen wollen mir meinen Gott wegnehmen. Und natürlich ist dieser liebenswerte, von einem verrutschten Weltbild verwirrte junge Mann umgeben von Leuten, die sich mit idealistischen, ja existenziellen, tiefgründigen Fragen offensichtlich nicht beschäftigen.

Das Doppelbödige im Alltäglichen

Da ist die alte Einsamkeit der jungen, sensiblen Männer in der westlichen Welt. Künstler kennen das Gefühl bestens. Und doch gelingt es Updike nicht, Ahmed glaubhaft in einem gruppendynamischen Prozess darzustellen, wo sein Glaube innerhalb einer isolierten, fanatischen Gruppe jenen fahrlässig-dubiosen Sinn erfährt, der in gefährlichen Realitätsverlust mündet. Man braucht sich da nur einmal die Dokumentationen zu jener Hamburger Terrorzelle anzuschauen, die den 11. September verursachte.

Aber das ist auch nur ein Fehler, den der überaus erfahrene Verfasser eines bemerkenswerten Werks macht. Der andere ist das Resultat einer ganz gewöhnlichen Blindheit, mit der jeder Schriftsteller zeitweise geschlagen sein kann. John Updike ist stets ein hervorragender Autor gewesen, wenn es darum ging, dem Banalen, dem scheinbar Einfachen, dem Alltäglichen das Doppelbödige, das Abgründige abzugewinnen.

Attas letzte Tage

Seine zahlreichen Darstellungen von fehlgeschlagenen Ehen und seine Schilderungen vo unersättlichem Appetit seiner Figuren nach Sex sind meisterhaft – das bleibt auch in diesem neuen Roman spürbar. Das Teuflische eines Terroristen – das Diabolische, welches Religion, Idealismus, politische Weltbilder, Fanatismus miteinander verquickt – ist aber nicht sein Gebiet. Und so bleibt Ahmed auf diesem Terrain schließlich sonderbar allein – und der Leser auch, weil seine Fragen nach den Ursachen des islamischen Terrorismus' nicht beantwortet werden.

In der Beilage zum 11. September der FAS am 3. September 2006 konnte man Martin Amis' leicht gekürzte Erzählung «Muhammad Attas letzte Tage» lesen. Joseph Conrad und Fjodor Dostojewsky nicht unähnlich scheint der englische Autor das Abgrundtiefböse seines Muhammad Atta nicht nur auszuloten, sondern es mit sprachlichen Mitteln nahezu zu streicheln und so zu ergründen.

Die letzte Kusshand des Lebens

Amis muss das Böse gar nicht erklären (wie es Updike vergeblich versucht). Er legt es in der Sprache der Terroristen selbst frei. Und in der Idee des «Dschihad», die Amis' Atta so fasziniert, dass er sich von seiner Selbstauslöschung den kurzen Kitzel einer hasserfüllten, göttlichen Perspektive verspricht. Der unglaubliche Schluss von Amis' Erzählung verursacht eine Gänsehaut.

Da ist Atta schon in den Nordturm des World Trade Center geflogen – und es heißt: «Sein Geist fingerte stöhnend an einer Unvereinbarkeit, einer Niederlage, einer Selbstauslöschung herum. Das Vergnügen des Tötens verhielt sich proportional zum Wert dessen, was zerstört wurde. Aber dieser Wert war etwas, das der Mörder niemals sehen und niemals beurteilen konnte. Und wo war das Vergnügen, dieses Prickeln, dieser schoflige Kitzel?

Ja, wie sehr er das unterschätzt hatte. Wie ungeheuer er das Leben unterschätzt hatte. Sein eigenes hatte er gehasst und nicht mehr haben wollen; aber sieh, wie lange es brauchte, sich aus dem Staub zu machen – und mit welch hilflosem Schmerz er es gehen sah, unerschütterlich in seiner Schönheit und seiner Kraft. Noch als sein Fleisch briet und sein Blut kochte, war Leben da und warf ihm eine Kusshand zu. Dann verhallte es und endete.»

Die Fliehkräfte des Bösen

Und doch muss man auch Updikes Roman einige sehr gute Stellen zugestehen, die allerdings mit dem Thema des Terrorismus wenig bis gar nichts zu tun haben. Beispielsweise sind das die Beschreibungen von Levys übergewichtiger Frau Beth, die sich nachmittags Soap Operas im Fernsehen anschaut. Das ist wunderbar – erhellend genau, komisch und interessant.

Updike-Fans wird dieses Buch also nicht völlig enttäuschen. Vielleicht kann es auch nicht verwundern, dass der Autor keine Sprache für die irrationale und perverse Logik des islamischen Terrorismus findet. Updike bewunderte stets Nabokov, der wiederum Conrad und Dostojewski für mittelmäßig hielt. Gerade solche Autoren sind allerdings gefragt, wenn es um einen Begriff von den Fliehkräften des Bösen geht.

John Updike: Terrorist. Roman. Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. Rowohlt 2006, 397 Seiten. 19,90 Euro

 
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