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Karasek liest: 

Die grenzenlose Freiheit des Einsamen

25. Aug 2006 07:33
Ein Überfluss an Dingen – aber kein Mensch weit und breit. In Thomas Glavinics Endzeitroman findet sich der Protagonist mit sich selbst allein. Und produziert einen unangenehmen Doppelgänger.

für die NZ von Benjamin Beck und Tal Sterngast

Von Manuel Karasek

Wahrscheinlich werden die meisten Rezensionen zu Thomas Glavinics Roman «Die Arbeit der Nacht» mit einer kurz gefassten Inhaltsangabe beginnen: Eines Morgens erwacht der Mittdreißiger Jonas als einziges lebendes Wesen in einer toten und leer geräumten Welt. Alle sind verschwunden – egal ob Mann oder Frau, jung oder alt.

Keiner hat dafür eine Erklärung, geschweige denn eine Spur hinterlassen. Und auch die Tiere haben sich in Luft aufgelöst: Kein Vogel singt durch Zweig und Sommerblatt, keine Mücke schwirrt durch die gewitterschwere Wiener Luft. Jedes Gebäude ist intakt, jedes Auto benutzbar, Benzin kostet nichts und steht unbegrenzt zur Verfügung.

Natürlich erinnert Jonas' alptraumhaftes Erwachen an die unglücklichen Helden von Franz Kafka, deren Bettruhe von grundlos auftauchenden Gesetzeshütern und Horror-Metamorphosen arg gestört wird. Doch der übergangslose Sprung in eine Welt, die längst ins Surreale gekippt ist, lässt einen auch an Stephen King und Bret Easton Ellis denken.

Im Gefängnis der Ängste

Thomas Glavinic
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Und mehr noch: Jonas mutet wie ein Robinson Crusoe an, gespült an die Gestade eines weltgroßen Eilandes, das von gnadenloser Leere und gespenstischer Stille beherrscht wird. Die Freude über den unbegrenzten Zugang zum Konsumangebot und einer damit verbundenen allmächtigen Freiheit weicht allmählich einer lebensbedrohenden Paranoia, in der Jonas von den Stimmen und Gestalten gequält wird, die seine Einbildung ihm vorgaukelt.

Man begreift schnell den Parabelcharakter von Thomas Glavinics Geschichte: Der Mensch, der in das Gefängnis seiner existenziellen Ängste fällt und somit die eigentlichen Bedingungen seines Menschseins erst erfährt. Man begreift diesen Punkt deshalb so gut, weil die Story den Leser dauernd mit der Frage konfrontiert, wie er anstelle von Jonas handeln würde.

Massenhaft Platz auf dem Planeten

Und der bringt einen häufig auf die Palme: Zwar versucht der sprichwörtlich von aller Welt verlassene Held über Funk, nachdem alle anderen Kommunikationstechniken versagt haben, irgendeine Seele auf diesem leeren Planeten ausfindig zu machen. Aber er bleibt ansonsten – mal abgesehen von zwei mutlosen Abstechern nach Salzburg und Linz – bis fast zum Schluss in Wien. Schließlich fragt man sich, ob das gut gehen kann: Ein einziger Protagonist in einer verödeten Welt, beschrieben auf 395 Seiten. Dazu später mehr.

Zunächst einmal frappiert der Reichtum an Implikationen, die der Phantasie des 1972 geborenen österreichischen Autors innewohnen. Bei 6,3 Milliarden Menschen mit eindeutiger Tendenz zur Vermehrung muss man sich schließlich eher über den künftigen Platzmangel auf unseren Planeten Sorgen machen.

An Freizeit kein Mangel

Doch die freudschen Phantasien über die Fragen nach den Grenzen individueller Omnipotenz, denen Glavinics Roman Gestalt verleiht, dürfte wohl jeder mindestens schon einmal durchgeträumt haben. Es ist auffällig, dass sich der Schriftsteller, der schon in seinen anderen Büchern durch ungewöhnlich phantasievolle Plots auffiel, sich sehr schnell dafür entscheidet, die Grenzen seines Helden aufzuzeigen. Statt die Welt zu erkundschaften, zieht Jonas die Grenzlinie immer enger, bis diese sich wie ein Strick um seinen Hals schließt.

Es hat schon etwas Verrücktes, wie der arme Mann eine Kamera nach der anderen organisiert und sie in seiner Wohnung sowie an vielen Punkten der menschenleeren Stadt aufstellt. Und wie er sich in seiner unbegrenzten Freizeit diese Videos anschaut, auf denen entweder nichts zu sehen ist, was von einem anderen Lebewesen künden würde, oder eben nur er selbst: Wie er schläft oder eben auch merkwürdige Dinge tut. Als Schlafwandler rammt er einmal ein Messer derart fest in die Wand, dass es ihm am Tage nicht mehr gelingt, es herauszuziehen.

Das Warten auf die Explosion

Das Beängstigende daran ist, dass Jonas sich langsam in zwei sich widersprechende Personen spaltet. Und diesen Doppelgänger empfindet der Alleingebliebene als Bedrohung. Glavinics Text erhält dadurch eine Ebene, die wie eine geduldig genaue Beschreibung der Spaltung eines Atoms anmutet. Und der Leser fragt sich, wann es zur Explosion kommt.

Dass Jonas – der letzte Mensch, der diese Welt überhaupt noch wahrnehmen und beschreiben kann - diese Zeitbombe ist, erweist sich als eigentlicher Spannungszünder dieses Romans. Aus der Verarbeitung eines eigentlich kargen Stoffes heraus und durch sein suggestives Sprachvermögen hat Thomas Glavinic tatsächlich eine ungewöhnlich gehaltvolle Fiktion geschaffen.

Kampf mit dem Schläfer

Es ist eine kühne literarische Phantasie über die Apokalypse, gespeist aus den Ängsten atomarer Auslöschung, die in den achtziger Jahren vor allem europäische Gemüter bedrückten. «Wie war es geschehen?», fragt sich Jonas des Öfteren, als sein vermeintlicher Doppelgänger wieder etwas völlig Rätselhaftes unternimmt. Mal quält ihn plötzlicher Zahnschmerz, mal wacht Jonas auf und findet sein Bett – blutumströmt. Während er mit der Zunge das Fehlen mehrerer Zähne erspürt, kann er sich an die letzte Nacht nicht erinnern.

Geradezu unüberbietbar doppelbödig gestaltet Glavinic Jonas' Kampf mit dem Schläfer – so nennt er seinen Doppelgänger. Am Ende des Buches flüchtet der träge Held endlich für kurze Zeit aus Wien und macht sich in England auf die Suche nach seiner Freundin. Er weiß, dass er sie nicht finden wird.

Ein Glas austrinken und abstellen

Am Tag legt Jonas auf der britischen Insel nicht wenige Kilometer zurück. Aber nach einer eher ohnmächtig als schlafend verbrachten Nacht findet er sich am Ausgangspunkt seiner Reise wieder. Schließlich hält sich Jonas nun nur noch durch Pillen wach. Es ist ein langsamer Suizid, den Glavinic mit einer eindrucksvollen Sprache begleitet, die von großer visionärer Hellsicht ist und von einer schmerzenden Klarheit, die sich von den Halluzinationen und Jonas' tödlicher Übermüdung herleitet.

Dieses hohe technische Können sowie große Einfühlungsvermögen hat allerdings auch eine Kehrseite, die sich ebenfalls in Glavinics Sprache manifestiert: Die Schilderungen von Jonas' Tagesabläufen bringen den Leser schier zur Verzweiflung: Wie Jonas eine Tür aufbricht, um eine unbekannte Wohnung auszukundschaften, wie er eine Treppe rauf- und runtersteigt, ein Glas Wasser trinkt, es auf den Tisch stellt, wieder eine Tür aufbricht, wieder eine Treppe rauf- und runtersteigt – all das erfordert eine engelsgleiche Geduld.

Sich selbst nicht ertragen können

Die haargenauen Beschreibungen, in der das Aufstellen der Kameras und deren nahezu ergebnislose Auswertung im Mittelpunkt stehen, erscheinen ähnlich überambitioniert wie einst «Das kleine Fernsehspiel.» Glavinic macht es also seinen Lesern nicht leicht, belohnt sie allerdings zum Ende hin mit unglaublich schönen Passagen. Deshalb muss das alles so sein.

Einmal räsoniert er über die Frage, warum manche berühmten Persönlichkeiten wie zum Beispiel Filmstars oder Sänger, sich umbringen, obwohl sie doch alles im Leben hatten. Und findet eine bestechend einfache Antwort:

«Erst später hatte er begriffen, warum sich diese Menschen töteten. Natürlich aus denselben Grund wie die Unberühmten und Armen. Sie konnten sich nicht an sich selbst festhalten. Sie ertrugen es nicht, mit sich allein zu sein, und hatten erkannt, dass das Zusammensein mit anderen das Problem nur leiser drehte, in den Hintergrund rückte, nicht aber löste. Vierundzwanzig Stunden am Tag man selbst zu sein, nie ein anderer, das war in manchen Fällen eine Gnade, in anderen ein Urteil.»

Eine Kreatur namens Mensch

Eine zentrale Stelle lässt einen – gerade weil Glavinic die ehemalige K.u.K-Metropole als von Menschen und Gott verlassenen Ort beschreibt – an den Franz Kafka aus den Tagebüchern zurückdenken, mit seinen aus den Träumen springenden weißen Pferden und den Gespensterstimmen, die aus seinem zerrütteten Innern flüstern.

Hier verspürt der Leser plötzlich dieses Mitgefühl für eine einsame Kreatur namens Mensch – übrigens von einem Dichter erdacht wie erträumt, der zeitweise schwer unter Schlaflosigkeit litt.

Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht, Hanser Verlag 2006, 395 Seiten. 21,50 Euro

 
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