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Karasek liest: 

Und in der Glotze fliegen die Fetzen

18. Aug 2006 07:13
Beim Thema Terrorismus in der Literatur erscheint schriftstellerisches Einfühlungsvermögen angesagt. Chris Cleave bedient sich stattdessen beim Splatterfilm und Hard-Core-Porno.

für die NZ von Benjamin Beck

Von Manuel Karasek

Der holländische Fußballspieler van Persie hat das besondere Erlebnis, dass der Ball, den er soeben aufs gegnerische Tor geknallt hat, aufgrund einer gewaltigen Explosion auf der Osttribüne im Arsenalstadium zu ihm zurücksaust – und genau vor seinen Füßen landet, «zusammen mit einem Männerarm.» Das ist an sich schon genug an grauenhaften Einzelheiten, die von einem fiktiven terroristischen Anschlag ausgehen.

Der englische Autor Chris Cleave verschweigt in seinem literarischen Debüt «Lieber Osama» seinen Lesern auch gar nichts: «Es war ein kräftiger, beharrter Arm, Typ Imbissbudenbesitzer», schreibt er. Und ergeht sich in weiteren Details: «Man konnte sogar die Tattoos erkennen.» Macht sich da vielleicht jemand größter geschmacklicher Verfehlung schuldig, wenn er bei einem so finster-ernsten Thema auf schlichte Methoden des Splatter-Movies zurückgreift?

Stielaugen vor Liveübertragung

Terroranschlag in London, Juli 2005
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Sollte man also den moralischen Zeigefinger heben? Mehr Pietät vor den Opfern fordern? Chris Cleaves namenlose Ich-Erzählerin, die bei dem Anschlag ihren Mann und ihren gerade mal dreieinhalb Jahre alten Sohn verliert, hat schon einen auffällig unschuldigen Ton drauf, dessen Ehrlichkeit sich dadurch auszeichnet, dass er nichts ausblendet.

«Ich streckte ihm die Zunge raus», erzählt sie etwa von ihrem Seitensprung mit dem Journalisten Jasper Black, «und zog den BH aus. Toll, was für Stielaugen er da bekam.» Und dann hat die Heldin im Hard-Core-Originalton («Jasper Black fand meinen Kitzler») Sex mit dem Journalisten, während beide live im Fernsehen verfolgen, wie fanatische Muslime die Osttribüne des Stadiums in die Luft sprengen.

Ein programmierter Erfolg

Genug! könnte man schließlich denken. Man liest allerdings mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen weiter. Und fragt sich: Kann es sein, dass da jemand wirklich so abgrundtief zynisch ist und einen Roman schreibt, der sich durch scheinbar geringes Einfühlungsvermögen in die Realität von Opfern und Tätern des Terrorismus auszeichnet?

Und dass er ihn in dem Wissen schreibt, dass der Stoff, der sich aus den Mustern kollektiver Ängste und Phantasien speist, auf breites Interesse stoßen wird - der Publikumserfolg also vorprogrammiert ist.

Erzählerischer Kunstgriff

Wozu braucht man da noch die Literaturkritik, wenn Bücher mit einem so offensiven Promotergeist in die Welt gesetzt werden, dass sie sich beinahe automatisch verkaufen? «Lieber Osama» erscheint zunächst nicht nur wie ein sehr langer Brief von einer völlig traumatisierten Frau, die den Verlust ihrer Familie kaum zu bewältigen weiß. Er erscheint auch wie ein Brief an eine verängstigte Öffentlichkeit.

Was so viel Bedenken auslöst, erweist sich allerdings zunehmend als virtuoser Kunstgriff von Chris Cleave. Und er beantwortet über narrative Umwege die Fragen, die im Kontext kollektiver Ängste entstehen. Wie groß ist die Gefahr wirklich für die westlichen Zivilisationen, die von islamischen Fanatikern ausgeht? Wem nutzt die Furcht? Etwa dem Staat oder den Nachrichtendiensten? In England erschien das Buch kurz nach den Anschlägen im Juli 2005 auf das Londoner U-Bahnnetz und verursachte selbstredend einen Skandal.

Besuch von Prinz William

In Cleaves Roman singt Elton John das Lied «Englands Heart is bleeding»; der Himmel Londons wird währenddessen von tausend Ballons bedeckt, auf denen die Gesichter der Opfer vergrößert abgebildet sind; der Tag des Anschlags heißt schlicht und ergreifend «der 1. Mai» – so wie man vom 11. September spricht, der übrigens auf diesen 300 Seiten nicht einmal erwähnt wird.

Derweil erleidet die Heldin, die auf der Suche nach ihren Lieben durch brennende Trümmer und Strömen von Blut schwer verletzt wird, mehrere Nervenzusammenbrüche und wird im Krankenhaus von Prinz William besucht. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Heldin auch noch Ähnlichkeit mit Lady Di hat.

Kein Tag ohne Deadline

Wem da während des Lesens nicht ein Laut der befremdeten Verwunderung entfährt, der ist – was den Konsum von zeitgenössischer Belletristik angeht – ein harter Bursche. Doch die Lektüre bleibt erstaunlich ambivalent. Die Sprache ist ganz klar die eines Trivialromans, gespickt mit umgangssprachlichen und milieubedingten Ausdrücken: Zigaretten heißen «Ziggen», die Ich-Erzählerin fühlt sich öfters ganz «fickerig».

Und auch die Dialoge sind klassisch stereotyp. «Bei der Zeitung zum Beispiel lebst du jeden Tag mit einer Deadline», jammert Jasper Black vor dem Krankenbett der Ich-Erzählerin. «Ich hasse das, aber ohne Deadline könnte ich wahrscheinlich gar nicht arbeiten. Mein Tag hätte keine Struktur.»

Dieser Puder ist spitze

Doch Cleaves verdreht immer wieder die einfache Handlung und verleiht ihr damit eine satirische Note. Schönes Beispiel dafür ist, wie die verzweifelte Protagonistin nach Jasper Blacks Krankenhausbesuch einen Selbstmordversuch unternimmt, die Pillen von den Nachbartischen stibitzt, diese zermahlt und den daraus gewonnenen Puder in ihren Infusionsbeutel schüttelt.

Bald findet sie alles nur noch «wunderwunderschön». Und erklärt: «Da wurde mir klar, dass mich das Zeug gar nicht umbrachte, sondern im Gegenteil dafür sorgte, dass ich mich spitze fühlte.»

So ist auch die Dreiecksgeschichte zwischen Jasper Black, der kalten Karrieristin Petra Sutherland und der Ich-Erzählerin eine reine Trivialromankonstruktion - und gleichzeitig Satire. Neben dem Talent, aus dem Stoff das Abstruse herauszufiltern, beweist Cleave in der Behandlung des Materials eine bewundernswert subversive Ader.

Schnapp-schnapp-schnapp

Dabei ist der Roman nicht unkomisch. Als die arme gebeutelte Ich-Erzählerin nach Monaten im Krankenhaus in ihre Wohnung zurückkehrt, überrascht sie Jasper und Petra beim Sex in ihrem Wohnzimmer: «Jasper nannte die Frau eine GEILE ASI-SCHLAMPE. Dann machten sie nur noch ah-ah-ah.»

Skurril wirkt schließlich auch eine Eifersuchtsszene, in der sich Petra vor den Augen ihrer Liebesrivalin selbst bestraft und zur Schere greift: «Schnapp-schnapp-schnapp fing Petra an, ihre Haare abzuschneiden. Goldene Strähnen segelten überall auf den Teppich, während sie rief: HIER UND HIER! SO GEFÄLLTS IHM DOCH? DA, GUCK.» Am Ende sehen beide aus wie Lady Di.

Eine Heilige in einer Welt der Finsternis

Chris Cleaves Erstling erweist sich somit letztlich nicht als PR-Mogelpackung, sondern als ein böses Märchen über eine durch und durch materialistische Gesellschaft, in der es nur noch Werte und Gefühle unter den Bedingungen des freien Marktes gibt. Dieser Gedanke ist nicht neu und seine Darstellung auch nicht – nur gewinnt er in der Kombination mit dem nicht greifbaren Terror eines Osama bin Ladens an Brisanz, weil die Terroristen gerade den gottlosen Materialismus des Westens treffen wollen.

Bei allen Figuren des 1973 geborenen Autors liegen die Nerven blank. Die hier dargestellte Londoner Gesellschaft – wenngleich scherenschnittartig zu Schau gestellt und auf einen einfachen Nenner gebracht, ist dem Terror, obwohl der erst begonnen hat, schon jetzt nervlich nicht mehr gewachsen. Eine Heilige – die Ich-Erzählerin – wandelt zunehmend durch eine Welt der Finsternis. Und Chris Cleaves Roman bekommt literarisches Format.

Der Staat braucht den Terror

Die herzensgute und vom Schicksal so schwer gebeutelte Ich-Erzählerin und die übrigen Figuren gruppieren sich zu einem Kabinett heutiger Prototypen. Jasper Black – ein Schwächling, Petra Sutherland dagegen willensstark aber völlig skrupellos – und schließlich Terence Butcher, der eiskalte Ermittlungschef von Scotland Yard.

Der verrät der Ich-Erzählerin in einem schwachen Moment, die Polizei hätte von dem Anschlag gewusst und ihn deswegen nicht abgewehrt, um stattdessen spätere, größere Terroraktionen zu verhindern. So instrumentalisiert der Staat den Terrorismus und erweist sich zunehmend als Zwilling seines Gegners.

Ein Kopf für vier Millionen

Daraus erklärt sich auch, warum der Brief an Osama gerichtet ist. Die namenlose Heldin bringt zwar kein Verständnis für die Verbrechen des Terroristenführers auf, aber sie schreibt ihm – und nicht Tony Blair oder der Queen. Darin steckt ein Stück Affirmation gegenüber dem Terrorismus – nicht aber gegenüber seiner Gewaltanwendung. Was die Briefeschreiberin mit Osama gemein hat, ist diese krude, schwer auszumachende Materialismuskritik.

Ob allerdings der verschwörungstheoretische Erklärungsansatz sowie die subtextliche Vulgärdialektik wirklich schockt, das sei dahin gestellt. Und es muss auch jeder selbst entscheiden, ob er beispielsweise solche Szenen, in denen sich zwei halbverbrannte Fans um den abgerissenen Kopf eines Fußballstars streiten («Er hat vier Millionen gekostet!»), geschmacklos findet oder nicht.

Chris Cleave: Lieber Osama. Roman. Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 300 Seiten. 19, 90 Euro

 
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